. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
18. Juni 2008, 16:44 Uhr

Im Land der armen Millionäre

Simbabwe hat die weltweit höchste Inflationsrate: zwischen 100.000 und 200.000 Prozent. Wer da überleben will, braucht die richtigen Kontakte - und sehr große Hosentaschen. Von Eva Wolfangel, Harare

Eine Handvoll Scheine für ein Stück Brot und morgen schon kann die gleiche Summe in Simbabwe wertlos sein© Phillimon Bulawayo/DPA

Paul bündelt Zehn-Millionen-Scheine, immer Hundert bilden einen Stapel, den er mit einem Haushaltsgummi umwickelt: eine Milliarde Simbabwe-Dollar. Am Ende liegen zahlreiche solcher Bündel um ihn herum verteilt auf dem Tisch. Die Tageseinnahmen seines Steakhauses. Vor allem Weiße und Militärs kommen in das kleine Restaurant in Bulawayo, der zweitgrößten Stadt Simbabwes. Paul verstaut die Päckchen in Plastiktüten.

Dann beginnt der Wettlauf mit der Zeit. "Ich muss sie so schnell wie möglich auf dem Schwarzmarkt gegen Devisen tauschen", sagt der Mittdreißiger. Denn der simbabwische Dollar verliert täglich dramatisch an Wert. Banken geben keine fremde Währung heraus. Wer keinen Zugang zu Devisen und keine Kontakte zum Schwarzmarkt hat, ist verloren.

Eine so genannte Hyperinflation schnürt dem kleinen Staat im Südosten Afrika die Luft ab, Vor zwei Monaten meldete Simbabwe die Inflationsrate von 100.000 Prozent, neue Zahlen sprechen sogar von 200.000 Prozent - eine schwindelerregende Rate, die freilich schon nächste Woche überholt sein wird. Wenn sich die Preisspirale bis zum Jahresende so weiter dreht, wird die Inflationsrate zum Jahresende 24 Millionen Prozent betragen, schätzt die Wirtschaftszeitung "Zimbabwe Independent". Eine unvorstellbare Summe. Und das in einem Land, das Bodenschätze hat und keineswegs arm ist, einst sogar als Kornkammer des Kontinents galt. Seit zehn Jahren, seit der Vertreibung weißer Farmer, hat Präsident Robert Mugabe das Land systematisch heruntergewirtschaftet. Das seit Wochen andauernde Wahlchaos verschärft die Situation noch.

Es ist verboten, mit Devisen zu zahlen

Würde Jeremy nicht 450 Kilometer entfernt in Harare wohnen, könnte er mit Paul, dem Restaurantbesitzer, einig werden. Jeremy arbeitet für ein internationales Unternehmen und wird in US-Dollar bezahlt. Ein Privileg in Zeiten der Hyperinflation. Aber zugleich ein Problem. Denn es ist verboten, mit Devisen zu bezahlen. Auch wenn sich die Verkäuferin des kleinen Ladens in der Nähe von Jeremys Wohnung nichts sehnlicher wünschen würde, als ein paar Dollar zu besitzen, schüttelt sie beharrlich den Kopf, als der junge Mann eine Flasche Wasser mit einem Dollarschein bezahlen möchte.

Vor der Tür zückt Jeremy sein Handy, wählt eine Nummer und spricht leise und hastig ein paar Worte hinein: "Kannst du 50 Dollar tauschen? Jetzt? Okay, ich komme." Er kennt den Mann, der ein paar Straßen weiter unter einem Baum auf ihn wartet, nicht näher. Aber er trifft ihn oft. "Wer auf dem Schwarzmarkt tauschen will, braucht einen vertrauenswürdigen Kontakt", sagt er. Viel Zeit ist nicht: Jeremy öffnet die Autoscheibe einen Spalt, schiebt eine 50-Dollar-Note hindurch und bekommt im Gegenzug sechs Stapel Simbabwe-Dollar. Nachgezählt wird nicht: Jeremy schaut sich kurz um und gibt Vollgas. Wer die falschen Kontakte hat, wird betrogen - oder landet im Gefängnis. Wer legal bei der Bank tauscht, bekommt nicht einmal ein Zehntel des realen Gegenwertes der Devisen. So rechnet sich der Staat die Inflation schön.

