Er wirkt immer noch wie der nette Junge von nebenan. Handfest, belastbar, ohne Allüren - Tom Buhrow, bisher ARD-Studioleiter in Washington, ersetzt nächstes Jahr Ulrich Wickert bei den Tagesthemen. Von Katja Gloger, Washington

Seine zweite Heimat: ARD-Korrespondent Tom Buhrow vor dem Capitol in Washington© Chris Mueller/Redux
Wie er halt so ist. Da steht er in seinem Studio in Washington, draußen strahlt die Novembersonne, man macht Fotos von ihm, den ganzen Vormittag schon. Ein Hochglanz-Männermagazin will über ihn berichten. Kinn höher, Mund zu, leichtes Lächeln, die Grübchen. "Das ist ja alles ganz neu für mich", feixt er. "Was ich hier sage, soll ganz spontan klingen. Ist es aber nicht." Natürlich nicht.
Natürlich überlegt sich Tom Buhrow jeden Satz, jede Pose genau, seit er eine Personalie ist. Buhrow, der Neue bei den Tagesthemen. "Anchorman" der ARD, ihr Aushängeschild. Also liefert er die Komplimente, ganz spontan, vorsichtig nach Buhrow-Art. Selbst ein Lob muss man ihm abringen. Die Tagesthemen? "Absolute Spitzensendung! Ein Traumjob!" Was er besser kann als der Kleber vom ZDF? "Claus kann alles besser!" Die ARD-Schleichwerbungsskandale der letzten Zeit? "Kann ich nichts zu sagen." Er wird sich hüten.
Tom Buhrow also, 47, Leiter des ARD-Studios in Washington, seit gut zwölf Jahren Auslandskorrespondent, fast zehn Jahre davon in den USA. Er sieht immer noch so aus wie der Junge von nebenan, einer, mit dem man Klingelpütz spielt. Der Anzug könnte aus Studentenzeiten stammen, die Schuhe leicht abgelatscht, die Krawatten langweilig-biederblau. Beinahe ein Anti-Wickert. Kein Glamour, kein Ritter der französischen Ehrenlegion, keine Kulturgeschichte französischer Käsesorten, kein eitles Getue. Diesen Mann kann man sich in Badelatschen am Garten-Grill vorstellen.
Dieser Mann steht in Badelatschen am Garten-Grill – und zwar gern. So wie er sich begeistert zum alljährlichen Halloween-Grusel verkleidet, in diesem Jahr als Piraten-Skelett. Verheiratet mit der Journalistin Sabine Stamer, zwei Töchter, elf und acht Jahre alt, dazu Coco, der Hund. Die Möbel eher von Ikea, das Auto eher schrammelig. Er ist wohlgelitten, "a nice guy". Gehört zu den glücklichen Menschen, die eigentlich jeder mag. Selbst Präsident George W. Bush wollte nach einem Interview noch mit ihm über die Deutschen plaudern. Außerdem ist er so unglaublich nett, dass es fast unheimlich ist. Jedes „Oh, hallo“ klingt so erfreut, als habe er den ganzen Tag nur auf diese eine Begegnung gewartet. Dieser Mann will gut Freund sein mit der Welt.
Er wuchs in Siegburg auf, sein Vater kaufmännischer Angestellter, die Mutter Hausfrau, ein kleinbürgerliches Leben, er wollte raus in die Welt. Immerhin hatte er zwei Jahre an einer Highschool in den USA verbracht. Er machte sich einen Plan, mit dem er sich die Zukunft erobern wollte: Zunächst das Geschichtsstudium, dann der Journalismus. Und er arbeitete seinen Plan ab. Jobbte bei der Lokalzeitung, studierte in Bonn, bewarb sich um ein Volontariat beim WDR in Köln, landete dort beim Regionalfernsehen. Hatte vor 17 Jahren seinen ersten Auftritt als Moderator im Dritten Programm. Dort durfte er nach Mitternacht einmal die letzten Nachrichten verlesen. „Ich fühlte mich sofort wohl in diesem Studio“, sagt er. "War wohl irgendwie mein Ding."