Fünf Tage bevor der Journalist Hrant Dink erschossen wurde, gab er ein letztes Interview. Auf stern.de spricht Dink exklusiv über sein Leben als Armenier in der Türkei und was ihn zur Zielscheibe für Extremisten machte.

Hrant Dink war sich der Gefahr um sein Leben sehr bewusst: "Die Angst begleitet mich jeden Tag", sagte er in seinem letzten Interview© Burak Kara/Getty Images
Doch, natürlich habe ich Angst. Wenn Sie es genau wissen wollen, begleitet mich die Angst jeden Tag. Haben Sie schon einmal eine Taube beobachtet? Ständig dreht sie den Kopf, zuckt bei jedem lauten Geräusch zusammen und ist bereit, beim kleinsten Anlass wegzufliegen. Das ist eigentlich kein Leben, nur leider kann ich nicht wegfliegen.
Ich bekam sechs Monate auf Bewährung. Niemand durchschaut, warum jemand wegen des ominösen Paragraphen 301, der die Verunglimpfung des Türkentums unter Strafe stellt, verurteilt wird oder nicht. Die Formulierungen dieses Paragraphen, dessen Abschaffung die EU zu Recht fordert, lassen jedem Richter völlig freie Hand. Ich hatte einfach den falschen Richter. Er warf mir vor, ich hätte behauptet, die Türken hätten vergiftetes Blut. Was natürlich Unsinn war.
Es stimmt. Die Zeitschrift erscheint nur in einer Auflage von etwas 6000 Exemplaren. Was einige Kräfte beunruhigt ist die Tatsache, dass sie von wesentlich mehr Leuten gelesen wird, nicht nur in der Türkei, sondern auch im Ausland.
Das ist ja gerade der Grund, der sie für einige nationalistische Kräfte in unserer Gesellschaft gefährlich macht. Sie berichtet die Wahrheit über den armenischen Genozid. Gleichzeitig bezeichnet sie diesen aber immer als Ereignis der Geschichte, aus dem wir lernen können. Wir betrachten "Agos" als unser Instrument aufzuklären und zu versöhnen. Das hindert uns aber nicht, der türkischen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten und zu sagen, wenn wir in die EU wollen, dann müssen wir uns der Verantwortung in der Geschichte stellen und die Zwangsassimilierung aller Minderheiten muss aufhören. Alle Bürger dieses Landes müssen gleichberechtigt sein.

Der mutmaßliche Attentäter Ogun Samast stammt aus der Stadt Trabzon am Schwarzen Meer© Anatolia News Agency/AFP
Das macht stolz und traurig zugleich. Denn der Grund der Preisverleihung ist eigentlich kein guter. Es ist nicht gut, wenn in einem Land, das mit Vehemenz in die EU möchte, Grundvoraussetzungen wie die Einhaltung der Menschenrechte nicht selbstverständlich sind. Ich wünschte, ich hätte den Preis für etwas Erfreulicheres bekommen können - zum Beispiel dafür, dass die Türkei mit ihrer Demokratie weitergekommen ist.
Nun ja, wer seinen Mund hält, hat sicher keine Schwierigkeiten. Aber für mich war es bereits als Jugendlicher schwierig, in der Schule singen zu müssen, dass ich stolz bin Türke zu sein. Natürlich kann man auf vieles in unserem Land stolz sein, aber ich bin nun mal kein Türke. Die Vertreter der Öffentlichkeit verweisen gern darauf, dass es armenische Waisenhäuser und armenische Schulen gibt. Dass man aus diesen Schulen aber gefeuert wurde, wenn man sich politisch betätigte, verschweigen sie lieber. Mir aber ist genau das passiert.
Ich dachte damals, dass es im Klassenkampf vor allem um die sozialen Rechte, um die Wahrheit geht und nicht um Nationalitäten. Das war ein Fehler. Mich hat sehr stark erschüttert, dass der Völkermord an den Armeniern auch bei der türkischen Linken nicht vorkommt. Und sie verschloss ihre Augen vor allem vor Problemen, die mit Identität zu tun haben. Ich aber glaube, dass gerade der Kampf darum, die eigene Identität zu wahren, die eigene Tradition zu leben und die eigene Sprache sprechen zu dürfen, ein ganz entscheidender Kampf ist. Ich glaube, dass es meinen türkischen Freunden nicht recht wäre, würde ihnen jemand ihre Sprache und ihre Kultur verbieten wollen. Aber das genau hat die türkische Politik über Jahrzehnte mit den Armeniern gemacht. Und nicht nur mit ihnen.