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Drohnen-Angriff in Pakistan Hamburg und die toten Islamisten


Nach dem Tod mutmaßlicher deutscher Islamisten im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet wird weiter über deren Identität spekuliert. Es soll Verbindungen zur sogenannten Hamburger Reisegruppe geben.
Von Manuela Pfohl

Montagabend, gegen 19.30 Uhr Ortszeit steuert eine unbemannte Drohne der US-Streitkräfte auf das Dorf Mir Ali im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet zu. Etwa drei Kilometer von Mir Ali entfernt hat sie ihr Ziel erreicht: das Haus von Shar Maula Khan, in dem einige Weitgereiste zu Gast sind. Sekunden später zerstören Explosionen die abendliche Stille im nord-wazirischen Stammesgebiet und finden ihren Widerhall in den Abendnachrichten der westlichen Medien. Es heißt, es seien zehn Islamisten bei dem Angriff getötet worden. Darunter auch fünf deutsche Staatsbürger mit Verbindungen zur terroristischen Islamischen Dschihad-Union (IJU). Die Männer hätten sich seit Monaten im Grenzgebiet zu Afghanistan aufgehalten und möglicherweise terroristische Angriffe geplant.

Eine offizielle Bestätigung für den Angriff des von US-Spezialisten ferngesteuerten Flugzeugs gibt es nicht. Die Statements örtlicher Geheimdienstmitarbeiter, die selbstverständlich nicht genannt werden wollen, sind der Nährboden für die Spekulationen, die seitdem kursieren.

Zu Besuch bei Shar Maula Khan

Noch ist nicht klar, wer genau die Toten des jüngsten Raketenbeschusses sind. Nach pakistanischen Angaben könnten darunter allerdings Mitglieder der sogenannten Hamburger Reisegruppe sein, einer Islamisten-Zelle, die sich in der inzwischen von den Behörden geschlossenen Hamburger Taiba-Moschee zusammen gefunden hatte, und im Frühjahr 2009 in die Region gereist war, um sich in al-Kaida-Camps für den Jihad trainieren zu lassen. Geheimdienstler behaupten, die Mitglieder der Hamburger Reisegruppe hätten zusammen mit einem Ableger der extremistischen Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) Anschläge in Europa geplant. Doch es ist fast unmöglich, ein genaues Lagebild aus den Extremisten-Hochburgen zu bekommen, denn die Politiker und Militärs in Islamabad und Washington hüllen sich beharrlich in Schweigen.

Nur soviel wird bekannt: Shar Maula Khan, eine lokale Talibangröße und Besitzer des zerstörten Gehöfts, ist im Juni gemeinsam mit dem 25-jährigen Hamburger Islamisten Rami M. von pakistanischen Polizisten in der Region festgenommen worden. Der Deutsch-Syrer Rami M. gilt als Organisator der Hamburger Reisegruppe und wurde im August in seine Heimat abgeschoben, nachdem er unter mehr als merkwürdigen Umständen in Pakistan "aufgegriffen" worden war.

Was hat Ahmad S. erzählt?

Ob der Mann, der inzwischen in der Justizvollzugsanstalt im hessischen Weiterstadt sitzt, den Sicherheitsbehörden etwas über die Pläne der Hamburger Reisegruppe berichtet hat, ist nicht bekannt. Stattdessen weisen die Gerüchte auf ein weiteres Mitglied der Hamburger Pakistanreisenden. Ahmad S., ein 36-jähriger Deutsch-Afghane, der zusammen mit seiner Frau, seinem Bruder Suleyman, Rami M. und weiteren Freunden Anfang März 2009 zum Trip in den Heiligen Krieg aufgebrochen sein soll, wurde im Juli 2010 gefasst und sitzt seitdem im berüchtigten US-Foltergefängnis in Bagram, wo er "umfängliche Aussagen" gemacht haben soll.

Vielleicht stammen auch die Erkenntnisse über Aktivitäten und Zusammensetzung der IJU aus dieser Quelle, die pakistanische Sicherheitskreise verbreiten. Demnach wurde die Gruppe im Jahr 2002 in den Stammesgebieten als Ableger der extremistischen Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) gegründet, um Muslime in Zentralasien und Europa für den Heiligen Krieg zu gewinnen. 500 Kämpfer sollen inzwischen für die IJU im Einsatz sein, darunter mehr als 60 türkischstämmige sowie zum Islam konvertierte Deutsche.

Trainingslager in Mir Ali

Ihr Hauptquartier habe die IJU in der Region Mir Ali, wo es neben Unterkünften auch Trainingslager für die jungen Rekruten aus Europa geben soll, heißt es. "Die meisten dieser Einrichtungen liegen weit ab und haben keinen Straßenzugang", sagt ein Geheimdienstler, der sich in den Bergen Waziristans auskennt. "Nach einer Autofahrt über eine Schlammpiste gelangt man oft nur zu Fuß oder per Pferd ans Ziel."

In den vergangenen Jahren soll die IJU für zahlreiche Anschläge im benachbarten Afghanistan und in anderen Ländern verantwortlich gewesen sein. So war Anfang 2008 ein Video aufgetaucht, in dem der aus Bayern stammenden türkischstämmige Islamist Cüneyt C. ankündigt, bei einem Selbstmordanschlag sein Leben "für die Ehre des Islam" zu opfern. Dem Attentat in der afghanischen Provinz Chost fielen vier Menschen zum Opfer. Wenige Monate später drohte der Konvertit Eric Breininger im Namen der IJU mit Anschlägen in der Bundesrepublik.

One-way-Ticket in den Jihad

Völlig unklar ist bislang, wie es möglich war, dass die Hamburger Reisegruppe unbehelligt zu ihrem Pakistan-Trip aufbrechen konnte. Vertreter der Hamburger Sicherheitsbehörden hatten nach dem Verbot der Taiba-Moschee im August 2010 erklärt, dass der Moscheeverein seit 2001 "mit allen nachrichtendienstlichen Mitteln" überwacht worden sei. Weshalb bemerkten die Spezialisten dann nicht, dass insgesamt elf Muslime aus der Moschee ihre Koffer packten, sich Visa für Pakistan und One-way-Tickets in den Jihad besorgten?

mit DPA

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