Mehr als acht Wochen nach der tödlichen Holzklotz-Attacke auf einer Autobahn bei Oldenburg haben die Fahnder einen Tatverdächtigen ermittelt. Die Familie von Olga K. lebt seit der Tat in tiefer Trauer. Dem stern erzählte der Witwer Alexander K. von seiner großen Liebe und der Nacht, in der seine Familie zerstört wurde. Von Andrea Schaper

Glück: Alexander K., 36, umarmt stolz seine Frau Olga, 33. Das war im Sommer 2007, auf der Hochzeit einer Cousine in Telgte. Alle Mitglieder der Großfamilie waren aus Kasachstan ins Münsterland gezogen© Privat
Die Zettel fehlen ihm. Neben all dem anderen. Die Schnipsel mit den kleinen Aufträgen, die Olga ihm immer auf den Küchentisch gelegt hatte, für den Fall, dass er vor ihr nach Hause kommen sollte. Mit ihrer etwas gezackten, steilen Schrift: "Bitte Staub saugen". "Bitte Wäsche aufhängen." "Bitte Blumen auf dem Balkon gießen". Alexander hat diese Aufgaben immer erledigt. "Natürlich", sagt er. "Das war doch normal."
Normal war auch, dass "Ola", so wurde sie von ihrer Familie genannt, ihren Mann bereits morgens im Bett fragte, was er abends gern essen wollte. Normal war, dass sie gleichzeitig telefonieren, kochen, den Kindern die Schuhe zubinden, fernsehen, sich schminken und den anderen zuhören konnte. Normal war, dass sie zu lauter Musik im Radio sang, Liebesfilme auf Video aufnahm und "eine Schnulze nach der anderen" bis spät in die Nacht anschaute. Normal war, dass sie bereits am Montag Pläne für das Wochenende machte.
Normal war auch, dass meist jemand aus der Familie bei ihnen zu Besuch war. Viktor*, der Onkel, Mirka, die Cousine, Tanja, die Tante. All die Verwandten, die nur ein paar Häuser weiter in derselben Straße wohnten, 14 insgesamt. Von 1995 an waren sie nach und nach übergesiedelt, aus Wannowka in Kasachstan nach Telgte im Münsterland. Dazwischen 5000 Kilometer Luftlinie, fünf Zeitzonen, vier Grenzen. Eine Familie von Russlanddeutschen - von "Spätaussiedlern", wie es auf den Formularen der Behörden hieß -, die vier Jahre nach dem Ende der Sowjetunion beschlossen hatte, all ihre Hoffnungen darauf zu setzen, dass die Beschreibungen von dem wunderbaren Leben in Deutschland zutreffen würden. Beschreibungen, von denen sie in den Briefen anderer, früherer Aussiedler gelesen hatten.
Im beschaulichen Telgte, 19.600 Einwohner, zwölf Kilometer von Münster entfernt, hatten sie ein neues Leben, ihr neues Zuhause gefunden.
Am Ostersonntag 2008, genau um 19.57 Uhr, beendete ein Holzklotz das Leben von Olga K. Auf der Autobahn A 29 zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg bei Kilometer 42,0 wurde sie von einem sechs Kilo schweren Pappelstamm erschlagen. 24 Zentimeter hoch, 18 Zentimeter dick. Der Klotz traf ihren Hals, die linke Schulter, den Brustkorb. Olga K., 33 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, war sofort tot. Unbekannte hatten den abgesägten Baumstamm von einer Brücke auf den silberfarbenen BMW geworfen. Die Familie war nach einem Besuch in Wilhelmshaven auf dem Heimweg. Alexander saß am Steuer, der Wagen fuhr mit etwa 120 km/h, als die sechs Kilo Pappelholz durch die Windschutzscheibe schmetterten.
Sechs Kilo Holz. 120 km/h. Eine Wucht von zwei Tonnen.

Alexander fuhr mit seinem Wagen auf der A 29 in Richtung Süden, als er die Brücke, die Wahnbek und Oldenburg verbindet, unterquerte. Genau in diesem Moment wurde der schwere Holzklotz heruntergeworfen© Knut Gärtner
Ein paar Minuten zuvor hatte Olga noch ihre Tante aus dem Auto angerufen, um ihr frohe Ostern zu wünschen. "Wir sind bald zu Hause", sagte sie. Und: "Die Kinder sind müde. Wir sehen uns morgen und freuen uns. Bis dahin." Jannik, 9, und Lara, 7, saßen angeschnallt auf der Rückbank. Olga erzählte, wer von der Familie zum Geburtstagsfrühstück der Cousine am Tag darauf kommen werde. Es war dunkel, aber Alexander kannte die Strecke ja von den vielen Besuchen bei ihren Freunden in Wilhelmshaven, Russlanddeutsche wie sie. Die Frau war schon in Kasachstan Olgas beste Freundin gewesen, jetzt verbrachten sie häufig das Wochenende bei ihnen. Zwei Minuten nach dem Telefongespräch, plötzlich "ein Knall, den ich einfach nicht mehr aus meinem Kopf bekomme", sagt Alexander. Ein schwarzer Schatten, Splitter, die Windschutzscheibe platzte auf der Beifahrerseite, etwas schlug mit ungeheurer Kraft ein. Alexander bremste den Wagen ab, fragte nach hinten: "Kinder, alles okay?" "Alles okay", antworteten sie. Dann begannen beide zu weinen.
"Ola, alles okay?" Keine Antwort. Es war dunkel. Er konnte nichts sehen im Wagen. Fuhr auf den Standstreifen. Hielt an. Machte die Tür auf. Da ging die Innenbeleuchtung an. Und er konnte erkennen, was passiert war. Auf Olgas Schoß ein Holzklotz, in der Windschutzscheibe ein gezacktes, aufgerissenes Loch, überall Splitter. Blut. Olga antwortete nicht. Ihr Kopf hing links nach unten. Die Kinder haben geschrien.
Alexander machte noch im Auto eine Mund-zu-Mund-Beatmung, versuchte sie ins Leben zurückzuholen. Dann eine Herzmassage. "Doch da war alles so weich, ganz eingedrückt."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 18/2008