3. April 2013, 07:25 Uhr

Möbel, Kunst und feine Nerven

Er selbst sah sich nie als Jugendstilkünstler: Der Architekt und Designer Henry van de Velde. Doch sein "Neuer Stil" setzte Maßstäbe. Seinen 150. Geburtstag feiert Google mit einem Doodle.

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Die Suchmaschine Google feiert den 150. Geburtstag von Henry van de Velde und hat den Schriftzug ihrer Startseite verändert©

Die Linie ist eine Kraft." Dieser Satz des flämisch-belgischen "Allrounders" Henry van de Velde steht für ein Programm. Vor 150 Jahren, am 3. April 1863, in Antwerpen geboren, hatte der junge Maler bald genug von den dunklen herrschaftlichen Räumen und schweren Möbeln seiner Umgebung. Er ließ sich inspirieren von neuartigen englischen Möbeln und farbenfrohen asiatischen Gebrauchsgegenständen. Der Wechsel von der Malerei zum Kunsthandwerk und Design veränderte nicht nur sein Leben radikal, sein "Neuer Stil" setzte in Europa und darüber hinaus Maßstäbe. Er selbst hat sich nie als Jugendstilkünstler gesehen. Seine Intention war das Gesamtkunstwerk, in dem jedes künstlerische Detail mit seinem Umfeld harmoniert.

Bereits sein erstes, 1895 fertiggestelltes Wohnhaus Bloemenwerf bei Brüssel polarisierte. Staunend, begeistert oder auch entsetzt begutachteten seine Zeitgenossen Haus und Innenausstattung: Bis zu Möbeln, Tapeten, Geschirr und den Kleidern seiner Frau Maria hatte Van de Velde alles in Form und Farben aufeinander abgestimmt. Es folgten Aufträge in Paris und Berlin, wo sein Stern nach der ersten Euphorie bei Künstlern, Bürgerlichen und Industriellen aber zunehmend sank. "Ich will Kunst, will Form, Harmonie, Linie. Staub ist mir ganz egal", erklärte Van de Velde später in Berlin angesichts von Kritik an seinen - damals noch mit vielen Linien verzierten - Möbeln.

Die kleine Residenzstadt Weimar sollte eine erneute Wende bringen: Hier hatte er seine produktivsten Jahre. "Van de Velde ist die große europäische Figur, die hier 15 Jahre lang in Mitteldeutschland gewirkt hat", sagt Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung Weimar, die einen umfangreichen Fundus von Arbeiten und Entwürfen des Belgiers besitzt.

Wegbereiter des Bauhauses

Mit dem 1902 gegründeten Kunstgewerblichen Seminar gelang es ihm, Kunst, Industrie und Handwerk in Praxis und Theorie zu vereinen. Zahlreiche Häuser, von seinem eigenen Wohnhaus "Hohe Pappeln" und dem Nietzsche-Archiv bis zum heutigen Hauptgebäude der Bauhaus-Universität sind Stein gewordene Zeugnisse seines Ideenreichtums. In Gera kündet das Haus Schulenburg und in Chemnitz (Sachsen) das Wohnhaus Esche von seinem Wirken in Mitteldeutschland.

"Van de Velde wurde damit zu einem Wegbereiter der Moderne und des Weimarer Bauhauses", würdigt Thüringens Kulturminister Christoph Matschie (SPD) den Jubilar. Deutschland und Weimar sollten aber auch für düstere Tage im Leben Van de Veldes und seiner Familie stehen. Als Belgier war er während des Ersten Weltkrieges für die Deutschen ein "feindlicher Ausländer", für die Belgier, die von der kaiserlichen deutschen Armee überrannt wurden, hatte er den Ruf eines Kollaborateurs. 1917 verlässt Van de Velde Deutschland, nicht ohne zuvor den Architekten Walter Gropius als seinen Nachfolger in Weimar empfohlen zu haben. 1919 gründete Gropius in den Schulgebäuden Van de Veldes das Staatliche Bauhaus. Es sollte die einflussreichste Architektur -und Designschule des 20. Jahrhunderts weltweit werden.

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