Auf dem Schwarzmarkt sind die Preise zehn Mal so hoch

An das Rechnen mit vielen Nullen hat man sich in dem krisengeschüttelten Land bereits gewöhnt. Weil die Preise täglich steigen, ändern sich auch die Geldscheine. War im April die Zehn-Millionen-Note noch der am häufigsten gebrauchte Schein, wurde kürzlich die 250-Millionen-Dollar-Note eingeführt. Damit ersparen sich die Simbabwer Kopfrechnerei: Dreihundert Millionen müssen sie im Schnitt im April für zwei Liter Speiseöl oder einen Sack Kartoffeln hinblättern, also dreißig Scheine. Eine Flasche Wasser kostet zehn Millionen Simbabwe-Dollar. Für Grundnahrungsmittel wie Brot oder Maismehl hat die Regierung zwar Festpreise vorgegeben. Doch für schlappe sechs Millionen pro Kilo backt kein Bäcker mehr ein Brot, oft ist schon das Mehl teurer. So wandern die Produkte direkt auf den Schwarzmarkt, wo es das Zehnfache gibt. Die Regierung droht mit Razzien, Geld- und Haftstrafen. Aber davon lässt sich schon lange keiner mehr beeindrucken. Wer überleben will, kommt ohne den Schwarzmarkt nicht aus.

In der hintersten Ecke von Pauls Tresenschublade hat sich ein Stapel Tausenderscheine verklemmt. "Die haben wir vor einigen Monaten vergessen zu tauschen. Jetzt können wir sie wegwerfen." Sie taugen nicht mal mehr als Wechselgeld. Das Wechselgeld ist ein eigenes Thema: Wer nicht aufpasst, hat im Nu stapelweise 200.000er Scheine und bekommt sie nie wieder los. Sie sind so gut wie wertlos, denn um von solchen Noten auch nur eine Tomate zu kaufen, müssen sie eimerweise transportiert werden.

Geldscheine werden zu Notizzetteln

Das Portemonnaie hat in Simbabwe ohnehin ausgedient - allein für ein Abendessen im Restaurant braucht man vier prall gefüllte Hosentaschen mit Scheinen. Während die Menschen in anderen Ländern darauf achten, ihr Geld nicht zu offen zur Schau zu stellen, ist das den Simbabwern inzwischen egal. Der Anblick von Geldscheinstapeln ist Alltag. Kleinere, wertlose Scheine werden einfach umgenutzt: als Notizzettel für eine Telefonnummer oder als Schmierzettel, wenn die Rechnung zu kompliziert wird, um sie im Kopf zu machen.

Paul braucht gerade keinen Notizzettel. Er lässt das Bündel Tausenderscheine verächtlich auf den Boden fallen. Jede Woche druckt der Restaurantbesitzer seine Speisekarte neu. Gestern noch hat ein Steak 230 Millionen Zimbabwe-Dollar gekostet, heute sind es schon 320 Millionen. "Die Fleischpreise sind innerhalb von drei Tagen um 55 Prozent gestiegen", sagt er schulterzuckend.

Jeden Tag rufen ihn seine Lieferanten an und sagen ihm, wie sich die Preise entwickeln. Es zählt nur noch der Schwarzmarktkurs. "Ich rechne nicht mehr in unserer Währung, sondern in US-Dollar." Ein US-Dollar ist ein US-Dollar - nur die Menge an simbabwischen Scheinen, die man dafür hinblättern muss, ändert sich. Um nicht den halben Abend mit Geldzählen zu verbringen, hat er sich eine Geldzählmaschine angeschafft. Eines der wenigen Geräte, in die Geschäftsleute in Simbabwe derzeit investieren.

