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9. November 2009, 21:20 Uhr

"Ich weine der DDR
keine Träne nach"

Er ist bekannt als Musiker, Filmschauspieler und als kauziger "Tatort"-Pathologen. Im stern.de-Interview spricht Jan Josef Liefers über den Soundtrack seiner Kindheit und die letzten Tage der DDR.

Jan Josef Liefers Geboren am 8. August 1964 in Dresden. Nach einer Tischlerlehre studierte er an der "Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch" in Berlin. Nach seinem Engagement am Deutschen Theater Berlin, wechselte er 1990 ans Thalia-Theater in Hamburg. Er spielte u.a. in "Rossini - und die Frage wer mit wem schlief" und "Knockin' on Heaven's Door". Als Sänger landete er einen Hit mit "Jack's Baby" (1999). Seit 2002 spielt er den Pathologen Karl-Friedrich Boerne im Münsteraner WDR-Tatort. Im November ist Liefers mit seinem Programm "Soundtrack meiner Kindheit" in Deutschland auf Tour, das gleichnamige Buch ist soeben erschienen.

Herr Liefers, was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an den 9. November 1989 denken?

Dass die ersten, die nach Schabowskis Pressekonferenz über die Grenze nach Westberlin gelassen wurden, einen Stempel in ihren Personalausweis bekamen, quer über das Passfoto. Damit waren sie, ohne es zu wissen, ausgebürgert worden. Ein netter Versuch, der in sich zusammenfiel, wie bald die ganze Mauer.

Wo waren Sie?

Ich stand angezogen zwischen Tür und Angel und sah die berühmte Pressekonferenz im Fernsehen, es war kurz vor 19 Uhr und ich musste dringend ins Theater, war mit zwei Freunden aus Westberlin verabredet. Später dann, als wir so um Mitternacht aus der Theaterkantine kamen und in Richtung Grenzübergang schlendern wollten, wurden wir einfach mit dem Strom der Menschen weggespült.

Am 4. November haben Sie noch bei einer Berliner Großdemo eine Rede gehalten.

Es war die erste und einzige genehmigte Protestdemo in der Geschichte der DDR, und ich wollte etwas sagen, dass klar machte, dass wir dem alten SED-Apparat das Zepter aus der Hand nehmen wollen, und Tschüss, Genossen! Ein paar Vertreter der alten Garde standen nämlich auch auf der Rednerliste. Mehr als eine halbe Million Menschen waren gekommen, die sollten sich nicht verarscht fühlen, wie all die Jahre zuvor.

Wie kam es dazu, dass Sie involviert waren?

Es waren kleine Schritte, für sich genommen nichts Besonderes. Es begann mit einer Unterschrift unter den Gründungsaufruf des Neuen Forums. Den Text konnte man einfach nicht nicht unterschreiben, fand ich. Damit hat man sich zu erkennen gegeben und signalisiert, man war bereit, einen Weg zu gehen, von dem man nicht wusste, wo er hinführen würde. Ich stellte mich zur Verfügung, wollte helfen, wenn es ging. Auf einer Versammlung des Berliner Ensembles saß ich dabei, als beschlossen wurde, die Demo mit oder ohne Genehmigung auf jeden Fall durchzuziehen. Auch über die Rednerliste wurde heftig diskutiert. Ein Auftritt von mir war ursprünglich nicht geplant, erst kurz vor knapp wurde ich gefragt, ob ich nicht doch was sagen könnte.

Hierzulande geraten Künstler, die sich engagieren, oft in die Kritik. Im Sinne von: Was will der denn, der hat doch alles. Wie sah das im Ost-Kontext aus?

Eine ziemlich bedeutungslose Kritik übrigens. Das Schöne an diesen Tagen im Oktober und November war, dass sich in dieser Zeit tatsächlich alle miteinander solidarisierten. Ohne Skepsis oder Neid. Sozialneid war in der DDR eh nicht so ausgeprägt, weil die Einkommen nicht den entscheidenden Unterschied machten und man mit Geld weniger weit kam, als mit guten Beziehungen. Herzchirurgen mussten ausgesprochen freundlich und spendabel zu ihren Automechanikern sein, wenn es um eine neue Auspuffanlage für den Wartburg ging.

Hatten Sie eine Vorstellung davon, wo das ganze hinführt?

Nicht wirklich. Das Ziel in den Tagen vor dem 9. November war ja nicht die Wiedervereinigung. Es hat nur wenige gegeben, die vielleicht geahnt haben, dass sie bald auf der Tagesordnung steht. Und dann ging es ab wie eine Lawine. Ich fand die Frage schon spannend, was aus der DDR hätte werden können, wenn nicht so rasant Fakten geschaffen worden wären. Andererseits ist es müßig, denn aufzuhalten war das damals nicht.

20 Jahre danach sind mit einem klingenden Fotoalbum unterwegs - macht das immer Spaß oder stimmt Sie das im Blick zurück auch traurig?

Mich macht das nicht traurig. Ich will ja keine Feierstunde abhalten. Es hat mit diesem überstrapazierten Begriff von Ostalgie nichts zu tun. "Hach, wie war das damals alles schön, seufz..." - das ist ja überhaupt nicht mein Ding. 1990 besuchte Jane Fonda Berlin und wollte ein paar Kollegen treffen, um zu verstehen, was in der DDR los war. Ich wollte ihr am liebsten alles erklären, aber wusste nicht einmal, wo ich hätte anfangen sollen. Wie kann man jemanden, der aus einer ganz anderen Welt kommt, die DDR erklären? Seitdem hatte ich eine Art Blockade, die erst durch die Konzerte und vor allem das Schreiben des Buches sich löste.

Seite 1: "Ich weine der DDR
keine Träne nach"
Seite 2: Was finden Sie denn so schlimm an der Ostalgie?
 
 
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