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30. August 2008, 15:32 Uhr

Teenies feiern "japanisches Feriendomizil"

Die Magdeburger Teenie-Band Tokio Hotel beendet ihre erste Amerika-Tour. Und hinterlässt ein Land, das den neuesten deutschen Export ebenso umarmt wie Heidi Klum und Hugo Boss. Nur der Name der Kapelle stößt im Land der unbegrenzten Tonleitern noch auf Stirnrunzeln. Von Frank Siering, L.A.

Das make-up stimmt auch in den USA: Tokio Hotel bei einem Auftritt in San Francisco© Tim Mosenfelder/Getty Images

Die Schlange vor dem ehrenwerten Fillmore Theater in San Francisco zog sich um drei Straßenblöcke. Kreischende Teenager hatten sich schon um sechs Uhr morgens angestellt, um die neue "German Pop Sensation" am Abend live miterleben zu können. "Ich finde Bill einfach total süß", sagt die 14-jährige Jemma aus Palo Alto. Und ihre 13-jährige beste Freundin Stephanie brüllt völlig ungehemmt los, dass "Tokio Hotel die deutsche Antwort auf die Jonas Brothers ist". Auch hier: Warteschlangen und hysterische Teenager So wie in San Francisco ging es den Magdeburger Jungs von Tokio Hotel in den letzten Wochen fast überall, wo sie auftraten. Ob Denver, Dallas, Las Vegas oder Houston - hysterische Teenager, lange Warteschlangen, ausverkaufte Konzertsäle. Keine Frage, Deutschland hat endlich wieder einen Exportschlager, der nicht Heidi Klum, BMW oder Mercedes heißt.

Wusste die US-Presse am Anfang nicht so recht, ob es sich bei "Tokio Hotel" um ein japanisches Feriendomizil oder eine neue Artdeco-Bauweise handelt, so mussten die Kritiker schnell erkennen, dass die Teenie-Welt nicht nur auf Miley Cyrus, die Jonas Brothers oder Chris Brown schaut. Anfang war eher schleppend "Ich war total überrascht, wie viele Fans sich vor MTV in New York versammelt hatten, nur um einen kleinen Blick von Tokio Hotel zu erhaschen", erzählt Monica de la Rosa, Entertainment-Reporterin bei dem Fernsehsender ABC. Und selbst Bill Kaulitz, 18, der Frontmann von Tokio Hotel muss zugeben, dass "wir mit einer solchen Resonanz wirklich nicht gerechnet hatten". Denn eigentlich hatte es gar nicht so gut angefangen für das Abenteuer "Tokio Hotel in Amerika". Die US-Fakten sahen düsterer aus als der Eyeliner von Gruft-Popper Kaulitz. Noch im Mai blieben die Billboard-Zahlen, sie messen die verkauften Tonträger in den USA, weit hinter den Erwartungen zurück. Die vom Management der Band angepeilten eine Million verkaufter CDs schienen in sehr weite Ferne zu rücken.

Gerade einmal 16.000 CDs gingen im Mai über die Ladentische in den USA. Nach einer sehr aufwendigen PR-Kampagne in New York und Los Angeles standen sie auf Platz 39 in den laufenden Charts - hinter so unbekannten Künstlern wie Rick Ross.

Harte Arbeit Nun kommt der Erfolg in den USA sicherlich nicht über Nacht. Das wissen auch Stars wie Miley Cyrus oder Rihanna. Und irgendwie scheint auch Frontman Kaulitz geahnt zu haben, dass das Abenteuer nicht so einfach werden würde wie angedacht: "Es ist sehr schwierig, Fans in anderen Ländern zu gewinnen", sagte er mit deutschen Akzent im englischen Interview. Und weiter: "Amerika ist so groß, da ist es ganz schwer, bekannt zu werden." Aber Tokio Hotel hat das gute deutsche Stehvermögen mit über den Atlantik gebracht. Konzert auf einem Parkplatz in New Jersey? ­ Wird gemacht. Auftritt im heute eher unwichtigen Avalon in Los Angeles, warum nicht? Und jetzt die erste organisierte Tour. Zwölf Konzerte in drei Wochen. Ein Mammut-Programm, das unterstützt wurde durch ein tägliches Update auf der Website der Band. Ohnehin scheint Tokio Hotel durch dieses virale Marketing-Konzept schnell ein globales Publikum gefunden zu haben. "Es ist wichtig, dass wir durchs Internet neue Fans dazugewinnen", sagt Bill Kaulitz. Wenige Deutsche schaffen's über den großen Teich Und was finden die Amerikaner so spannend an den Popmusikern aus Magdeburg? ­ "Sie sind das Gegenmittel zu den Jonas Brothers", fasst Entertainment-Kritiker Bob Strauss von der Los Angeles "Daily News" zusammen. Der schwarze Eyeliner, die lackierten Fingernägel, "das hat was von Revolution, von Aufstand", sagt Beatrice, 14, aus Los Angeles. "Endlich mal was anderes, als diese glattgebürsteten Stars, die in der Disney-Maschine produziert werden", fügt Tom, 15, aus Santa Rosa hinzu.

Bisher hatten deutschsprachige Bands ­- wie übrigens auch Schauspieler -­ traditionell einen sehr schweren Stand in den USA. Nena, die Scorpions und die Band Rammstein sind noch heute die einzigen Musiker, die bei den Fans ankamen. Deutsche Schauspiel-Stars wie Till Schweiger oder auch Franka Potente haben ihr Glück in Hollywood versucht und sind letztendlich kläglich gescheitert und murrend davongezogen. MTV-Nominierung Erste Anerkennung von der amerikanischen Musikindustrie ist auch zu spüren. Tokio Hotel nämlich wurde mit ihrem Musikvideo zu dem Song "Ready, Set, Go!" ("Übers Ende der Welt") in der Kategorie "Bestes Pop-Video" für die anstehenden MTV Video Music Awards am 9. September nominiert. "Eine total coole Auszeichnung für uns", schwärmte Sänger Bill Kaulittz nach der Bekanntgabe durch MTV. Egal, wie es auch weitergeht für Tokio Hotel, die Eindrücke einer spektakulären Amerika-Tour nehmen alle Vier mit nach Hause. "Es war wie ein Traum", sagt Tom Kaulitz. Und sein Zwillingsbruder fügt leise hinzu: "Amerika ist irre. Dieses Abenteuer werde ich niemals vergessen".

Von Frank Siering, L.A.
 
 
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