9. Mai 2012, 19:00 Uhr

Auf engstem Raum mit dem Attentäter

Nur wenige Meter trennten sie von Breivik. Auf Utøya litten sie Todesängste. Doch im Zeugenstand lassen sich die Überlebenden von der Anwesenheit des Attentäters nicht beirren. Von Swantje Dake

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Mehrfach grinste Anders Behring Breivik am 15. Prozesstag während die Überlebenden von Utøya aussagten©

Stimmt es, dass ich der Zeugin keine direkten Fragen stellen darf?" Anders Behring Breivik schaut Richterin Wenche Elizabeth Arntzen erwartungsvoll an. "Dein Verteidiger darf Fragen stellen", sagt Arntzen knapp. "Und wenn ich meine Anwälte entlasse? Darf ich dann?" Breivik will Tonje Brenna unbedingt direkt ansprechen, will ihr Fragen zur Ideologie stellen. Brenna ist Generalsekretärin der sozialdemokratischen Arbeiterjugend AUF. Sie war eine der Organisatorinnen des Sommerlagers auf Utøya, in dem Breivik am 22. Juli sein Massaker ausführte.

Jetzt ist sie die erste Überlebende von Utøya, die im Prozess aussagt. Die Nachwuchspolitikerin suchte Schutz in Felsspalten unterhalb des Kjærlighetsstien, dem Liebespfad. Ein kleiner Weg, der sich an der Küste der Insel entlang schlängelt. Auf diesem Weg mordete Breivik, zielte von dort auch auf die Jugendlichen, die sich mehrere Meter unter ihm am Wasser versteckten. Brenna versuchte, Ruhe zu bewahren. Sie hörte Schüsse, die von unterschiedlichen Ecken der Insel herüber hallen. "Ich versuchte, die Schüsse zu zählen. Es roch nach Schwarzpulver. Leute fielen von oben ins Wasser oder auf die Steine. Aber wir konnten ihnen nicht helfen", berichtet Brenna laut der norwegischen Zeitung "Verdens Gang", die die Aussagen aus dem Gerichtssaal 250 nahezu wörtlich protokolliert.

Breivik bejubelt seine Treffer

Mehrfach zielte Breivik auf das Versteck von Tonje Brenna. "Es fühlte sich an, als ob es nur eine Frage der Zeit war, bis ein Schuss treffen würde." Brenna fiel ein großer Stein ins Genick. Sie glaubt, dass ein Schuss diesen Stein auch getroffen habe und der Felsbrocken sie rettete. "Zumindest fühlte es sich so an." Dann hörte sie Jubelrufe. Jedes Mal, wenn Breivik einen Treffer landete. "Es hörte sich an wie ,Woho'."

Breivik hebt den Kopf als Brenna von dem Jubel erzählt. Er hatte dieser Behauptung in seiner Aussage widersprochen. Er sei sich bewusst gewesen, dass es grausam war, was er gemacht hat. Daher habe er keine Veranlassung gehabt zu lachen. "Ich habe das so erlebt, sonst würde ich es nicht vor Gericht sagen", sagt Brenna auf Nachfrage von Verteidiger Geir Lippestad. "Es war ein Ausdruck der Freude. Und wir hatten keinen Grund zum Jubeln." Breivik notiert sich etwas auf einem gelben Post-it-Zettel. Er sitzt nun zwischen seinen Verteidigern Tord Eskild Jordet und Odd Ivar Grøn, eine Reihe weiter hinten als an den vorangegangen Gerichtstagen. Die Überlebenden hatten darum gebeten, dass er so weit wie möglich von ihnen entfernt sitzt. Aber der Gerichtssaal 250 ist ein kleiner Raum. Mehr als fünf, sechs Meter Abstand sind es nicht.

In Breiviks Schusslinie

Das ist in etwa die Distanz, die zwischen Bjørn Magnus Jacobsen Ihler und Breivik auf Utøya lag. Am 22. Juli zielte Breivik mit dem Gewehr auf den 20-Jährigen. Jetzt, am 15. Prozesstag, trennen sie erneut nur wenige Meter. Ihler blickt zu Breivik, aber der schaut den Zeugen nicht an. "Damals fühlte es sich an, als ob meine Seele den Körper verlasse. Als sei ich tot", schildert Ihler. Er rechnete damit, in den nächsten Sekunden erschossen zu werden. Der Nachwuchspolitiker hatte sich vom Zeltplatz über den Liebespfad bis zur Südspitze der Insel durchgeschlagen. Er war durch das stachelige Unterholz gelaufen, hatte sich die Füße und Beine aufgeschnitten, aber er spürte den Schmerz nicht. Die Angst war größer.

Zunächst lag Ihler zusammen mit anderen Jugendlichen hinter Wurzeln und Bäumen am Liebespfad. "Wir verständigten uns mit Mimik und Gesten. Wir wussten nicht, was passiert, aber es war klar, dass es eine gefährliche Situation ist." Ihler schildert die bangen Minuten auf Utøya ruhig und gelassen. Seine Stimme ist fest. Auf seiner Flucht kümmerte er sich um zwei Kinder, gerade mal acht und neun Jahre alt. Einer erzählte Ihler, dass Breivik bereits die Waffe auf ihn gerichtet hatte, sich dann aber abwandte und ihn verschonte. Ihler ließ die Jungs nicht mehr aus den Augen.

Der falsche Polizist

Als die drei an der Südspitze Schutz suchten, war der Tyrifjord-See bereits voller Boote. Ein Helikopter kreiste über der Insel. Am Ufer sahen sie Blaulicht. Plötzlich tauchte ein Mann in Polizeiuniform hinter ihnen auf. Er rief, er sei von der Polizei, sie seien in Sicherheit. Mehrere Jugendliche wagten sich aus ihren Verstecken. Doch der Mann war Breivik und er feuerte auf die, die glaubten, sie seien in Sicherheit. Auch auf Ihler. Der schmiss sich ins Wasser, schwamm und kletterte ein paar Meter weiter auf Steine, hielt sich an einem Strauch fest. Die beiden Jungs hatte er immer noch bei sich. Sie versteckten sich am Ufer, bis erneut ein Polizist auftauchte. Diesmal ein echter. "Der Attentäter ist festgenommen", rief der Beamte laut Ihler. Breivik grinst selbstzufrieden, als Ihler diese Szene schildert. Der 20-Jährige hat bis heute Probleme, wenn er Polizisten, Hubschrauber und Blaulicht sieht. "Dann bin ich sofort wieder auf Utøya", sagt er. Doch seine Stimme ist noch immer fest und bestimmt. Von Breiviks Grinsen lässt er sich nicht einschüchtern.

 
 
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