9. Juni 2012, 10:27 Uhr

Von Hunden, Menschen und Erdbeeren

Nun ist es so weit: Hundert Tage lang lockt die wichtigste Kunst-Ausstellung der Welt nach Kassel. Die Documenta 13 ist so unterhaltsam, so politisch und so aufregend wie noch nie. Von Anja Lösel

Documenta, Kassel, Kunst, Geld, Afrika, Afghanistan, Südafrika, Tacita Dean, William Kentridge, Janet Cardiff, George Bures Miller, Pedro Reyes, Garreth Moore, Caroly Christov-Bakargiev

Eines der spektakulärsten Kunstwerke der Documenta 13: Die Video-Installation "The refusal of time" des südafrikanischen Künstlers William Kentridge©

Dieser Wind! So stark weht er, dass den Damen die Haare durcheinander geraten und die Männer plötzlich verwegen aussehen wie James Dean oder Justin Bieber. Verwirrung. Wir sind doch im ehrwürdigen Museum Fridericianum, dem Zentrum der Kasseler Documenta 13. Aber im Erdgeschoss gibt es nichts als diese steife Brise und ein paar Musikfetzen. Aufatmen, nachdenken, neu beginnen. So geht das also. Schon vor der Eröffnung der wichtigsten Kunstschau der Welt gab es viel Wind um Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev. Exzentrisch sei sie, esoterisch und ein wenig verrückt. Tatsächlich forderte sie das Wahlrecht für Hunde und mehr Aufmerksamkeit für Tomaten und Erdbeeren, verlor sich in theoretischen Satzungetümen und erklärte wieder und wieder, dass sie absolut kein Konzept habe für diese Ausstellung mit rund 160 Künstlern.

Hunde? Es geht eher um Pflanzen

Alles vergessen. Wer nun durch die Ausstellungshallen wandelt, die vielen Documenta-Orte in der Stadt besucht und sich im Auepark über die Wiesen treiben lässt, der erkennt: dies hier ist eine ganz besondere Documenta. Natürlich gibt es mehr als Wind. Aber alles ist sehr eigenwillig. Und sehr politisch, aufregend und unterhaltsam. Ja, Hunde sind willkommen. In einer Art Hundespielplatz im Auepark können sie mehrmals in der Woche von einem Profi-Trainer Kunststücke lernen. Eine weiße Windhündin mit pinkfarbenem Vorderbein tummelt sich im wilden Kompostgarten des Künstlers Pierre Huyghe. Sonst aber spielen Hunde keine große Rolle auf der Documenta. Pflanzen schon eher. Es gibt Stadtgärten, Gemüseanpflanzungen, ein Teehaus mit Kräuterbeeten, ein Öko-Restaurant im Gewächshaus und eine wunderbare Brücke aus Booten, auf denen der Künstler Christian Philipp Müller 60 Sorten Mangold gepflanzt hat. Wir dürfen drüber laufen und dabei nachdenken über Ernährung, schwindende Ressourcen, Wasser- und Platzmangel.

Heilung und Geheimnis

Als "Raum möglicher Heilung" und "Ort vieler Geheimnisse" wünscht die Documenta-Chefin sich ihre Schau. Übergänge interessieren sie. Und Menschen, die Grenzen überschreiten: zeichnende Musiker, filmende Schriftsteller, musizierende Maler. Llyn Faulkes etwa, ein 77 Jahre alter US-Amerikaner, der schaurig-schöne Bilder von alten Ehepaaren malt und im Fridericianum auf einem selbst gebastelten Instrument aus Hupen, Tröten und Gitarrensaiten zweimal am Tag Lieder wie den "Cowboy Song" oder die "Ballade von Hollywood" spielt, böse und wunderschön. Oder der Algerier Kader Attia. Er beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Kolonialismus in Afrika, sammelt Bücher und Bilder. Im Senegal ließ er Holzskulpturen von verletzten Soldaten des Afrika-Corps schnitzen, in Cararra gab er Marmorstatuen von Afrikanerinnen mit Tellerlippen und Gesichtsschmuck in Auftrag. All das steht nun auf riesigen Regalen, bedrohlich und mahnend. Die Afghanin Jeanno Gaussi kam als Kind nach Deutschland und konnte nur wenige Fotos ihrer Familie retten. Sie bat einen Plakatmaler aus Kabul, Bilder ihrer Familie in seinem prägnanten Stil anzufertigen, anrührend und naiv.

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