Er hat sein Opus Magnum geschrieben - und die Titelseiten der Klatschpresse erobert: Peter Handke über schlaflose Nächte und die Liebe zu Katja Flint.

Schriftsteller Handke: "Ich bin überhaupt kein so genannter Softie"© DPA
Das Szenario lässt an einen Thriller denken: Nachdem in Europa die Erbfeindschaften wieder aufgeflammt sind, herrscht »das Dunkel einer Vorkriegszeit« - Bomber am Himmel ziehen »schwarze Kondensstreifen« hinter sich her, und in Paris ist der Eiffelturm von Terroristen gesprengt worden.
Die Heldin in Peter Handkes Roman »Der Bildverlust« ist eine berühmte Bankmanagerin aus dem »großmächtigen Deutschland«, die beschlossen hat, mit der »Geld- und Computer-Diktatur« zu brechen. Weil sie sich »anstelle der nichtendenwollenden Farbmagazin-Reportagen ein richtiges Buch über sich wünscht«, reist sie zu einem deutschen Autor nach Spanien, dem sie ihr Leben erzählen will.
»Mein Buch«, sagt Handke zum Auftakt des stern-Gesprächs in seinem Haus in der Pariser Vorstadt Chaville, »erzählt eine Liebesreise: Eine Frau ist auf der Suche nach ihrem verschwundenen Geliebten. Mehr werden Sie von mir zum Inhalt nicht hören.«
Das sind so kleine Tritte im Vorbeigehen. Diese ungehörigen Sachen machen mir Spaß. Das ist auch ein Vorteil des Alters, dass man nicht mehr so puristisch ist. In hundert Jahren wird da eine Fußnote stehen müssen, wer gemeint ist.
Ich habe ein gutes Jahr geschrieben, davon drei Monate im Freien. Ich hatte im Wald eine mittelalterliche Lichtung entdeckt, wo kein Mensch hinkommt. Da habe ich mich niedergesetzt. Herrlich war das.
Ich schlafe gegen Mitternacht sofort ein. Drei, vier Stunden später wache ich leider auf. Zuerst bin ich sauer, aber in den Zeiten des Schreibens finde ich die Schlaflosigkeit fast eine Gnade. Da liege ich fröhlich wach, und dann geht das Projizieren los. Nach zwei, drei Stunden habe ich die Episode des nächsten Tages schon ziemlich in mir. Das ist die fruchtbarste Zeit, ohne dass ich da was aufschreibe.
Das Trödeln weitet sich aus, je älter ich werde. Beim »Bildverlust« habe ich erst am frühen Nachmittag angefangen, weil das immer meine trübsinnigste Zeit im Leben war. Ich dachte: Gehe an die Arbeit, wenn die Farben in dir sich am meisten eintrüben. Die Bewegung, wieder ans frische Leben zu kommen, soll in der Bewegung der Sätze spürbar werden.
Ich hatte Ende der Achtziger drei Jahre keinen festen Wohnsitz, weil ich in der Welt herumgereist bin. In Andalusien dachte ich plötzlich, ich möchte etwas Geschriebenes von meinem Herumziehen mitbringen. Da gab es aber nur Schreibmaschinen mit spanischer Tastatur. Da sind die Buchstaben ganz woanders, und mitten in der schönsten Inspiration haut man dauernd daneben. Da dachte ich: Scheiß drauf, versuch doch mal, mit der Hand zu schreiben. Mit dem ersten Satz wusste ich, es ist gut so. Es war so heimelig, so warm, so intensiv. Über das Geräusch eines Bleistifts könnte ich fast eine Ballade schreiben. Es ist auch schön und richtig zu radieren. Man spürt, dass man beim Tun ist. Nur meine Theaterstücke schreibe ich auf der Maschine. Wenn Dialoge kommen, muss ich den Krach hören.
Ich sammele die nicht, die sammeln sich halt an. Ich werde sie doch nicht extra wegschmeißen. Wenn ich kein Geld mehr habe, versuche ich, die an ein Literaturmuseum zu verscherbeln.
Nicht wirklich. Ich war heilfroh, als ich wieder weg war. Ich habe Beckett dann noch zweimal gesehen, und es war eigentlich abschreckend, wie er umgeben war von Universitätsleuten und wie willig er auf diese doch servile Gesellschaft eingegangen ist. Da waren so richtig Bücklingsmenschen um ihn herum aus aller Herren oder Frauen Länder, und ich dachte: Um Gottes willen! Nur nicht so enden, dass mit siebzig jeden Tag drei Universitätsassistenten mich umlungern.
Rugby hat er gesagt. Und auf die Schulter schlagen war auch nicht. Beckett war ja viel größer, ich hätte mich auf die Zehenspitzen stellen müssen. Das Gespräch fand am Morgen in der Closerie des Lilas in Paris statt. Beckett hat ein Bier getrunken. Das hat mich angeheimelt und ermutigt zu fragen, was bei ihm außer Bier noch so im Alltag vorkommt. So kam ich auf das Fernsehen.