"Gewusst wie"

Wer schlau ist, etwas Glück und gute Kontakte hat, schlägt sich auch mit der welthöchsten Inflationsrate durchs Leben. "Am Ende werden ein paar Reiche übrig bleiben", mutmaßt ein weißer Farmer und grinst geheimnisvoll: "Gewusst wie." Er mästet Rinder und verkauft sie teurer weiter. Eine krisenfeste Sache. Denn im Gegensatz zum Geld verlieren sie nicht an Wert, im Gegenteil: Der Farmer profitiert von dramatisch steigenden Fleischpreisen. Er steht in der Bank an, um zu erfahren, wann er wieder an die Devisen auf seinem Konto herankommt, die er vor Jahren dort angelegt hat.

Aber auch die Devisenkonten sind gesperrt. Geld zur Bank zu bringen sei eine Dummheit, schimpft er. An jedem Schalter haben sich lange Schlangen gebildet, ebenso am Geldautomaten. Die Menge an Bargeld, die ein Einzelner täglich abheben darf, ist begrenzt. Die Bankmitarbeiter zucken mit den Schultern, die Kunden machen enttäuscht kehrt.

60 Millionen Dollar für einen US-Dollar

Draußen geht Jeremy an der Bank vorbei. Ihn interessieren die Schlangen heute nicht mehr. Er hat bei seinem Schwarzmarkttausch für einen US-Dollar 60 Millionen Simbabwe-Dollar bekommen. Die Bank hätte ihm nur 30.000 gegeben. Dafür kann er es sich leisten, sich nicht an einer der wenigen Bäckereien anzustellen, die das Brot zum staatlich verordneten Preis verkaufen.

Für 15 statt sechs Millionen bekommt er ein Brot ohne stundenlange Wartezeit. "Wir Simbabwer sind alle Millionäre", sagt er und blickt auf die Geldbündel auf der Rückbank seines Autos. Dann setzt er nachdenklich hinterher: "Aber wir haben nichts davon."

Mehr zum Thema Inflation ...

Mehr zum Thema Inflation ... ... lesen Sie im aktuellen stern. Darin: Wie die Inflation das Geld verbrennt. Lebensmittel, Benzin, Heizöl - warum alles teurer wird und wir unser Leben ändern müssen

