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Wenn Flüchtlinge in die Arme von Salafisten laufen

Moscheen stehen, genau wie Kirchen, jedem offen, der dort beten will. Geht ein Flüchtling zum Freitagsgebet regelmäßig in eine Moschee, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, darf er sich nicht wundern, wenn er ins Visier der Sicherheitsbehörden gerät.

Moschee

Männer beten in Berlin in der Ibrahim Al-Khalil Moschee in Tempelhof. Offiziell distanziert man sich hier von Personen mit "radikalen Ideen".

Freitagmittag in einer Sackgasse im Berliner Norden. Hunderte von Menschen, fast ausschließlich , strömen aus einer Hinterhof-Moschee, die auf einem Gewerbehof liegt. Misstrauische, teilweise auch feindselige Blicke. Iraker, Syrer und Muslime aus verschiedenen Regionen Afrikas treffen sich hier zum Gebet. Etwa jeder Zehnte trägt einen langen, ungestutzten Bart. Nach der Freitagspredigt plaudern die Männer im Sonnenschein auf der Straße. Doch die Atmosphäre ist nicht unbeschwert.

In dem Viertel wird Geld gesammelt für einen islamistischen Verein, der auf seiner Website über die "Lügenpresse" schimpft. Ob sich die Vereinsmitglieder bewusst sind, dass sie sich einer Vokabel bedienen, die aus dem Dunstkreis von und Pegida stammt?

Viele Flüchtlinge sind Muslime. Da liegt es nahe, zu fragen, was die vielen deutschen Moscheevereine tun, um ihren Glaubensbrüdern den Neustart in Deutschland zu erleichtern. Doch spätestens seit der Tunesier Anis Amri auf dem Berliner Breitscheidplatz einen Lastwagen in die Menge steuerte, wächst die Sorge. Denn der Terrorist verkehrte vor dem Anschlag, der zwölf Menschen das Leben kostete, in verschiedenen der Hauptstadt, die dem salafistischen Milieu zugerechnet werden. In Berlin leben aktuell nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes 840 Salafisten - das sind 160 mehr als ein Jahr zuvor. 380 von ihnen hält die Behörde für "gewaltorientiert".

"Es kommen auch Leute mit Diplomatenkennzeichen."

Gesammelt wird im Wedding auch für den Moscheeverein As-Sahaba, zu dessen inoffiziellem Führungszirkel der Berliner einst Reda Seyam zählte. Der gebürtige Ägypter soll sich später in Syrien der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen haben. Zuletzt tauchte er den Angaben zufolge als "Verantwortlicher eines Gremiums für Bildung" des "IS-Kalifats" in der irakischen Stadt Mossul auf.

Obwohl sich Seyam laut Verfassungsschutz schon vor vier Jahren aus Deutschland abgesetzt haben soll, steht sein Name immer noch auf dem Klingelschild einer Wohnung in der Nähe der Seituna-Moschee im Berliner Bezirk Charlottenburg. Seyam habe früher immer freundlich gegrüßt, doch er habe ihm nicht über den Weg getraut, erzählt ein ehemaliger Nachbar. Ehefrau und die Kinder lebten immer noch dort, erzählt der Rentner, der seinen Namen aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlicht sehen möchte.

Die Seituna-Moschee, die im März 2014 in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Fitnessstudios eröffnet wurde, ist eine von zwei Moscheen, die Amri in Berlin besucht haben soll. Nachdem sich mehrere Anwohner und Gewerbetreibende beschwert haben, hat der Verein die Besucher der Moschee gebeten, nach dem Freitagsgebet nicht mehr in großen Gruppen auf der Straße zu stehen. Trotzdem regt sich der Nachbar auf, der früher in dem Fitnessstudio trainiert hatte. Er sagt: "Die parken, wo es ihnen passt, es kommen auch Leute in Autos mit Diplomatenkennzeichen."

Schlechte Erfahrungen mit der Flüchtlingshilfe

Auch Amthal al-Anane kann sich an Seyam noch erinnern. "Der lief vor zehn Jahren immer in der Al-Nur-Moschee herum", sagt der gebürtige Iraker. Er ist Mitglied des Vorstandes der Ibrahim Al-Khalil Moschee in Berlin-Tempelhof. Im Berliner Verfassungsschutzbericht 2015 heißt es, die Ibrahim Al-Khalil Moschee habe sich neben der Al-Nur-Moschee und der As-Sahaba-Moschee als "weiterer Treffpunkt von extremistischen Salafisten etabliert".


