. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
23. April 2010, 14:34 Uhr

Das "Wir-Gefühl" der Ostdeutschen

Das "Ossi-Urteil" eines Stuttgarter Gerichts ist eine eklatante Fehlentscheidung - das sagt der Ethnologe Thomas Bierschenk. Im stern.de-Interview erklärt er, warum die Ostdeutschen natürlich ein eigener "Stamm" sind.

© Thomas Bierschenk Thomas Bierschenk Der Ethnologe forscht und unterrichtet als Professor an der "Johannes Gutenberg Universität" in Mainz. Bierschenks Schwerpunkte sind Politische Ethnologie, Der moderne Staat in Afrika, Entwicklungssoziologie, Wirtschaftsethnologie und Agrarsoziologie.

Sie bezeichnen "Ossis" als eine Ethnie. Das klingt verwegen. Eine zweite deutsche Ethnie wie ein Stamm in Afrika?

Wir haben im Alltag oft eine veraltete Vorstellung vom Begriff der Ethnie. Das gleiche Problem hatte der Stuttgarter Arbeitsrichter: Eine Frau klagt, sie sei aufgrund ihrer ethnischen Herkunft Ostdeutschland diskriminiert worden. Jetzt musste der arme Richter entscheiden, was eine Ethnie ist. Dafür hat er auf eine veraltete Definition aus dem 18. Jahrhundert zurückgegriffen.

Der Richter argumentierte, eine Ethnie habe eine gemeinsame Sprache, Kultur, Religion und Tradition. Wieso gilt das nicht mehr?

Mit dieser Definition hat auch der Anwalt der Klägerin argumentiert. Diese Definition stammt aus dem 18. Jahrhundert und ist veraltet: Die Forschung hat gezeigt, dass sich die Grenzen so klar nicht ziehen lassen. Beispielsweise sprechen Mitglieder verschiedener Ethnien manchmal die gleiche Sprache, innerhalb einer Ethnie finden sich verschiedene Sprachen und Religionen. Ganz schwierig ist die Definition einer Kultur. Was macht eine gemeinsame Kultur aus? Daran ist schon die Debatte zur deutschen Leitkultur gescheitert. Hätte sich die Klägerin auf die aktuelle Definition einer Ethnie bezogen, hätte sie Recht bekommen müssen.

Was macht eine Ethnie nach Ihrer Definition aus?

Wir Ethnologen gehen heute davon aus, dass sich eine Ethnie über ein starkes Wir-Gefühl definiert. Dazu kommt eine demonstrative symbolische Abgrenzung gegenüber den Anderen: Beispielsweise werden bestimmte Praktiken wie etwa die Jugendweihe symbolisch überhöht, um damit das Anderssein zu demonstrieren. Dazu gehört auch die ganze Palette von "Ostprodukten" wie F6-Zigaretten oder Spreewälder Gurken. Natürlich sind Ossis eine Ethnie. Das Wir-Gefühl kann durch das Gefühl der Diskriminierung verstärkt werden.

Ossis fühlen sich von Wessis diskriminiert und sind deshalb eine eigene Ethnie: Zementiert die Wissenschaft mit dieser Definition nicht bestehende Probleme?

Nicht die Wissenschaft, das Stuttgarter Arbeitsgericht zementiert mit seinem Vorgehen die Probleme zwischen Ost und West. Denn die Ossis sind eine Gruppe mit starkem Wir-Gefühl. Die Klägerin wurde ohne Zweifel aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert. Mit dem Urteil spricht der Richter dieser Ethnie aber die Diskriminierung und ihre Identität ab. So etwas schweißt eine Gruppe mehr zusammen als alles andere.

Die Wiedervereinigung ist mehr als 20 Jahre her, Deutschland war nur 40 Jahre lang geteilt. Dennoch sind wir jetzt zwei Ethnien?

Die Bürger der DDR sind mit dem Gefühl aufgewachsen, das bessere Deutschland zu sein - antifaschistisch, solidarisch. Heute haben sie das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein. 1990 wurde alles abgeschafft, was ihre Welt ausmachte. Das erklärt, wieso über scheinbar banale Dinge wie ein Rechtsabbiegerpfeil für Autofahrer so emotional diskutiert wird. "Wir hatten doch auch etwas Gutes" wollen diese Menschen sagen.

Basiert damit die Definition einer Ethnie nicht auf Vorurteilen?

