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18. April 2009, 10:21 Uhr

"Ich bin die Nackte aus dem Pudding!"

Deutschlands Entertainer Nummer eins ist wieder ganz bei sich: Harald Schmidt über das Ende mit Oliver Pocher, Michelle Obamas Oberarme, Kinderbücher, die angebliche Finanzkrise und seine Rollen als Chefzyniker und als Hofnarr.

Harald Schmidt, Oliver Pocher, TV

Schmidt kann machen, was ihm gefällt. Er freut sich auf den aktuellen Sloterdijk und will in seiner neuen Show Thomas Bernhard rezitieren© Volker Hinz

Ein Vorfrühlingssamstag in Stuttgart. Harald Schmidt, 51, sitzt im "Hotel am Schlossgarten" und beobachtet die Gäste am Frühstücksbüfett. Schmidt ist Schmidt. Die Frühstücksgäste sind seine Statisten. Er weiß es, die Gäste wissen es nicht. Ein alter Mann mit Prinz-Heinrich-Mütze und Rührei-Teller passiert den Tisch des Fernsehunterhalters. "Der Helmut-Schmidt-Look-alike-Wettbewerb findet übrigens im zweiten Stock statt", sagt Harald Schmidt und grinst.

Er hat blendende Laune. Mit feinen, langen Händen fegt er eine Anekdote für die nächste vom Tisch. Seine Augen flitzen hinter den Brillengläsern durch den Saal. Grauweiß meliert spielen die Haare um den wuchtigen Kopf. Hose, Jacke - grau oder schwarz. Der Rest vom New Yorker Hemdenschneider Brooks Brothers.

Vor Tagen hat er einen Gastauftritt in der TV-Serie "Soko Stuttgart" abgedreht. Schmidt spielt dort den Chefarzt einer Psycho-Klinik. Einmal filmte er in der JVA Heimsheim. "Hey, Harald", ruft ihm da ein Knacki aus dem Zellenfenster zu, "deine Sendung mit dem Olli ist übrigens beschissen." Schmidt grinst. Kunstpause vor der Pointe: "Man glaubt gar nicht, wie viele ARD-Zuschauer im Gefängnis sitzen." Es ist zwölf Uhr. Das Gespräch mit dem stern kann beginnen.

Herr Schmidt, "Schmidt & Pocher" hatte ja auch sonst ziemlich miese Presse. Am Ende guckten donnerstags um 22.45 Uhr bloß noch 750.000 Zuschauer Ihre Sendung. Müssen wir befürchten, dass der Late-Night- König nach 30 Jahren langsam abdankt?

Nein, im Gegenteil. Ich hatte Müdigkeitsphasen, aber die muss man einfach vorbeiziehen lassen. Zahntaschen, Prostata - so weit alles okay. Ich würde es Ihnen wirklich sagen, wenn es anders wäre. Ich bin jetzt energiegeladen, und das Tolle ist: Ich weiß gar nicht, woher es kommt.

Vielleicht beflügelt Sie, dass Ihre Zusammenarbeit mit Oliver Pocher am 16. April nach 18 Monaten endlich zu Ende geht?

Ich glaube eher, ich bin durch die Überbrückungszeit mit Pocher wieder völlig neu auf dem Gleis. Pocher brachte Sachen rein wie "Bauer sucht Frau", Podolski oder Sarah Connor, die bloß für ihn ein Thema waren. Das funktionierte. Ich finde, dass Pocher immer besser geworden ist.

Vermutlich sind Sie ein autoritärer Erzieher.

Nein, gar nicht. Pocher ist extrem gut im Beobachten und Adaptieren. Man lernt am schnellsten, wenn man Dinge, die man gut findet, kopiert. So hab ich's auch gemacht. Zwei- oder dreimal bin ich ihm auch richtig übers Maul gefahren.

Wir erinnern uns an die Sendung, als Sie Lady Bitch Ray zu Gast hatten. Die Rapperin überreichte Oliver Pocher Vagina-Sekret als Geschenk. Worauf Pocher die Dame nicht zitierfähig abfahren ließ.

Ja. Ich habe ihm dann hinterher gesagt: "In der Champions League schreit man sich auch mal auf dem Platz an", das war für ihn dann völlig okay.

"Auf dem Platz" hatten Sie ihn so abgewatscht: "Das ist völlig uncharmant für so eine kleine miese Type, die, wenn sie Fotzensekret überreicht kriegt, erst mal ganz klein mit Hut ist und dann einem ausländischen Gast, der kein Deutsch versteht, so reinsemmelt, das ist uncool. Oliver Pocher! Nächstes Mal hat er's begriffen."