Al-Anane wehrt sich gegen diese Einschätzung. Er sagt: "Wenn einer mit radikalen Ideen zu uns kommt, dann sagen wir ihm, "Geh weg"." Mit der Flüchtlingshilfe wolle er nichts mehr zu tun haben. Damit habe man schlechte Erfahrungen gemacht, sagt der hochgewachsene Mann mit dem akkurat gestutzten Bart. 2015 habe der Verein Flüchtlingen erlaubt, in seinen Räumlichkeiten zu übernachten, Kleiderspenden gesammelt, Essen ausgegeben. "Doch dann kam so viel Druck von den Sicherheitsbehörden und von den Medien, da haben wir es gelassen", erzählt er. Um zu beweisen, dass es seinem Verein damals nicht um die salafistische Indoktrinierung der Schutzsuchenden ging, sagt Al-Anane: "Es waren nicht einmal alle Muslime, auch ein Serbe hat hier übernachtet."

Wer die Ibrahim al-Khalil Moschee nicht kennt, findet sie nicht. Kein Schild weist auf den Verein hin, der eine Etage in einem alten Fabrikgebäude angemietet hat.  Auf einem Aushang sind die Aktivitäten des Vereins aufgelistet: Fatwas (islamisches Rechtsgutachten), Islam-Seminare, Eheschließungen, Scheidungen, Sprachkurse. Kusai A. sitzt an einem der weißen Plastiktische in der Cafeteria. Er hat einen Ordner vor sich, sortiert Papiere.

Vater ermordet, "nur weil er Sunnit war"

Kusai A. ist aus dem Irak geflohen. Dort habe er ein gutes Leben gehabt, sagt der gelernte Krankenpfleger. Doch sein Vater sei entführt und ermordet worden, "nur weil er Sunnit war", sagt der Iraker. Er ringt um Fassung. "Ich habe 20.000 Dollar bezahlen müssen, um seine Leiche zu erhalten", sagt er leise. Zwei Tränen tropfen auf ein Schreiben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, das er eben noch glattgestrichen hatte. Er verabschiedet sich zum Mittagsgebet. 15 Männer haben sich hinter dem Imam aufgereiht. Zwei tragen lange Gewänder, die anderen Jeans, Jogginghosen, Winterkleidung.

Kusai A. hat eine Zeit lang in der großen Flüchtlingsunterkunft auf dem Tempelhofer Feld gewohnt. Die Notunterkünfte in den Hangars mit 2000 Plätzen betreibt die Firma Tamaja. Mit radikalen Salafisten habe man bislang keine Probleme gehabt, sagt Unternehmenssprecherin Maria Kipp. Sehr vereinzelt kämen Hinweise oder Vermutungen von anderen Bewohnern bei den Mitarbeitern an. Auch der Vorwurf,"der war beim IS", sei schon geäußert worden. "Wir prüfen das und geben das dann weiter, auch an die Polizei und deren Staatsschutz", erklärt Kipp. Und: "Bisher hat sich aber keiner dieser Hinweise erhärtet."

"Die, die etwas planen, halten sich äußerlich zurück"  

Wenn jemand plötzlich einen Bart und lange Gewänder trage, müsse das noch lange nicht bedeuten, dass von ihm eine Gefahr ausgehe, sagt Susan Hermenau, Sprecherin von Prisod, einer Firma die 18 Flüchtlingsheime betreibt. Sie sagt: "Diejenigen, die sich verändern, bei denen kann man auch nicht sagen, "Aha, ein Salafist, der wird wahrscheinlich als Salafist irgendwo einen Bus reinfahren" - diejenigen, die etwas planen, halten sich äußerlich dann auch eher zurück."  

Viele Asylbewerber kämen mit schrecklichen Erlebnissen im Kopf nach Deutschland, sagt ein gebürtiger Libanese, der als Sozialarbeiter in einer von Prisod geführten Notunterkunft in einer ehemaligen Kaserne im Berliner Bezirk Spandau arbeitet. 1400 Menschen leben hier. Im Büro des Sozialarbeiters herrscht großer Andrang. Ob sein Job schwierig ist? Er schaut ungläubig, zupft an seinem Schultertuch. Dann sagt er, einige Bewohner ließen bei ihm auch einfach ihren Frust über ihre schwierigen Lebensbedingungen ab: "Es ist ein verdammter Kampf."

Von Anne-Beatrice Clasmann und Andreas Rabenstein, DPA

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