Von Eva Wolfangel, Harare
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
Lyrikportal.de (22.06.2008, 00:26 Uhr)
Robert Erzengel Mugabe - Pekingente von Gottes Gnaden
"Afrika – Rosa antiqua africanensensis… oder so
Heute: Rosa caninafottia mugabia
- Gedicht von Heinrich A. Ellner -
Afrika der Menschheit Wiege
Rose aller Kontinente
Afrika du Land der Ahnen.
Immer kam man abzusahnen...
Afrika benutzt gegängelt
Der Systeme müder Sklave
Ewig schon begehrte Beute
Durch der Gier illustre Meute...
Doch es lauert – zu den Weißen -
Die Gefahr aus eignen Reihen:
Diktatoren-Provinienzen...
Dunkle Todes-Exzellenzen...
Herrscher um des Vorteils willen
Gnadenlose Anti-Menschen
Auch Simbabwes Todesengel
Dieser alte Pumpenschwengel...
Ja Simbabwe... könntest blühen
Wär da nicht die Todesrose
Robert Erzengel Mugabe
Als der Hölle böse Gabe...
???
Bin zwar nicht für Todesstrafe...
Eher für´s normale... brave...
...Braten schwarzer Pekingenten
Ohne viel Fisematenten...
Meine Botschaft an Harare:
Rupft dem Ding die Federhaare
Kommt jetzt endlich mal zu Potte
Bevor alles dort verrotte...
Wählt in ab...
Sonst ab in´s... PUB???
Oder... gibt´ s da etwa... noch Eine andere...finale...Möglichkeit
???
... Denn wir kennen Diktatoren
Waren selber mal die Mohren
Eines schlimmen Volksverhetzers
Europa- und Welt-Ent-setzers.
Seh´ s als meine Pflicht...
Pardon gibt es nicht.
!!!
Glück auf
____
Nr. 63 in Juni 2008 aus insgesamt 940 ab März 2004; Kreativzeit: Do.18.06.08, ca. 09:25 – 10:30 Uhr
©Heinz-Albert Ellner“ Publikationen nur im Internet
Known (21.06.2008, 10:12 Uhr)
@Buureremmel
Simbabwe mag vielleicht kein Öl haben, dafür aber andere Bodenschätze (Gold, Eisen-, Chrom-, Kupfer-, Nickelerze). Im Übrigen: Der Hinweis auf das Öl wird langsam richtig langweilig. Jeder Idiot am Stammtisch braucht nur die Wörter George W. Bush, USA und Öl erwähnen und er findet mit seiner Ghetto-Interpretation von Imperialismus sofort Beifall bei seinen Spießgesellen.
Putinki (20.06.2008, 20:57 Uhr)
Zimbabwe
Mugabe hat die "Blutsauger" und "Heuschrecken" aus dem Lande vertrieben oder einfach umgebracht, wie damals die Kommunisten in Ostdeutschland. Das Land sollte ähnlich dem Wohlstands- und Gerechtigkeitskonzept des großen Volkstribuns "Luxus Oskar" in ungeahnte Höhen des Wohlstandes stoßen. Nun die Wirklichkeit sieht für jeden erkennbar anders aus. Für die Zweifler sollten wir das spaßeshalber auch einmal probieren. Es wird sicher dann auch ein kleiner Beitrag zur Verbesserung des Weltklimas werden.
Buureremmel (20.06.2008, 20:36 Uhr)
@ known:
Simbabwe hat aber kein Öl.
Außerdem würde auf ihn nur ein weiteres kleptokratisches Regime folgen, wie überall in Schwarzafrika.
Known (20.06.2008, 20:24 Uhr)
Weg mit Mugabe
Ich denke eine internationale (militärische) Intervention um Mugabe und seine Schlägertruppen zu stoppen, wäre hier wirklich willkommen, egal was Russland und China davon halten. Man sollte die Machthaber in Harare einfach plattbomben.
andreas_n (20.06.2008, 19:43 Uhr)
druckkosten
die druckkosten für einen geldschein müssten eigentlich ein vielfaches des betrages ausmachen, den er wert ist. sachen gibt's...
ml5353 (20.06.2008, 19:31 Uhr)
Nicht ganz aktuell
Der Artikel ist nicht ganz aktuell. Der von der Reserve Bank of Zimbabwe früher vorgegebene Festkurs von 30.000 Zimbabwe-Dollar für 1 US-Dollar wurde längst aufgegeben. Heute mussten übrigens etwas über 7 Milliarden Zimbabwe-Dollar für einen 1 US-Dollar bezahlt werden. Die höchste Banknote des Landes (soweit man bei diesen Notausgaben noch von Banknoten sprechen kann), hat übrigens derzeit einen Nennwert von 50 Milliarden (!) Zimbabwe-Dollar. Ein trauriger Rekord!
Asteriskina (20.06.2008, 19:17 Uhr)
Inflation
zwischen 100.000 und 200.000 Prozent ist nicht ganz korrekt. Sie liegt zwischen 100.000 und 1.000.000 Prozent (in Worten eine Millionen). Eine Cola beispielsweise kostet 1 Milliarde Simbabwe-Dollar.
MEHR ZUM ARTIKEL
Simbabwe "Mugabe braucht nicht zu fälschen"

Robert Mugabe denkt nicht daran, als Präsident Simbabwes abzutreten - selbst wenn er die kommende Stichwahl verlieren sollte. Im Interview mit stern.de erklärt Wilf Mbanga von der Oppositionszeitung "The Zimbabwean", mit welchen perfiden Mitteln Mugabe die Bevölkerung terrorisiert. mehr...

Robert Mugabe Gewehre sind mächtiger als Wahlkreuze

Simbabwes Staatschef Robert Mugabe hat erstmals erklärt, dass er das Ergebnis der Stichwahl um das Präsidentenamt ignorieren wolle. In einem Interview fragt er provokant: "Wie kann ein Kugelschreiber gegen ein Gewehr bestehen?" mehr...

Simbabwe "Bald gibt es gar nichts mehr"

Die Supermärkte sind leer, es gibt kaum mehr Benzin, in den überfüllten Bussen entlädt sich der Unmut über die ruinöse Politik von Diktator Robert Mugabe. Ein Familienvater aus Harare schreibt für stern.de über seinen Alltag im Terrorstaat Simbabwe. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe