9. April 2003, 14:34 Uhr

Er tötete, wen er wollte

Das Ende des Diktators ist das Ende eine Ära der Angst. Im Größenwahn forderte er die USA heraus und verlor. 24 Jahre regierte Saddam Hussein das Land mit eiserner Hand. Er blieb den Irakern ein Fremder. Von Stefanie Rosenkranz

Während des Krieges gegen den Iran gab Saddam Hussein 1982 dem stern eines seiner seltenen Interviews, bei dem auch dieses Foto entstand. Er sagte: "Eine Niederlage des Irak ist sicherlich nicht der Wunsch der USA"©

Er erschien wie ein Tyrann aus längst vergangenen Zeiten, mit seinen Palästen und seinen Leibköchen, mit seinen Vorkostern und seinen Doppelgängern, mit seinen Schwimmbädern und seiner Familie, die Borgias wirkten dagegen wie die Schröders. Er war ein Dämon mit seinem Giftgas und seinen Methoden. Seinen Opfern ließ er die Augen ausstechen. Oder die Nase abschneiden. Oder die Brüste. Oder die Lippen. Manchmal ließ er ihnen die Füße abhacken. Gelegentlich sorgte er dafür, dass man Nägel in ihre Körper schlug.

Meistens ließ er sie zum Schluss töten. Manchmal aber ließ er sie frei, und dann mussten sie so tun, als sei nichts gewesen. Es war besser so für sie. Denn er war überall, er war alles. Er war "der Gesalbte", "der glorreiche Führer", "der weise Lenker", "die Sonne". Er war Präsident des Irak, Chef des Revolutionsrats, Feldmarschall, Doktor der Rechtswissenschaften, Großonkel seines Volkes. Und sein Volk musste ihn lieben, immer mehr, daran durfte kein Zweifel aufkommen. Vergangenes Jahr wählte es ihn mit 100 Prozent zum Staatspräsidenten, sieben Jahre zuvor waren es bloß 99,96 Prozent gewesen; man fragt sich, was in der Zwischenzeit aus den 0,04 Prozent geworden war und denkt an Friedhöfe.

Er ließ sich feiern als Erbe Nebukadnezars, als Erbe des Propheten und des Kalifen Harun al-Raschid, als Erbe des Sultans Saladin und des Ägypters Nasser; er ließ sich abbilden als Beduine, als Familienvater, als Soldat, als Gläubiger, als Gärtner, als Kurde, als Wandersmann, als Staatsmann, als gütiger Mann, als lachender Mann, als ganz normaler Mann, als riesengroßer Mann, als der einzige Mann. Er war Vergangenheit und Gegenwart. Die Zukunft ist er nicht mehr.

24 Jahre lang regierte Saddam Hussein den Irak wie einst sein Vorbild Nebukadnezar in Babylon, über den es in der Bibel heißt: "Er tötete, wen er wollte; er ließ leben, wen er wollte; er erhöhte, wen er wollte; er demütigte, wen er wollte." Jetzt, nach weit mehr als Tausendundeiner Albtraumnacht, ist seine Ära zu Ende; zum Schluss glich Saddam nicht mehr Nebukadnezar, sondern dessen Sohn Belsazer, dem eine Schrift an der Wand erschien, Mene mene tekel u parsin, "Gott hat dein Königtum gezählt und beendet, man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden, dein Reich ist zerteilt."

Nur hatte Gott hier nicht die Hand im Spiel. Es waren die USA, die sein Reich beendeten. Und nicht, weil sie ihn für zu leicht befunden hatten, sondern für zu schwer. Zu schwer, zu ehrgeizig, zu arrogant, zu gefährlich. Schrecklich sind auch andere anderswo und furchtbar. Nur verfügen die nicht über zehn Prozent der weltweiten Ölreserven. Auch kennen sie die Unterwerfungsrituale, die der Supermacht gebühren. Saddam aber waren Demutsgesten fremd, es sei denn, er war ihr Empfänger. Er wollte, dass sein Land "das Grab der amerikanischen Hegemonie wird", wie noch kürzlich einer seiner Schranzen Besuchern in Bagdad mitgeteilt hatte. Auch wenn es dabei das Grab seines Volkes und sein eigenes würde. Er hätte abtreten können in letzter Minute. Doch er hat seinen Untergang gewählt.

"Herrsche oder stirb, der Rest ist Kommentar", so umschrieb der amerikanische Journalist Thomas Friedman die Grundregel nahöstlicher Politik. Niemand hatte diese Maxime mehr verinnerlicht als Saddam Hussein. Sie hatte nicht nur sein Überleben an der Spitze arabischer Politik garantiert, jener eigentümlichen Welt ohne Freunde, dafür aber mit Agenten und übervollen Gefängnissen. Er kennt sie, seit er als Sohn einer Analphabetin im Dorf Ouja nahe der Provinzstadt Tikrit in einer der ärmsten und unwirtlichsten Gegenden des Irak am 28. April 1937 geboren wurde. Seine Geburt war "kein freudiges Ereignis, und keine Rosen bedeckten meine Wiege", erzählte Saddam später seinem Biografen Amir Iskandar.

Bevor er zur Welt kam, war sein Vater Hussein al-Majid verschwunden, und niemand weiß, ob er gestorben war oder geflohen vor seiner dominierenden Frau Subha Tulfah. Die verheiratet sich bald nach Saddams Geburt mit einem Taugenichts, der den Stiefsohn schlägt. Die Familie schläft in einem Zimmer auf dem Boden, es gibt weder Wasser noch Strom.

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