Mutmaßlicher NSU-Helfer soll V-Mann gewesen sein

26. September 2012, 09:27 Uhr

Nach Informationen von stern.de steht Ralf Wohlleben, einst engster Vertrauter des Terrortrios NSU, im Verdacht als V-Mann für das Bundesamt für Verfassungsschutz gearbeitet zu haben. Von Johannes Gunst, Lena Kampf und Oliver Schröm

3 Bewertungen
Verfassungsschutz, NSU, Terrorzelle, Zwickauer Zelle, Wohlleben, Ralf Wohlleben, V-Mann

Sitzt als letzter Beschuldigte im NSU-Ermittlungsverfahren außer Beate Zschäpe noch in Untersuchungshaft: der mutmaßliche NSU-Waffenlieferant Ralf Wohlleben©

Ralf Wohlleben war nach Erkenntnissen der Ermittler der Logistiker für das Untertauchen von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Sogar bei der Beschaffung der Ceska 83 soll er geholfen haben, mit der die Rechtsterroristen von 2000 bis 2006 neun Migranten ermordeten. Deswegen ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen Ralf Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord.

Der jetzt aufgetauchte Hinweis auf seine Spitzeltätigkeit stammt ausgerechnet von einem Bundesanwalt. Der erfahrene Beamte hat seinen Kollegen in der Staatsschutzabteilung, die gegen Wohlleben, Zschäpe und elf andere Personen ermitteln, nun auf eine brisante Erinnerung aufmerksam gemacht: Wohllebens Name soll auf einer Liste mit Klarnamen von V-Personen gestanden haben, die vom Verfassungsschutz als Quellen in der NPD geführt wurden. Der heutige Bundesanwalt hatte 2003 als Unterabteilungsleiter im Bundesinnenministerium gearbeitet und war in dieser Funktion auch mit dem NPD-Verbotsverfahren betraut. Das Verfahren wurde 2003 eingestellt, weil der Bundesvorstand der Partei von V-Personen durchsetzt war. Dabei hatte der Beamte Einblick in diese Liste nehmen können und sich zwei Einträge mit der gleichen Endung besonders eingeprägt: "Wohlleben" und ein weiterer Namen der mit "leben" endet (der volle Name ist der Redaktion bekannt). Beide Namen standen in der Liste direkt untereinander. Bei beiden Personen handelt es sich um NPD-Funktionäre.

Verfassungsschutzpräsident Maaßen muss zum Rapport

Nachdem Mitte September stern.de den ebenfalls als Beschuldigten geführten Thomas S. als V-Mann des Berliner LKAs enttarnte, erstellte der Bundesanwalt einen schriftlichen Vermerk über seine Erinnerung. Der Vorgang gelangte zu den Akten, die Bundesanwaltschaft informierte am Freitag das Innenministerium. Minister Friedrich wurde nervös. Kurzfristig trommelte er die Obleute des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag zusammen. Diese Wochen fanden weitere Sondersitzungen statt, unter anderem mit Innenstaatssekretär Klaus-Dieter Fritsche und Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. Den Politikern wurde dabei eine Liste vorgelegt, aber der Name von Wohlleben war nicht darauf.

Hat sich der Bundesanwalt getäuscht? Seit acht Uhr am heutigen Mittwoch tagen die Obleute wieder, der Verfassungsschutzpräsident kommt am Vormittag noch zum Rapport in den Innenausschuss. Denn nach wie vor steht die Frage im Raum, ob Wohlleben, der mutmaßliche Top-Helfer des NSU, ein vom Staat bezahlter Spitzel war.

Bislang hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) wiederholt bestritten, Beschuldigte als V-Personen geführt zu haben. So hatte etwa die Bundesanwaltschaft im März um Auskunft zu möglichen Behördenkontakten der 13 Beschuldigten gebeten. Die Rückmeldung des BfV: negativ.

Wohlleben schweigt in der U-Haft

Wohlleben trat ein Jahr, nachdem die drei Bombenbauer im Januar 1998 untergetaucht waren, in die NPD ein. Er gründete den Kreisverband Jena und wurde dessen Vorsitzender. In kürzester Zeit avancierte der Neonazi, der zuvor mit dem NSU-Trio in der Kameradschaft Jena aktiv war, zur Nachwuchshoffnung seiner Partei. Im Juni 2000 wurde er ins Landespräsidium Thüringen gewählt, im Februar 2001 trat er den Job als Pressesprecher an. Wohlleben ist zuletzt stellvertretender Landesvorsitzende, bevor er 2010 aus der NPD austritt.

Sollte sich bewahrheiten, dass Wohlleben als V-Mann für das BfV tätig war, könnte seine Spitzeltätigkeit zumindest teilweise in die Zeit fallen, in der er noch in Kontakt zum untergetauchten Trio stand. Damals wurde noch intensiv nach ihnen gefahndet. Wohlleben war den Behörden als Vertrauter des Trios bestens bekannt. Mehrere Quellen des Landesamtes für Verfassungsschutz in Thüringen berichteten immer wieder über seine Kontakte zu den Untergetauchten - im März 1999 wird Wohlleben sogar observiert, um das Trio aufzuspüren - dabei half das BfV den Kollegen aus Thüringen.

So gilt Wohlleben nach Erkenntnissen des LfV bis mindestens 2001 als "Mitwisser des Verbleibs der drei Flüchtigen". Beispielsweise lehnte er am 1. April 2001 eine Spende für die Untergetauchten ab, mit der Begründung, dass diese "nach seinen Informationen kein Geld mehr benötigen, weil sie in der Zwischenzeit schon wieder so viele Sachen/Aktionen gemacht hätten." Zu diesem Zeitpunkt hatte der NSU bereits mehrere Banken überfallen und ein Sprengstoffattentat in einem iranischen Lebensmittelgeschäft in Köln verübt.

Seit Ralf Wohlleben in U-Haft sitzt, schweigt er. Sollte sich herausstellen, dass er tatsächlich ein Spitzel des Verfassungsschutzes gewesen ist, ist das der wohl größte Skandal in der langen Geschichte der NSU-Fahndungspannen.

 
 
MEHR ZUM THEMA
stern Investigativ
Anonymer Briefkasten: Haben Sie Informationen für uns? Anonymer Briefkasten Haben Sie Informationen für uns? Hier können Sie uns anonym Mitteilungen und Dateien zukommen lassen. Wir behandeln sie vertraulich.