2. März 2008, 10:23 Uhr

Das Beste zum Schluss?

In Hollywood ist der Tod ein Abenteuer, und vor dem Sterben geht es noch mal richtig rund - wie im Film "Das Beste kommt zum Schluss". Wie aber reagieren reale Menschen, wenn sie erfahren, dass sie bald sterben? Der stern sprach mit Todkranken und fragte Gesunde: Was wäre, wenn? Von Michael Streck

Sabine Petersen, 34, spielte vor ihrem Schlaganfall gern Fußball. Das darf sie, wie so vieles, heute nicht mehr. Trotzdem sagt sie: "Ich bin ein rundum glücklicher Mensch"©

Sabine Petersen (Name geändert) starb binnen vier Tagen zweimal. Der erste Tod war wunderschön, er war warm und hell und Erlösung von den furchtbaren Schmerzen, die sich anfühlten, "als würde mein Schädel gespalten, immer wieder, immer wieder". Etwas blitzte in ihrem Kopf, das hat sie in Erinnerung, und sie sah die Ärztin, wie die ihr Gesicht streichelte, und aus dem Gesicht der Ärztin wurde das ihrer Mutter, selig, verstorben vor mehr als 20 Jahren, und es wurde hell und leicht, "und wenn ich davon erzähle, dann sehne ich mich danach zurück, zurück zum schönsten Moment meines Lebens, dem Tod".

Sabine Petersen, 34, hatte einen Schlaganfall erlitten; eine benachbarte Freundin, alarmiert von Sabines Sohn, fuhr sie in die Arztpraxis, wo sie allergisch auf das Schmerzmittel Novalgin reagierte, "Atem, Puls, alles weg". Sie hörte die Ärztin sagen, "wir schaffen das, wir kriegen das hin", aber sie wollte zunächst bleiben, in dieser schmerzlosen Welt aus Licht und totaler Entspanntheit, "ich habe gehadert und gezögert", und sie ist bis heute überzeugt, dass es ihr eigener, unterbewusster Entschluss war, zurückzukehren auf diese Seite, denn dort war der Sohn, damals neun, und es waren Dinge unerledigt geblieben. Also kam sie zurück auf die Seite der Schmerzen, der Apparate, der Ärzte.

Petersen wurde ins Krankenhaus verbracht, es war ein Donnerstag. Sie wurde in Röhren geschoben und geröntgt. Sie entsinnt sich an die Computertomografien und wie einmal mehrere Ärzte auf den Schirm starrten und sie mühsam sagte: "Ich will das auch sehen." Ein Mediziner zeigte ihr zögerlich das Bild, und selbst sie, medizinischer Laie, sah, dass etwas nicht stimmte in ihrem Kopf. Beide Halsschlagadern verstopft, sie erkannte ein Gerinnsel, Blut trat aus, ihr Puls war schwach, auf der Brust hämmerte der Schmerz.

"Man plant und hakt ab"

Montags, vier Tage nach dem ersten Tod, starb Sabine Petersen zum zweiten Mal. Dieser Tod war nüchtern, kalt und präzise. Er nahm die Gestalt des Oberarztes an, der sprach: "Sie haben wahrscheinlich nur noch zwei Tage zu leben." Sie war selbst erstaunt, wie gelassen und ruhig sie reagierte auf diese Diagnose, "in dieser Stunde plant man und hakt ab, Punkt für Punkt".

Punkt eins: "Meinem Vater werde ich niemals verzeihen."
Punkt zwei: "Meine Freunde bekommen das Sorgerecht für meinen Sohn."
Punkt drei: "Ich muss im Büro anrufen, da liegt noch Papierkram, und der muss gemacht werden."

Danach nahm sie Abschied vom Sohn und wartete auf den angekündigten Tod. Sie wartete am Dienstag und am Mittwoch, aber der Tod kam nicht. Er kam nicht eine Woche später, er kam nicht einen Monat später, er kam nicht ein Jahr später, und die Ärzte wunderten sich.

Den Tod achten

Gut zwei Jahre nach dem Schlaganfall sitzt die Volkswirtin Sabine Petersen in einem kleinen Restaurant in Hannover, bestellt einen Salat mit Folienkartoffel und erzählt: "Ich lebe heute bewusster, ich lasse nichts mehr unerledigt, ich bin ein rundum glücklicher Mensch." Petersen hat sich einen Traum erfüllt und ein tausend Seiten dickes Fantasy-Buch geschrieben. Sie will dem Sohn die Berge zeigen und die See und einmal den Eiffelturm, "noch so ein Traum von uns", denn sie weiß nie, ob das inzwischen zwar vernarbte Bindegewebe in den Halsschlagadern nicht doch nachgeben wird.

