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Syrische Flüchtlinge fürchten um ihren Ruf

Dass Hunderte von Männern in der Silvesternacht in Köln Dutzende von Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt haben, sorgt bundesweit für Entsetzen. Auch syrische Flüchtlinge sind schockiert.

Syrische Flüchtlinge in Hessen

Die Täter solle man "hart bestrafen", "ins Gefängnis stecken" oder "sofort abschieben", fordern Mitglieder der Facebook-Gruppe "Syrische Flüchtlinge in Deutschland". Abgebildet sind syrische Flüchtlinge vor einer Erstaufnahmerichtung in Gießen.

Nicht nur die deutsche Gesellschaft ist entsetzt über die Mob-Attacken auf Frauen in der Silvesternacht. Auch viele Flüchtlinge sind schockiert über diesen toxischen Mix aus sexueller Gewalt und Diebstahl, der sich im Schatten des Kölner Doms entlud. Sie haben außerdem Angst, dass die kriminellen Machenschaften einiger Zuwanderer ihren Start in der neuen Heimat zusätzlich erschweren könnten.

Die Täter solle man "hart bestrafen", "ins Gefängnis stecken" oder "sofort abschieben", fordern Mitglieder der Facebook-Gruppe "Syrische Flüchtlinge in Deutschland". "Das war barbarisch" oder "Diese Leute sind völlig zurückgeblieben" liest man in Internet-Foren syrischer Flüchtlinge, in denen sich sonst vor allem Deutsch-Vokabeln und praktische Fragen zu den Abläufen in der deutschen Bürokratie finden. Ein junger Syrer gibt dort Tipps, wie man auf höfliche Art deutsche Frauen kennenlernen kann: "Zieh dich gut an" und "Frag nach dem Weg".


Vorurteile korrigieren sei schwer

"Ein Vorurteil ist schnell da, aber es wieder zu korrigieren, ist sehr viel schwerer", warnt die in Deutschland lebende palästinensisch-syrische Journalistin Riham al-Kousaa in einem Beitrag für das Magazin "Cicero". Es sei traurig, dass die Täter von Köln offensichtlich nicht begriffen hätten, "dass sie nicht nur den Opfern und sich selbst geschadet haben. Sie schaden den Tausenden, die ihre Heimat wegen genau solcher Verbrecher verlassen haben."

"Ich will nicht behaupten, dass da nicht auch Syrer oder Iraker dabei waren. Aber man sollte nicht vergessen, dass in der letzten Zeit auch viele Libanesen und Nordafrikaner als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, die sich als Syrer ausgegeben haben", sagt der syrische Flüchtling Hassan al-Aswad, der mit seiner Familie in Hannover lebt.


Marokkaner kommen über Türkei nach Deutschland

Was zudem auffällt: die steigende Zahl von Marokkanern, die über die Türkei nach Deutschland kommen. Auffällig, weil es zwar auch in Marokko politische Verfolgung gibt, die Situation in dem nordafrikanischen Land aber keineswegs vergleichbar ist mit der Lage in den Staaten, aus denen zuletzt die meisten Schutzsuchenden kamen: Syrien, Irak, Afghanistan und Iran.

Die marokkanische Nachrichten-Website "Hibapress" berichtete diese Woche, in den Reisebüros der Großstadt Casablanca seien zuletzt die Preise für Flüge in die Türkei aufgrund der großen Nachfrage gestiegen. Aus den ärmeren Vierteln der Stadt hätten sich in den vergangenen Wochen Hunderte junge Marokkaner über die Balkanroute in Richtung Europa aufgemacht, nachdem bekanntgeworden sei, dass Syrer in Europa Aufnahme fänden. Die meisten von ihnen seien zuvor arbeitslos gewesen.

Im Diskussionsforum der Website forderten Leser die Regierung in Rabat auf, sich mehr als bisher um junge gesellschaftliche Außenseiter zu kümmern. Zur "Antanz-Szene" - Trickdiebe, die meist in kleinen Gruppen agieren und sich ihren Opfern tanzend nähern - gehören nach Angaben von Polizisten vor allem junge Marokkaner und Algerier. 

"Keiner redet über die Opfer"

Der Berliner Autor Ahmed Mansour ("Generation Allah") ist der Meinung, dass die Debatte über die Vorfälle von Köln falsch geführt wird. Er schreibt auf seiner Facebook-Seite, während einige bemüht seien, die Taten mit dem Hinweis auf Exzesse beim Oktoberfest zu relativieren, fänden andere ihren Hass und ihr rechtes Gedankengut durch die Ereignisse bestätigt.

"Keiner redet über die Opfer", empört sich Mansour, der sich beruflich mit der Entradikalisierung islamistischer Jugendlicher beschäftigt. "In manchen arabischen Kulturen führen Erziehungsmethoden, die auf Tabuisierung der Sexualität und Abwertung von Frauen basieren, zu solchen Taten." Und er schreibt: "Darunter leiden nicht nur blonde westliche Frauen, sondern auch jede Frau, die die krankhaften traditionellen Vorstellungen ablehnt und versucht, frei zu leben." 

Anne-Beatrice Clasmann/DPA
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