Meinung
Die AfD und der kollektive Selbstbetrug der Westdeutschen

AfD: Die AfD-Spitze feiert den Wahlsieg in Rheinland-Pfalz
Die AfD-Spitze feiert den Wahlsieg in Rheinland-Pfalz
© Andreas Arnold / DPA
Warum endlich damit Schluss sein muss, die AfD als ostdeutsches Problem zu betrachten. Die Partei und ihr Extremismus waren immer auch ein Produkt der alten Bundesrepublik.

Als die AfD am Sonntag in Rheinland-Pfalz ihr bestes Ergebnis bei einer westdeutschen Landtagswahl erreicht hatte, gab sich die SPD-Vorsitzende maximal entsetzt. Dies sei ein „schwerer Tag für die Demokratie“, sagte sie. Der Rechtsextremismus befinde sich nunmehr endgültig auf dem Vormarsch in die Mitte der Gesellschaft.

Der Westbeauftragte der Bundesregierung erklärte selbstkritisch, dass seine Landsleute leider „BRD-geprägt“ seien. „Jetzt zeigt sich, welches Erbe Altnazis, Vertriebenenverbände und Republikaner hinterlassen haben“, sagte er der „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Während vor der Dresdner Semperoper Zehntausende gegen den Rechtsruck am Rhein demonstrierten, titelte die „Super-Illu“: „So isser, der Wessi!“

Ja, klar, das war jetzt ausgedacht. Aber nur ein bisschen. Es handelte sich um ein leicht verfremdetes Medley der Reaktionen aus jener Zeit, als die AfD in Ostdeutschland noch Wahlergebnisse von um die 20 Prozent erzielte. Damals, es ist sechs, sieben Jahre her, wurde wieder einmal darüber debattiert, dass zwei Diktaturen sowie die nachfolgende Deindustrialisierung einschließlich ihrer demografischen Folgen den gemeinen Ossi anfälliger für autoritäre, populistische und extremistische Parteien machten. 

Selbstgerechte Schlussfolgerung

Dieser Erklärungsansatz war, zumindest im Grundsatz, durchaus richtig. Völlig falsch war jedoch die selbstgerechte Schlussfolgerung vieler Westdeutscher, dass die alte Bundesrepublik resistent gegenüber der AfD sei, weil ja dort lauter gut ausgebildete und wohlständige Demokraten lebten.

Dies ließ sich frühzeitig an den Wahlergebnissen ablesen. Bereits 2016 erzielte die AfD in Baden-Württemberg 15,1 Prozent bei der Landtagswahl – und damit nur gut drei Prozentpunkte weniger als vor gut zwei Wochen. Aber das wurde auf dieselbe Weise erklärt wie 2023 die 18,4 Prozent in Hessen oder die westdeutschen 18 Prozent bei der Bundestagswahl 2025: Die Menschen seien mit der Bundespolitik unzufrieden, vertrauten den Parteien nicht mehr und hätten Angst vor einer Wirtschaftskrise.

So war nach dem jüngsten Wahlsonntag der Tenor in den Äußerungen der etablierten Parteien. Interessanter als die AfD war ohnehin, was die Ergebnisse von CDU, SPD und Grünen für sie selbst und die Lage in der Hauptstadt bedeuteten. Nur wenige Politiker und Medien stellten wie die „Taz“ am Wahlabend das Offensichtliche fest: „Die Jubelszenen bei der AfD in Mainz zeigen einmal mehr, dass Rechtsextremismus ein gesamtdeutsches Problem ist.“

Pirmasens wählt wie Thüringen

Nun lässt sich zwar einwenden, dass die AfD in den ostdeutschen Ländern inzwischen bei gut 35 Prozent steht und im September zumindest die Chance hat, die Stimmenmehrheit in den Landtagen von Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zu erringen. Aber das ist ein Schutzargument. Wie die Entwicklung seit 2013 zeigt, war der Osten bei den AfD-Ergebnissen dem Westen immer nur einen guten Wahlzyklus voraus. 

Wer dies immer noch nicht wahrhaben mag, sollte sich auf West-Safari begeben, zum Beispiel nach Pirmasens in der Südwestpfalz. Dort kam die AfD bei der Landtagswahl beinahe exakt auf die gut 32 Prozent, die Björn Höckes AfD 2024 in Thüringen erzielte. 

Das bestätigt eine traurige Wahrheit: Eine effiziente Auseinandersetzung mit der AfD scheitert auch an der Bereitschaft zu einer ehrlichen Analyse ihres Erfolgs. 

Der AfD-Wähler als Klischee

Zwar mangelt es nicht an Studien, die die AfD-Klientel in ihrer widersprüchlichen Komplexität erklären, von den Rechtsextremisten über die autoritär gesinnten Mitläufer bis hin zu den Wutkleinbürgern. Doch die Ergebnisse werden kaum zur Kenntnis genommen und gerinnen damit auch nicht zu politischem Handeln. 

Stattdessen operieren die etablierte, westdeutsch dominierte Politik und ein Großteil der etablierten, westdeutsch dominierten Medien mit den alten Klischees. Danach sind AfD-Anhänger, je nach parteilicher Perspektive, entweder „Nazis“, „Abgehängte“ oder „Protestwähler“, die bevorzugt in den „neuen Ländern“ leben. Sogar die unumstößliche Tatsache, dass die Partei von Westdeutschen in Westdeutschland gegründet wurde und bis heute vor allem von Westdeutschen geführt wird, blenden viele aus.

Dieser kollektive Selbstbetrug behindert eine offene und reflektierte Debatte zu den Ursachen des AfD-Erfolgs. Und er macht damit die extremen Kräfte nur noch stärker.

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