Aber falls das passiert, hätte sie keine Angst, weil sie den Tod zu achten gelernt hat und sich gelegentlich sogar verzehrt nach diesem Moment des vollkommenen Glücks, obschon sie kein sonderlich religiöser oder spiritueller Typ ist. "Sterben", sagt sie, "sterben ist geil, es ist unfassbar schön." Sie weiß, wie merkwürdig das klingt, "aber für mich ist es die Wahrheit". Sie hat natürlich gelesen über die Biochemie des Todes, die Endorphin-Ausschüttung ganz zum Schluss. Aber die Rationalität greift hier nicht, "da ist mehr". Das hat sie auch immer wieder ihrem Sohn erklärt, "keine Angst", auf dass er gewappnet ist für den unausweichlichen Moment, früher oder später.

Das Einzige, was im Leben feststeht, ist der Tod. Die Diagnose Tod beginnt mit dem ersten Schrei. Man kann das Sterben ziselieren, es verwissenschaftlichen, das bevorstehende Ende in die berühmten fünf Phasen einteilen: nicht wahrhaben wollen, Zorn, verhandeln, Depression, Akzeptanz. Man kann ihn medizinisch- kühl als das "Erlöschen der Lebensäußerungen des Organismus" definieren. Und einmal erloschen, wird's in Deutschland gleich bürokratisch und ungewollt komisch, denn: "Mit dem Tod endet die Rechtsfähigkeit des Menschen." Das ist nicht Loriot, das ist Zivilrecht.

Man kann das Sterben umschreiben und verniedlichen, verharmlosen und damit eben auch tabuisieren. In kaum einer anderen Sprache existieren dafür ähnlich viele Synonyme wie im Deutschen: einschlafen, entschlummern, ableben, die Augen zumachen, heimgehen, dahinscheiden, das Dasein vollenden, in die Grube fahren, zu Staub werden, das Zeitliche segnen, von hinnen gehen, ins Gras beißen, erlöschen, verbleichen, hinübergleiten oder schlicht gehen. Am Ende läuft alles auf dasselbe hinaus.

Was ist der Sinn des Lebens?

Man kann dem Tod das Grauen nehmen wie im lustvollen Barockzeitalter, als die Menschen über den Tod scherzten, ohne ihn ins Lächerliche zu ziehen. Man kann sich schließlich mit dem Tod spielerisch auseinandersetzen - wie im aktuellen Kinofilm "Das Beste kommt zum Schluss" mit Jack Nicholson und Morgan Freeman, einer Klamotte des Inhalts, dass zwei krebskranke Alte auf den letzten Metern noch mal Gas geben: Die beiden Todgeweihten holen nach, was sie vor der Diagnose verpasst haben. Sie leben. Sie reisen, gehen auf Safari, flirten, versöhnen und zuletzt - Friede ihrer Asche - enden die beiden auf dem Gipfel des Mount Everest.

Der Film ist zwar eine Kitsch-Postkarte. Aber immerhin stellt er die Mutter aller Fragen: Was ist der Sinn des Lebens? Oder: Was wäre, wenn morgen alles vorbei wäre? Was macht der Mensch aus seiner Zeit, wenn das Ende naht. Die große Sause zum großen Finale gibt's wirklich nur in Hollywood. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des stern ergab, dass 57 Prozent der Deutschen "so weiterleben würden wie bisher", falls sie noch ein Jahr zu leben hätten.

Das deckt sich mit den Erfahrungen von Humanmedizinern und Sterbeforschern wie Professor Christoph Student, der seit Jahrzehnten die Schlusskurve des Lebens untersucht. "Am Ende", sagt er, "werden die kleinen Wünsche ganz wichtig. Noch einmal die geliebte Suppe der Mutter löffeln, noch einmal kochen, noch einmal ein Schaumbad nehmen mit Sekt und Kaviar und einer Zigarette."

Das "Beste kommt zum Schluss" ist vielmehr die Konzentration aufs Wesentliche, auf Freunde, Familie. Die Wunschliste ist kleiner, weniger spektakulär als im Film, aber so individuell wie der Tod selbst. Also begeben wir uns auf eine kleine Expedition, um Menschen zu treffen, alte wie junge, die mit dem Tod konfrontiert wurden oder, umgekehrt: den Tod konfrontieren. Die sich letzte Wünsche erfüllten, kleine wie große.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 08/2008

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KOMMENTARE (2 von 2)
 
tagora-sagittara (03.03.2008, 09:05 Uhr)
Ein schöner Artikel,...
wahrhaft journalistisch.
cla1 (03.03.2008, 01:16 Uhr)
Sehr Gut!
Ein sehr bewegender und gut geschriebener Artikel!
Bravo!
 
 
 
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