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Wie ein Mann eine Panzerkolonne aufhielt

Ein einziger Mann stoppt eine Panzerkolonne. Das Bild von ihm geht um die Welt - nur in China ist es kaum bekannt. Fotograf Jeff Widener erinnert sich an den 4. Juni 1989.

Niemand kennt ihn und sein Schicksal, dennoch ist er weltberühmt: Auch 25 Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung in Peking und anderen Teilen Chinas gilt der einsame Mann, der sich einem Konvoi von Panzern entgegenstellt, als Ikone des friedlichen Protestes und zivilen Ungehorsams. Fotos von dem jungen Rebellen gingen um die Welt - nur im eigenen Land kennt sie kaum jemand.

Der US-Fotograf Jeff Widener machte eine der berühmten Aufnahmen von dem "Tank Man" also Panzermann, wie der Unbekannte auch genannt wurde. "Mit dem Bild habe ich ein Zeichen gesetzt", sagt Widener, der sich 25 Jahre nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens an diesen Mittag im Juni 1989 erinnert. Der damals so genannte Ostblock würde von einer nie dagewesenen Freiheitsbewegung erschüttert. Nur wenige Monate später, im November, sollte die Berliner Mauer fallen.

In China sind die Machthaber fest entschlossen, den friedlichen Protest in der Hauptstadt niederzuschlagen. In der Nacht auf den 4. Juni haben sich die Soldaten ihren Weg in die Pekinger Innenstadt freigeschossen und den seit sechs Wochen andauernden Protest pro-demokratischer Studenten am Tian'anmen-Platz niedergeschlagen. Hunderte, womöglich Tausende wurden getötet. Am Tag danach fährt eine Panzerkolonne in der Nähe des Platzes die jetzt menschenleere große Changan-Straße entlang. Plötzlich stellt sich ihnen der Mann in den Weg. Fotograf Widener hält den Moment mit seiner Kamera aus einem einige Hundert Meter entfernten Hotelzimmer fest.

Panzer kurvt unsicher hin und her

Es ist kurz vor Mittag. Der mutige Mann, der den Panzern auf der Straße entgegen geht, trägt ein weißes Hemd, eine schwarze Hose und hat in jeder Hand eine Plastiktüte. Mehrfach versucht der erste Panzer, um den einsamen Rebellen herumzufahren, jedes Mal stellt dieser sich ihm erneut in den Weg, völlig ruhig, nur seine Arme mit den Plastiktüten rudern, als wollten sie den Panzer wegscheuchen.

Er steigt auf den Panzer, versucht, mit der Besatzung zu sprechen, springt wieder ab, stellt sich erneut dem rasch anfahrenden Panzer entgegen. Schließlich wird er von zwei Männern weggezogen - ob es besorgte Passanten waren oder Sicherheitsagenten, ist unklar. Ein Vierteljahrhundert nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung in China ist das Bild von ihm eine Ikone für den Kampf eines Einzelnen gegen ein übermächtiges System geworden.

Bis heute weiß niemand, wer der Mann ist und was aus ihm wurde. War er damals 19 Jahre alt und Student, wie es unter anderem hieß? Auch sein angeblicher Name Wang Weilin lässt sich nicht bestätigen. Ebenso anonym bleibt der Panzerfahrer, der sich weigerte, das ungleiche Duell brutal zu beenden. Die Behörden hüllen sich in Schweigen.

Bei Fragen gerät die Führung noch heute außer Fassung

Als die US-Starmoderatorin Barbara Walters 1990 den damaligen KP-Chef Jiang Zemin mit einem Foto des legendären Moments konfrontiert und nach dem Schicksal des Mannes fragt, gerät dieser sichtlich außer Fassung: Er glaube nicht, dass er getötet worden sei, sagt Jiang knapp. Einige denken, der "Panzer-Mann" wurde hingerichtet, andere hoffen, er konnte untertauchen.

Es gibt Videos - unter anderem eines von CNN auf Youtube - und mehrere Fotos von dem symbolischen Augenblick, doch zur Ikone wurde er durch die Aufnahme des AP-Fotografen Widener. Zeitungen weltweit brachten das Bild auf ihren Titelseiten, bis heute wird es von Menschenrechtlern kopiert, aber auch für Werbe- und Satirezwecke parodiert.

Nur in China ist die Aufnahme weitgehend unbekannt. Seit Jahren versucht die chinesische Führung, die Erinnerung an die damaligen Ereignisse auszulöschen, und die Zensur unterdrückt jede Anspielung an den Mann: Als im vergangenen Jahr eine Satire-Version mit dicken gelben Gummienten an Stelle der Panzer im Internet für Furore sorgte, wurde die Seite schnell gelöscht. Abzüge des Bildes lässt die Pekinger Führung vernichten, Zensoren löschen jegliche Kopien des Fotos auf chinesischen Websites umgehend.

Fotograf möchte Identität gar nicht wissen

"Ich hatte stets das Gefühl, als wollte er sagen: 'Ich lasse Euch hier nicht vorbei, haut ab; wir sind bereit zu sterben'", sagt der Pekinger Dissident Hu Jia über den "Tank Man". Die friedliche Konfrontation des jungen Unbekannten mit den eisernen Ungetümen dauerte nur wenige Minuten Doch "seine Tat symbolisierte den Geist der jungen Menschen damals", so Dissident Hu Jia.

Fotograf Widener hat inzwischen ein gespaltenes Verhältnis zu seinem Foto. Manchmal aber denke er noch an den "Panzermann" und frage sich, was aus ihm geworden sei, sagt der inzwischen 57-Jährige. "Vielleicht ist es besser, dass wir nichts über ihn wissen", sagt er dann. "Es ist ein wenig wie beim 'Unbekannten Soldaten' - er wird uns für immer an die Bedeutung von Freiheit und Demokratie und unser Recht auf Würde erinnern."

anb/DPA/AFP/DPA
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