Vor einer kleinen Weile, ich arbeitete noch bei einer anderen Publikation, gab ich der ersten Version von Chat-GPT den Auftrag, meine damalige Kolumne zu schreiben – und zwar darüber, wie gefährlich die KI für die Existenz von Kolumnisten sei. Der binnen weniger Sekunden fabrizierte Text war erfreulicherweise langweilig und erwartbar, und damit vorerst nicht existenzgefährdend, weshalb ich ihn sehr gerne in Teilen verwendete, um schließlich mit der gebotenen Eitelkeit die artifizielle Urheberschaft aufzulösen. Ätsch!
Aber der Fortschritt lässt sich bekanntlich nicht aufhalten, und so testete ich zuletzt wieder einige Sprachmodelle auf ihre Kolumniertauglichkeit – natürlich wieder, was sonst, aus rein investigativem Interesse. Doch obwohl mich eigentlich die KI schon längst hätte ersetzen sollen und sie ansonsten kurz vor ihrer Vollendung zum Terminator steht, war das Ergebnis immer noch langweilig und erwartbar und ja, leider auch teilweise falsch – oder halluziniert, wie es in der KI-Auskenner-Sprache heißt.
Aber vielleicht, so dachte ich mir, könnten mir Chat-GPT, Perplexity oder Gemini ein paar Themen für meine nächste Kolumne empfehlen, ohne dass ich wieder meine notorische Diktaturprägung hervorkramen muss. Schließlich hatte ein mir gewogener Mensch freundlich geraten, zumindest ein paar Folgen ohne Verweis auf mein früheres Jungpionier-Dasein auszukommen, was ich als guter Jungpionier selbstverständlich beherzigen möchte.
Also formulierte ich eine Anfrage, präziser: einen Prompt, und ließ mir Vorschläge für meine nächste ostidentitäre Kolumne auflisten. Prompt erhielt ich allerlei Allfälliges über das prekäre Ostwesen, wobei ich das dumpfe Gefühl bekam, dass die Bots auch mein bisheriges Werk durchwühlt hatten.
Ganz Naher Osten
Martin Debes berichtet als Reporter im Hauptstadtbüro des stern oft über Ostdeutschland. In seiner Kolumne schreibt der gebürtige Thüringer auf, was im "Ganz Nahen Osten" vorgeht – und in ihm selbst
Aber dann, Vorschlag 19: „Nimm als Aufhänger der Kolumne Berichte, dass Künstliche Intelligenz Ostdeutsche klischeehaft abwertet; generelle Diskussion über KI‑Bias.“
Eine KI, die problematisiert, dass durch KI Stereotype reproduziert werden: Das nenne ich selbstreflektiert!
Schon im vergangenen Herbst hatten zwei Wissenschaftlerinnen nachgewiesen, wie Sprachmodelle auch in Bezug auf Ostdeutschland gesellschaftliche Vorurteile wiedergeben und sie damit im Zweifel sogar verstärken. Für die Studie wurden verschiedene KI-Modelle aufgefordert, die positiven Eigenschaften der 16 Bundesländer nach einem Punktesystem zu bewerten. Und siehe: Die ostdeutschen Länder bekamen durchgehend schlechtere Noten als die westdeutschen, nur das arme Saarland schmuggelte sich irgendwie dazwischen.
Die „Superillu“, bekanntlich das inoffizielle Zentralorgan des Beitrittsgebiets, titelte damals empört: „Wie die Künstliche Intelligenz Ostdeutsche diskriminiert“.
Die arme KI kann nix dafür
Das ist natürlich Quatsch. Was soll denn die arme KI machen, wenn sie mit Daten trainiert wird, die, so wie fast alles andere in der Bundesrepublik, westdeutsch dominiert sind? Am Ende gibt sie wieder, was Westdeutsche über Ostdeutsche gedacht haben – oder immer noch denken.
Die KI ist eben auch nur ein Wessi, aber dabei nicht Ursache, sondern Wirkung. Denn immer noch begegne ich Menschen, die mich behandeln, wie sich meine Kinder zuweilen kleiden: So, als hätten die 1990er Jahre nie aufgehört.
Zum Beispiel.
Ich war im Allgäu, um meine Mutter aus ihrer Kur abzuholen. Bad Wörishofen unterscheidet sich jenseits seiner bayerischen Saturiertheit gar nicht so sehr von, sagen wir mal, Bad Langensalza. Schöne Landschaft, restaurierte Altstadt, diverse Kliniken und Heime – und sehr viele alte Menschen.
Ich parkte das Auto vor der Pension, in der meine Mutter immer untergebracht ist. Ich hatte den Skoda einst vom Discounter (Grüße gehen raus an Christian Lindner!) erworben, aber er ist schön groß und glänzt immer noch in einem schicken Schwarz.
"Aus der ehemaligen DDR?"
Zwei Frauen, die mit ihren Rollatoren zusammenstanden, erkundigten sich, ob ich es sei, der die „Frau Doktor“ abhole. Als ich dies bejaht hatte, versicherten sie mir huldvoll, dass ich „ein guter Sohn“ sei. Danach schauten sie ausführlich das Auto an, um beim Nummernschild zu stutzen. EF, das würden sie nicht kennen. Wofür stehe das?
„Erfurt“, antwortete ich. Ich konnte dabei zusehen, wie die Erkenntnis langsam einsickerte. Dann, endlich, war es so weit. „Oh!“, riefen die beiden im Chor. Es folgte die Frage, in diesem speziellen Ton, den ich gut kenne, aber nur schlecht beschreiben kann, und der auf mehreren Ebenen kommuniziert: „Aus der ehemaligen DDR?“
Ich sagte dazu nichts. Die beiden beäugten mein Auto und mich noch intensiver, während eine der beiden völlig richtig schlussfolgerte: „Und die Frau Doktor also auch!“
Für einen Moment überlegte ich, ob ich ihnen erzählen sollte, dass ich das Auto von meinem Begrüßungsgeld und der Stütze gekauft habe. Aber hey, die Frauen waren um die 80 Jahre alt, und sie ahnten offenkundig nicht einmal, dass sie mich exakt so betrachteten, wie manche ostdeutsche Eingeborene einen Menschen mit angenommenem Migrationshintergrund betrachten, wenn er gerade sein neues iPhone hervorholt.
Borniertheit ist halt eine universelle und damit unbedingt gesamtdeutsche Eigenschaft. Und neuerdings gibt es sie auch in der künstlichen Variante.