Das musste sein. Wenn er zu sehr störte in einer Redaktionskonferenz, dann habe ich ihm auch schon mal direkt gesagt: "Halt die Fresse." Damit war es geregelt. Auf Zwischentöne zu setzen, dazu ist das Geschäft zu schnelllebig, finde ich. Aber prinzipiell verstehen wir uns sehr gut. Und privat - null Kontakt.

Bevor Sie im Oktober 2007 gemeinsam starteten, gab Pocher zu Protokoll: "Harald braucht Hilfe. Der alte Sack ist ausgebrannt."

Das lässt man so stehen. Der Vatikan dementiert nicht. Jeder hat so ein Kontingent von Frechheiten, die er sagen darf, unkommentiert.

Ihr Produzent und Freund Fred Kogel verkündete Ende vergangenen Jahres, Sie würden demnächst wieder allein eine Show machen - auf altem Harald-Schmidt-Niveau.

Ich musste doch noch mal für mich ein neues Format finden, das über ein paar Jahre trägt und ausschließlich mit Themen, die mir liegen. Zum Beispiel: Thomas Bernhard liest aus dem Kalkwerk vor Zuschauern aus Österreich, wo alle in Tracht unten sitzen. Das ist etwas, das funktioniert nur mit mir. Da sehe ich für mich in Zukunft enorme Möglichkeiten. Meine Klientel erwartet so etwas von mir.

Ihr Publikum, haben Sie einmal gesagt, das sei "eine klar umrissene Million: schwerreiche Supermodels, Nobelpreisträger, ältere Herren, die zum Wasserlassen während der Sportschau nicht mehr unbedingt die Couch verlassen …"

Alles. Bücherleser, stern-Leser, "Zeit"-Leser. Und potenzielle Helg-Sgarbi-Opfer. Die, bevor sie sich in der Tiefgarage abzocken lassen, noch mal bei mir reinschauen. Ich sehe da große Parallelen in der Klientel und bewundere Helg Sgarbi übrigens zutiefst.

Oh! Erklären Sie uns das bitte detaillierter.

Er hat so etwas Filigranes in der Ausstrahlung. Er hat Manieren. Er hört mit Sicherheit stundenlang den Frauen zu. Das ist, glaube ich, die Grundregel bei erfolgreichen Womanizern: sich zuquatschen lassen. Ich bin überzeugt davon, dass jetzt viele Frauen zu Hause in die Kissen weinen. Weil, die Kohle hätten sie gehabt, und Helg wäre mal einer gewesen, der zugehört und sich gekümmert hätte und angerufen. Und wenn es stimmt, dass er unangekündigt am Urlaubsort aufgetaucht ist …(lacht) Also, so eine Erpressernummer fasziniert mich total. Ich sehe es auch eigentlich nicht als kriminell, sondern als eine Kunstform.

Vielleicht lag es bei Frau Klatten ja auch an der Mayr-Kur.

Die Mayr-Kur kenne ich. Man entgiftet. Man isst trockene Brötchen, Bullrichsalz, um den pH-Wert zu regulieren, man trinkt keinen Alkohol und hat drei Tage lang flüssigen Stuhl. Man fühlt sich sehr leicht und frei, da öffnet man sich auch psychisch. Und genau in diese Bresche springt der Erpresser.

Am 17. September startet "Harald Schmidt", Ihre neue Sendung. Wen laden Sie ein?

Politiker, Manager und Autoren, Leute, die in der "Tagesschau" vorkommen. Und immer nur ein Gast, die klassische Late- Night-Situation.

Josef Ackermann zum Beispiel.

Ja, oder Klaus Zumwinkel, wenn er sich wieder in die Öffentlichkeit begibt.

Weil Sie unlängst feststellten, dass Sie ihm immer ähnlicher sehen?

Ja, deswegen und weil er mal mein Nachbar war in Köln. Ich bog morgens kurz nach acht um die Ecke auf dem Weg zum Kindergarten und sah plötzlich, dass 20 Kamerateams am Zaun von Zumwinkel hingen. Ekelhaft.

Leistet man sich das, wenn man jenseits der 50 ist, dass man Prügelknaben wie Klaus Zumwinkel und Hartmut Mehdorn plötzlich gut findet?

Definitiv. Es gibt Lebensphasen in unserem wunderbaren Staat, in denen die Demokratie ein Päuschen machen muss.

Es spricht der Zyniker Harald Schmidt.

Nein, das wird Ihnen auch jeder stern- Chefredakteur bestätigen. Zumwinkel hat doch eigentlich einen erstklassigen Job gemacht als Postchef.

Sagen die Postler …

… und sage ich als früherer Post-Aktionär. Nur, was ich wirklich nicht verstehe, ist, dass jemand, der von Haus aus so reich ist, der einen Superjob und ein Eins-a-Renommee hat, warum der überhaupt einen Gedanken an so etwas wie Steuersparen verschwendet. Für einen Betrag von knapp einer Million Euro! Das begreife ich nicht. Nicht moralisch, das würde ich mir nie anmaßen. Ich verstehe es rein businessmäßig nicht. Momentan ist es ohnehin so ein bisschen hektisch durch die angebliche Wirtschaftskrise.

