Er arbeitete in Hamburg, hatte hier Frau, Geliebte und Familie. Dann verschwand Ahmad S. Am Telefon erzählte er seiner Mutter, er wolle als Märtyrer sterben. Nun ist er in Händen der CIA. Seine Aussagen versetzen ganz Europa in Terrorangst. Von J. Gunst, O. Schröm, U. Rauss und D. Liedtke

Talibankämpfer in Maydan Shahr, westlich von Kabul
© AFP Photo/STR/Files
Ein Anruf aus Pakistan: "Weißt du, Mama, die Amerikaner vergewaltigen sogar alte Männer." - "Unglaublich." - "Weißt du, Mama, unsere Brüder hier sind so tapfer, dass die amerikanischen Soldaten aus Angst Pampers tragen.
Sie machen in die Hose, wenn sie uns sehen. Heute sind auch welche getötet worden. Wir werden auf ihren Arsch schießen." - "Gott ist gut." Die Ermittler, die das Gespräch abhören, notieren Datum und Zeit: Montag, 28. Dezember 2009, 11.46 Uhr. Sie wissen, welcher Sohn da mit seiner Mutter in Hamburg telefoniert. Es ist nicht das erste Telefonat von Ahmad S., 36, das sie aufzeichnen, und auch nicht das letzte.
Mittwoch, 6. Januar 2010: "Das Leben in Deutschland ist nicht gut. Ihr lebt mit Schwulen, Lesben, Juden, Ungläubigen. Ich habe den richtigen Weg gewählt.
Ich will, dass am Tag des Jüngsten Gerichts alles stimmt. Ich möchte mit der ganzen Familie ins Paradies.
Irgendwann wirst du, Mama, sagen: Bravo, mein Sohn." Mittwoch, 13. Januar 2010: Ganz so großartig scheint der Kampf der Gotteskrieger nicht zu verlaufen, Sulaiman S., 23, ist kurz zuvor aus Pakistan nach Hamburg zurückgekehrt.
Ahmad, sein älterer Bruder, beteuert am Telefon: "Hier hatte mein kleiner Bruder so viel Spaß und alles. Ich habe ihm gesagt, gehe nicht." Die Mutter: "Aber es ist wahr, dass er krank ist. Er schreit immer nachts." - "Hier war er ruhig.
Ich wünschte, du wärst hergekommen und hättest alles selbst gesehen. Mama, warte mal, bis wir Afghanistan eingenommen haben. Dann kannst du sehen, wie viele kommen zum islamischen Schariastaat." Sonntag, 7. Februar 2010. "Ich mache immer noch die Computerarbeit, habe nun mein eigenes Büro, mein Gehalt ist erhöht worden, ich kann hier sogar noch drei Frauen heiraten. Ich bin sehr glücklich, hier herrscht der Islam." Die Mutter: "Ich habe geträumt, dass du zurückgekommen bist." Sie beginnt zu weinen.
Inzwischen sitzt der deutsche Staatsbürger Ahmad Wali S. als Gefangener im afghanischen US-Militärstützpunkt Bagram. Was er dort im Verhör gebeichtet hat, löste Terrorwarnungen in den USA aus und alarmierte die Sicherheitsbehörden europäischer Staaten.
Terror-Teams aus dem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet, sagte Ahmad S., sickerten in deutsche, britische und französische Großstädte ein und bereiteten dort simultane Kommandoaktionen mit möglichst vielen Opfern vor.
Osama bin Laden selbst habe die Pläne abgesegnet.
Die USA raten ihren Bürgern aufgrund der Aussagen zur Vorsicht bei Reisen nach Europa. "Die Klarheit der Details dieser Attentatspläne ist besorgniserregend", zitierte der US-Sender Fox News einen Geheimdienstler. Auf einer Liste möglicher Ziele stünden Hauptbahnhof, Fernsehturm, das Hotel "Adlon" in Berlin, der Eiffelturm in Paris. Um Hintermänner der geplanten Anschläge auszuschalten, erhöhte die CIA die Zahl ihrer Drohneneinsätze in Nordwaziristan von 4 im August auf 20 im September. Bei einem solchen Angriff wurden Anfang der Woche acht deutsche Extremisten getötet. Experten von BKA, Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst (BND) wollen Ahmad S. in Kürze in Bagram befragen. Sie haben bereits eine dicke Akte über den Gotteskrieger, der seit 2001 im Visier der deutschen Behörden ist.
Als Teenager kam der 1974 in Kabul geborene Ahmad Wali S. in den frühen 90er Jahren mit einem älteren Bruder nach Hamburg.
Zuvor war er als Flüchtlingskind in Indien aufgewachsen. Er entstammt einer bürgerlichen, gebildeten Großfamilie mit Ingenieuren, Juristen, Ärzten, Diplomaten, die sich nach und nach in Deutschland ansiedelte. Vater Mohammad Naim S. hatte in Afghanistan und im Ausland über Jahrzehnte Großraumflugzeuge geflogen und Piloten ausgebildet. Doch als er nach Hamburg kam, fand er keine Arbeit.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 41/2010