Wir Menschen brauchen gewisse Stereotypen, um die Welt zu ordnen. Aber das Verhalten, das die Wessis den Ossis zuschreiben, schreiben diese sich selbst auch zu. Beispielsweise unterstellen die Wessis den Ossis, sie seien noch nicht in der Moderne angekommen, hätten Probleme mit dem modernen Kapitalismus. Ossis bestreiten dieses Klischee nicht: Sie reklamieren für sich eine Kultur der Bescheidenheit und werfen umgekehrt den Wessis vor, dass sie zu egoistisch sind und nur auf Profit aus.

Haben Wessis ein ebenso starkes Wir-Gefühl?

Minderheiten - wie in diesem Fall die Ossis - haben meistens ein stärkeres Wir-Gefühl. Das Wir-Gefühl entsteht immer in Abgrenzung zu einer anderen Gruppe. So kommen die Wessis zu ihrem Wir-Gefühl: Ich bin ein Wessi gegenüber einem Ossi. Ich bin aber auch Mainzer: Während der Fasnacht grenze ich mich beispielsweise gegenüber den Wiesbadenern ab. In einem anderen Zusammenhang fühle ich mich als Deutscher oder auch als Europäer.

Jeder hat also mehrere Identitäten. Sind wir alle ein bisschen schizophren?

In der Tat kann man verschiedenen Ethnien, oder sagen wir besser "Wir-Gruppen", gleichzeitig angehören. Der Stuttgarter Richter sagte: Ossis sind Deutsche und können deshalb keine eigene Ethnie sein. Nach der aktuellen wissenschaftlichen Definition können sie aber beides sein.

Wenn jede Gruppe mit "Wir-Gefühl" eine Ethnie ist - wieviele Ethnien machen Sie dann in Deutschland aus? Müssen die Gerichte jetzt mit einer Klagewelle rechnen, weil sich Hinz und Kunz vor dem Hintergrund des Gleichstellungsgesetzes diskriminiert fühlten kann?

Eine Diskriminierung aufgrund der Herkunft muss ja trotz allem nachgewiesen werden. Die wenigsten Arbeitgeber sind so ungeschickt und schicken Unterlagen mit einem solchen Vermerk zurück. Aber in der Tat: Der Begriff Ethnie umfasst mehr, als sich die Richter träumen lassen. Die Ethnien in Deutschland kann man nicht beziffern, denn die Dinge sind ja immer im Fluss: Ethnische Identitäten entstehen, und sie können sich auch wieder auflösen. Also braucht die Justiz eine neue Definition.

Das "Ossi"-Urteil Eine Buchhalterin hatte vor dem Stuttgarter Arbeitsgericht geklagt, weil ihre Bewerbung bei einer Firma abgelehnt worden war - mit dem Vermerk auf ihrem Lebenslauf: "Ossi". Vor Gericht argumentierte sie, der Grund der Ablehnung sei ihre "ethnische Herkunft" als Ostdeutsche. Das Gericht aber urteilte: "Unter ethnischer Herkunft ist mehr zu verstehen als nur regionale Herkunft." Eine einheitliche Tradition, Sprache, Religion, Kleidung, Ernährung - all dies definiere eine Ethnie und all dies sei im DDR- Territorium nicht einheitlich gewesen, so der Richter. Die Verteidigung der 49-Jährigen hat angekündigt, in Berufung gehen zu wollen.

Interview: Eva Wolfangel
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Arbeitsgericht Stuttgart fällt Urteil "Ossis" sind auch nur Deutsche

Ostdeutsche sind kein eigener Volksstamm - das hat das Arbeitsgericht Stuttgart nun festgestellt. Geklagt hatte eine in der DDR geborene Frau, die mit der Bemerkung "Ossi" von einem potentiellen Arbeitgeber abgelehnt worden war. mehr...

Bewerberin verliert vor Arbeitsgericht "Ossis" sind kein eigener Volksstamm

Gabriele S. war der Auffassung, dass Ostdeutsche eine eigene ethnische Herkunft haben. Nein, urteilte das Arbeitsgericht Stuttgart. Die Absage einer Firma mit dem Vermerk "Minus-Ossi" muss die Klägerin hinnehmen, er fällt nicht unter die verbotene Diskriminierung wegen der ethnischen Herkunft. mehr...

Schnauze Wessi! Mobbing in den Tod

Nicht nur Menschen leiden stumm unter Eindringlingen. Auch in ostdeutschen Zoos spielen sich besonders traurige Kapitel der Wiedervereinigung ab, wie die Geschichte der Elefantenkuh Rhani zeigt. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe