Er kann einfach alles: Liebhaber, Psychopathen, Mörder, Nazis und Helmut Schmidt. Und fast nebenbei ist Christian Berkel auch Hollywoods Liebling geworden. In Bryan Singers Widerstandsepos "Operation Walküre" spielt Kopfmensch Berkel jetzt einen Jugendfreund Stauffenbergs. Von Christine Claussen

Christian Berkel, ein Mann für alle Fälle© Michael Gottschalk/DDP
Das muss einem jemand erklären. Man hatte eine Art Hünen erwartet, über 1,90 groß, breitschultrig, ja! Fester Schritt, fester Blick. Einen wie Bruno Schumann in "Der Kriminalist". Einen, dem man den fiesen Macho abnimmt. Zumindest einen wie Helmut Schmidt, den einsamen Krisenkanzler aus "Mogadischu", mit Gewissensqualen und zu stolz, sie zu zeigen.
Aber der mit der Wollmütze, der pünktlich um elf ins Berliner "Einstein" reinschneit, schwarze coole Lederjacke über dunklen Jeans, vielleicht 1,75 Meter groß, eher schmal, der freundlich lacht und sich für seine Erkältung entschuldigt: "Die Kinder …", dieses Mal war es Gott sei Dank bloß ein Schnupfen, den sie von der Schule mitbrachten - dieser Mann ist wahrlich keiner, der die Türen dunkelt. Sondern ungemein liebenswürdig, charmant und klug - und so unauffällig, dass man ihn auf der Straße vielleicht gar nicht erkannt hätte.
Christian Berkel nimmt die Mütze ab, bestellt einen Espresso und lacht. Die da, sagt er und weist auf das graue Ding, das jetzt neben ihm liegt. Die macht viel. Wahr. Die Mütze verbirgt einen der markantesten Schauspielerschädel, eine hoch aufstrebende, man kann sagen: die smarteste Glatze film- und fernsehweit, über die wir derzeit verfügen. Erst wenn Berkel die Mütze abnimmt, bemerkt man ungewöhnlich helle graublaue Augen, einen schön geschnittenen Mund, eine klare, starke Nase, eine extrem hohe Stirn.
Während man noch rätselt, ob sich so ein Gesicht eher fürs Feine oder besser fürs Fiese eignet oder womöglich gleich gut für beides, sagt Berkel, ein Schauspieler könne sich übrigens, wenn ihm danach sei, quasi unsichtbar machen, seine Aura anoder ausschalten wie die Wohnzimmerlampe. Und erzählt: Vor Jahren sei er einmal durch New York gelaufen, stehen geblieben und habe sich umgedreht: Sah der nicht aus wie Jack Lemmon? Er folgte dem Mann, er überholte ihn: Es war Lemmon! "Ich mochte ihn aber nicht ansprechen, weil er ganz offenbar nicht erkannt werden wollte."
Verführerische Alternative, auf diese Art gelegentlich wegtauchen zu können - vor allem, wenn eine Karriere sich so blendend entwickelt wie die des 51-jährigen Berkel. Der gebürtige Berliner, der seit elf Jahren mit der schönen Andrea Sawatzki ("Tatort") in einer Art Ausnahmeglück liiert ist und mit ihr zwei Söhne hat (Moritz, 9, und Bruno, 6), gilt als einer der besten und gefragtesten deutschen Schauspieler.
Made in Germany, aber nicht Provinz und verhockt, sondern weltläufig, smart: Christian Berkel ist einer der wenigen, die auch international begehrt sind. Er hat mit Bertrand Tavernier, Paul Verhoeven und Quentin Tarantino gedreht, meist Gestapo-Offiziere oder andere Nazifiguren. In Bryan Singers Widerstandsepos "Operation Walküre", das jetzt in Deutschland anläuft, spielt er Albrecht Mertz von Quirnheim, Jugend- und Studienfreund Stauffenbergs, der nach dem Attentat auf Adolf Hitler vergebens drängte, den Notfallplan "Walküre" auszulösen. "Es ist ein wirklich guter Film", sagt Berkel, er habe das Tamtam drum herum nie verstanden: "Es muss sich um eine spezifisch deutsche Variante von Hysterie handeln."
In der Tat - selten zuvor hatte es so viel Lärm im Vorfeld gegeben: dass ein Amerikaner und bekennender Scientologe wie Tom Cruise die deutsche Heldenikone Stauffenberg spielt; dass das Verteidigungsministerium zunächst nicht gestattete, im Berliner Bendlerblock zu drehen, wo die Männer des 20. Juli damals hingerichtet wurden; die umstrittene Bambi-Verleihung an Cruise für "Mut", mit dem Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck und dem "FAZ"-Mann Frank Schirrmacher als tönenden Fürsprechern.
Und wie hat er selbst Tom Cruise erlebt? Ein echter Superstar, sagt Berkel: "Und ein Perfektionist. Sehr höflich und an allem interessiert." Man spürt, der Mann ist ihm sympathisch. Beeindruckt habe ihn, in Cruise einen dieser Haut-und-Haar-Schauspieler zu finden. Bei denen die Grenze zwischen Leben und Beruf fließend ist, über die man alles erfährt, wenn man ihnen bei der Arbeit zusieht. Das sei bei ihm auch so. Schon mit vier habe Cruise Schauspieler werden wollen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 05/2009