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12. April 2008, 10:40 Uhr

"Wir Italiener sind angewidert"

Dolce Vita in Italien - das war einmal! Das Volk ist von der Politik genervt, das Leben ist teuer - und, oh weh, die Männer haben ihren Charme verloren. Die Lösung: ein Neuanfang. Am besten mit einem jungen, charismatischen Regierungschef. Und dabei, verrät der italienische Schauspieler Bruno Maccallini im stern.de-Interview, denkt er nicht an Berlusconi.

Addio Dolce Vita: Italienische Kerle sind heutzutage keine Charmebolzen mehr, sagt Bruno Maccallini© www.brunomaccallini.com

Herr Maccallini, in Deutschland verabredet man sich gern zum Kaffee, um sich näher kennen zu lernen. Wie ist das in Italien, wird dort während eines Caffès auch mal heftig geflirtet?

Na klar, auch in Italien kann das Kaffeetrinken einen in Flirt-Laune versetzen. Ich verrate Ihnen ein paar Tipps: Der Kaffee nach dem Abendessen suggeriert "komm, ich weck dich ein bisschen auf", schließlich hat man noch viel vor. Und nach einem Vormittag am Strand kann auch der 16-Uhr-Kaffee eine klare Nachricht übermitteln: "Ach, lassen wir uns doch ein bisschen Zeit und genießen den Tag". Das sind natürlich nicht meine eigenen Flirtregeln - das ist allgemeine Praxis (lacht).

Vermutlich ist der deutsche Kaffee für Sie - wie für alle Italiener - ungenießbar und der italienische Caffè das einzig Wahre…

Ach was, ich muss sagen, dass ich hier in Deutschland schon wirklich guten Kaffee getrunken habe, und das soll keine Schmeichelei sein. Aber wenn ich eine Rangliste machen sollte: An den neapolitanischen Kaffee, der mit einer speziellen Mokkamaschine gebrüht wird, kommt kein anderer heran. Wenn ich zum Beispiel in Neapel bin, hole ich mir sofort einen San Giuseppe, das ist ein Spritzkuchen mit Crème-Füllung, und ein Tässchen Caffè, das ist das Allerbeste!

Würden Sie mit Silvio Berlusconi einen Kaffee trinken?

Nein. Ich wüsste nicht, was ich ihm sagen sollte. Zugegeben, anfangs hatte ich sogar gewisse Sympathien für ihn als Unternehmer, auf den ersten Blick ist es erstaunlich, zu was er es gebracht hat. Aber als Politiker hat er mich abgeschreckt.

Dieses Wochenende findet in Italien die Parlamentswahl statt, es wird die 62. Regierung seit 1945 gewählt. Hätte Italien nicht mal einen jungen, dynamischen Premierminister verdient, hübsch und charismatisch?

… so einen wie mich? (lacht)

… ja, genau, einen smarten Typen, der etwas verändern kann …

Ich verrate Ihnen jetzt etwas: Ich kann mir sogar vorstellen, bei dieser Parlamentswahl zum ersten Mal meinen Stimmzettel ungültig zu machen. Ich werde zur Wahl gehen, weil das meine Bürgerpflicht ist, aber ich weiß zum ersten Mal in 30 Jahren als wahlberechtigter Bürger nicht, welchem Kandidaten ich meine Stimme geben soll.

Gibt es viele Menschen, die so denken wie Sie?

Ja, ich kenne eine Menge Leute, die auf diese Art protestieren werden. Es ist traurig, aber das ist die einzige Möglichkeit, seine Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen. Glauben Sie mir, wir Italiener sind angewidert von 25 Jahren politischer Misswirtschaft, von einer Politikerriege, die nur die eigenen Interessen durchsetzt, sich bereichert und dabei zusieht, wie immer mehr Menschen in Armut leben. Die Italiener haben die Politiker satt.

Sie leben in Rom, aber Sie verbringen wegen Ihrer Beziehung mit der Schauspielerin Jutta Speidel viel Zeit in München. Was läuft hierzulande anders?

Sicherlich gibt es auch in Deutschland viel zu kritisieren, aber die wesentlichen Aspekte des alltäglichen Lebens funktionieren: die Infrastruktur, der öffentliche Dienst. In Rom gelingen diese Dinge nicht, ständig wird gestreikt. Das lähmt die Stadt und die Menschen. Auch auf politischer Ebene gibt es riesengroße Unterschiede. An der Großen Koalition in Deutschland lässt sich vieles ablesen: Klar, es gibt unzählige Streitpunkte und die Koalition kann nicht alle Probleme lösen. Aber eines ist sicher: Da machen Politiker ihre Arbeit. Die Deutschen krempeln die Ärmel hoch, wenn es darauf ankommt. Die italienischen Politiker packen die Probleme nicht an.

Zur Person

Zur Person Der römische Schauspieler, Autor und Regisseur Bruno Maccallini, 48, ist in Deutschland als "Herr Angelo" in einem Cappuccino-Werbespot berühmt geworden und hat mit den Worten "Isch abe gar kein Auto..." ein Stück Werbegeschichte geschrieben. Bei Dreharbeiten zum Film "Das schönste Geschenk meines Lebens" lernte der Italiener 2003 die Schauspielerin Jutta Speidel, seine Lebensgefährtin, kennen. Maccallini hat eine 17-jährige Tochter aus zweiter Ehe.

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
Silbador (12.04.2008, 11:30 Uhr)
Sehr ähnlich - oder?
Ich emfinde sehr ähnlich - allerdings mit Blick auf Deutschland.
München ist also in der Relation zu Rom noch günstig - da muss Rom aber sauteuer sein, denn das Leben in München ist für mein Empfinden alles andere als günstig.
Es ist schon traurig, dass aus der "guten alten" Zeit so wenig übriggeblieben ist.
Da tröstet es auch wenig, dass ein Italiener das ganz ähnlich für sein Land sieht.
Die Bonzen regieren uns eben, die Politiker sind mehr oder weniger gekauft und stricken die Gesetze eben für Unternehmer und nicht für Bürger (wenn es nicht die Lobbyisten gleich selbst machen).
 
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