
Barack Obamas Klimaschutz-Politik steht auf der Kippe© Charles Dharapak/AP
Ach, wie schön das doch war, wie gewaltig die Gefühle, die Hoffnungen, Träume. Millionen Amerikaner erinnerten sich an jenen historischen Tag, als man dachte, von nun an sei alles möglich. Und vielleicht könne man sogar ein bisschen die Welt retten. Es war eine Nacht voller Zauber, dort, im Hyde Park zu Chicago, als Barack Obama sich für seinen Sieg bedankte und noch einmal versprach, er werde diese Nation wiederaufbauen. Und er werde sie für immer verändern. Das ist gerade einmal ein Jahr her - und doch schon eine Ewigkeit.
Natürlich sind die kühnen Hoffnungen längst verflogen, die hitzigen Gefühle abgekühlt, längst hat Obama der Alltag in der Washingtoner Machtmaschine eingeholt. Aber dass es so schnell passieren würde, so heftig, dass hatte man wohl nicht gedacht. Arbeitslosigkeit, Gesundheitsreform, Afghanistan, der Klimaschutz - und jetzt haben Republikaner auch noch einige wichtige Gouverneurswahlen gewonnen. Schon jetzt, gerade mal ein Jahr danach.
Und so überbieten sich die White-House-Reporter in mehr oder weniger feinfühligen Beobachtungen zur Befindlichkeit des Barack Obama "one year after". Er sei eine Studie in Gegensätzlichkeit, müht sich der "New York Times"- Reporter Peter Baker: "Mutig und zugleich vorsichtig, radikal und zugleich pragmatisch. Ein Aktivist mit Appetit für verändernde Ideen, auch wenn er es vermeidet, sie - oder sich selbst - klar zu definieren." Dessen Kollege David Brooks fragt sich, ob Obama wirklich die "Hartnäckigkeit und Entschlossenheit" hat, die ein "Kriegspräsident" braucht. Die eher mitfühlende Kommentatorin der "Chicago Tribune" wiederum sieht bei Obama seit neuestem vor allem eins: "Müde braune Augen."
Er hat eine Menge gewonnen, aber noch nichts Greifbares erreicht in seinem ersten Jahr. Zwar tragen seine Maßnahmen dazu bei, die schlimmste Rezession seit 70 Jahren abzufedern, vielleicht gar sie zu beenden - aber Staatsschulden und Arbeitslosigkeit werden weiter wachsen. Zwar wird der Kongress eine Gesundheitsreform verabschieden - doch mit faulen Kompromissen an allen Ecken und Enden. Zwar lässt Obama sich Zeit mit der qualvollen Entscheidung über eine Strategie für Afghanistan - doch er wird Tausende Soldaten mehr dorthin entsenden. Die dort einen Präsidenten unterstützen müssen, der sich die Wahl erschwindelt hat.
Und da mag Obama aus voller Überzeugung radikale Maßnahmen gegen den Klimawandel fordern - doch zur großen Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember wird er wohl nur wenig beitragen können. So wenig, dass der US-Präsident möglicherweise gar nicht kommen wird. Denn das vom Repräsentantenhaus nach monatelangem Tauziehen verabschiedete Emissionshandelsgesetz hängt jetzt in veränderter Form im Senat fest, schwer wie Blei. Man feilscht über die Obergrenzen für den Ausstoß. Selbst Obamas Demokraten zögern - vor allem die Senatoren aus Staaten mit schadstoffintensiven Industrien und Kohlefördergebieten, die um ihre Wiederwahl fürchten. Längst herrscht Parteienkrieg ums Klima.