Das "angeblich" müssen Sie uns jetzt erklären.

Merken Sie etwas von der Wirtschaftskrise? Ich kenne nur Leute, die davon gar nichts mitkriegen. Wenn Sie hier in Stuttgart in den Media Markt gehen, dann kriegen Sie heute Mittag keinen Stehplatz mehr. Reisen: ausgebucht. Nur acht Prozent der Deutschen haben Aktien, 92 Prozent sind also vom Dax-Sturz gar nicht betroffen.

Sie gehören zu den acht Prozent. Wie viele Milliarden haben Sie verloren?

Nichts. Weil ich nichts verkauft habe. So etwas nennt man Milchmädchenrechnung. Ich kann Ihnen noch eine viel bessere Rechnung sagen.

Das Geld ist gar nicht weg, es haben jetzt nur andere?

Nein, der aktuelle Satz heißt: Das Geld ist gar nicht weg, weil es nie da war. Es ist eine virtuelle Sache. Was sollen die Leute sagen, die den Zweiten Weltkrieg überstanden haben? Irgendwann ist eben die Kohle mal weg. Was soll ich mich darüber aufregen? Jetzt ist sie schon 60 Jahre da. Die meisten kaufen sich doch eh nur hässliche Turnschuhe davon.

Was haben Sie denn so in Ihrem Portfolio?

Vor einem halben Jahr hätte ich es Ihnen noch gesagt. Heute weiß ich, dass es uncool ist, über seine Aktien zu reden. Nur der Neureiche schreit sofort heraus, was er für Wertpapiere hat, was er verdient und wo er irgendwo das Doppelte gekriegt hat. Alter Reichtum sagt immer nur: "Wir kommen zurecht."

Schon das Auto abgewrackt?

Null. Ich habe gestern einen neuen Multivan bekommen. Ansonsten weigere ich mich, den Handel zu unterstützen. Ich habe im Abiturjahr Aufsätze gegen den Konsumterror geschrieben! Mein Fernseher ist 15 Jahre alt, ich habe 30 Hemden, 15 Anzüge, fünf Paar Schuhe. Warum sollte ich mir etwas kaufen?

Wie bescheiden! Sie sprechen wie der Bundespräsident, der sagt, Sparsamkeit muss wieder eine Tugend werden.

Das wird auch passieren. Aber nur bis zum nächsten Hype, dann vergisst man alles wieder. Viele sagen jetzt, es geht doch auch einfacher. Cocooning ist das Wort der Stunde. Das ist, wie wenn man sich das Knie mal aufgeschlagen hat, dann fährt man ein bisschen vorsichtiger Fahrrad. Wenn es verheilt ist, kommen die neuen Modelle, dann wird wieder Gas gegeben. Die Gier ist nun mal die Triebfeder Nummer eins.

Sind Angela Merkel und Peer Steinbrück eigentlich gute Krisenmanager?

Ich glaube, es geht nicht besser. Mir gefällt die abwartende Art von Merkel und wie sie sich den Medien verweigert. Ihre Karriere ist ja eigentlich bloß mit der von Ratzinger zu vergleichen. Ratzinger ist Weltkarriere: ein Polizeibeamtensohn aus Marktl am Inn an der Spitze von zwei Milliarden Katholiken. Plus Superdenker. Und wir alle kennen doch noch die Fotos von Angie am Riesenmobiltelefon, als sie aus der Zone rüberkam mit diesem Pott-Haarschnitt - und in 15 Jahren Bundeskanzlerin! Nein, ich bin überzeugt, sie macht ihren Job sehr gut. Der Rest ist Wahlkampfgeschrei und Medienhysterie.

Viele Deutsche würden sich aber lieber von Obama regieren lassen.

Ich nicht. Ich will keinen Obama. Weil ich die trainierten Keulenarme seiner Frau nicht sehen will. Ich will auch nicht jemanden sehen, der permanent so gut drauf ist, und ich will auch nicht lesen müssen, dass ich hier eine Mode-Ikone vor mir habe. Weil nach allem, was ich von Mode weiß im Bereich Rollkragen und Jeans, verstehe ich entweder die Welt nicht mehr, oder meine Netzhaut ist getrübt.

Wer ist für Sie eine Mode-Ikone?

Jackie O. Oder Carla Bruni. Aber Michelle Obama ist eine hyperaktive Super-Mom. Entweder ist sie im aprikosenfarbenen Pulli in einer Suppenküche, oder sie gräbt im Garten Gemüse um.

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Ausgabe 16/2009

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