Ran ans Volk, Mr. President

27. Januar 2010, 14:57 Uhr

Zu emotionslos, zu analytisch, zu weit weg vom Volk: Präsident Barack Obamas ist gerade einmal ein Jahr im Amt und befindet sich schon in der Krise. Nun hält er eine Rede ans Volk und muss mit ihr nicht weniger als den Neustart schaffen. Von Katja Gloger

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Finstere Miene, verschränkte Arme: Angesichts seiner Probleme muss Barack Obama schnell einen Neustart hinlegen©

Es muss schon eine merkwürdige Situation gewesen sein, an jenem frühen Herbstmorgen im vergangenen Jahr, als die Nachricht kam, er habe den Friedensnobelpreis gewonnen. Da kam Barack Obama zur morgendlichen Runde mit seinen Beratern zusammen, berichtet der Reporter Joe Klein vom US-Magazin "Time", und normalerweise hätte man Glückwünsche erwartet, Freude, vielleicht ein paar Worte des Preisträgers selbst.

Doch dann saßen alle da, es herrschte Schweigen. Man hakte die Tagesordnung ab. Konzentriert und kühl, wie jeden Morgen. Obama selbst sagte kein Wort über den Preis, den er gerade erhalten hatte. Und die Anwesenden trauten sich nicht.

Bezeichnender Moment für den Präsidenten

Es war ein kurzer, ein bezeichnender Moment für das erste Amtsjahr dieses Präsidenten. Obamas fast übernatürliche Ruhe, aber auch die unnahbare Distanz. Kühl und rational ist er ja, ein Analytiker, der seine Optionen wägt. Stoisch scheint er, fast ohne Emotionen.

Er hatte sich ein gewaltiges Pensum vorgenommen für sein erstes Amtsjahr, die ganz große Nummer. Echten Wandel wollte er erreichen: Gesundheitsreform, Klimaschutz, eine neue Außenpolitik - und das alles vor dem Hintergrund der globalen Finanzkatastrophe. Das will er ja sein: ein Präsident, der wirklich etwas verändert. Ein transformativer Präsident.

Hohe Hoffnungen, die Wirtschaftskrise und die Wut auf George W. Bush trugen ihn ins Amt. Und wie bei allen Präsidenten folgte unweigerlich der Absturz in die Realität. Doch seine Popularitätskurve sank erstaunlich schnell. Er mache seinen Job nicht gut, glauben die Amerikaner mittlerweile mehrheitlich. Aus der harten Landung wurde vergangene Woche ein Crash: Da verloren die Demokraten im urdemokratischen Bundesstaat Massachusetts die Senatswahlen. Die traditionell ebenso unabhängigen wie querköpfigen Wähler schickten ein glasklares Protestsignal: So nicht, Mr. President!

Es hagelt Häme und gute Ratschläge

Jetzt hagelt es Häme ebenso wie gute Ratschläge - denn im November stehen die wichtigen Kongresswahlen an, und die drohen für die Demokraten verloren zu gehen. Schon orakelt man: Obama könne wie Carter enden, als grandiose Enttäuschung. Auch außenpolitisch traue man ihm nichts mehr zu, heißt es; weder im Nahen Osten noch im Iran oder in China ergreife man seine, Amerikas ausgestreckte Hand. Schon macht ein böser Satz die Runde: Obama sei nicht stark genug, seinen Feinden entgegenzutreten. Er sei auch nicht stark genug, seine Freunde zu unterstützen. "Er muss jetzt tough werden", wünscht sich das konservative Wochenmagazin "Economist". Das Magazin "Time" fragt: "Kann er die Wende schaffen?" Der linksdemokratische Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman verzweifelt am Präsidenten: "Ich bin kurz davor, Obama aufzugeben". Und das Magazin "Newsweek" hat gar eine gewaltige "Inspirationslücke" entdeckt: "Obama benimmt sich wie ein Ministerpräsident. Aber er muss wie der Präsident aller Amerikaner handeln."

Er müsse jetzt endlich mehr werden wie Clinton, heißt es, mehr aus der Mitte regieren, auch wenn er sich damit Ärger in der eigenen Partei einhandelt. Menschlicher werden, einfühlsamer, raus aus dem landesweit verhassten Washington, um die verunsicherten Menschen im Land in die emotionale Dauerumarmung zu nehmen.

Obama ist frustriert

Der Weckruf schlug im Weißen Haus ein wie eine Bombe. Ja, man sei frustriert, sagte Obama in einem Fernsehinterview. Er hatte sich verrechnet, falsch kalkuliert. Wollte rasch sein wichtigstes Wahlversprechen durchsetzen - die Gesundheitsreform. Hoffte zunächst auf moderate Republikaner im Kongress. Doch dann wurde diese Reform verwässert, in oberfaule Kompromisse zerredet, von den Lobbyisten erobert. So ließ sich Obama überrennen, er unterschätzte die Fundamentalopposition der Republikaner, aber auch die verstrickten sich in Details. Er agierte wie ein Senator, nicht wie ein Präsident. In diesen quälenden Monaten gingen seine Zustimmungsraten kontinuierlich nach unten. Denn die Bürger draußen im Land wollten Antworten auf ihre eigentlichen Sorgen: Auf ihre Angst vor Arbeitslosigkeit, vor Steuererhöhungen. Auf einmal war Obama ein Mann aus Washington.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Für gerade einmal ein Viertel der Amerikaner ist die Gesundheitsreform wichtig, ansonsten gilt wieder die alte Weisheit von Bill Clinton.

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KOMMENTARE (8 von 8)
 
jetrabbit (28.01.2010, 03:14 Uhr)
obama
rührt kein finger, wenn die feinen banker es nicht wünschen. man sieht klar, wie verbissen obama sich mit der obrigkeit anlegt. er kämpft für gerechtigkeit, war voller idealismus, aber jedes vorhaben wurde von oben abgeschmettert. was wollte er nicht alles aufklären und in die tat umsetzen... von 9/11 commission review bis alle kriege stoppen, plärrte er zu den massen. von diesem träumer ist nicht viel geblieben. willkommen in der realität, hier geht es nur um geld.
Julian2225 (28.01.2010, 02:14 Uhr)
Obama der Redner
Und nun soll durch eine State of the Union Speech alles besser werden? Come on, give me a break! Der Wahlkampf ist vorueber!
Er wird halt wieder zu viel versprechen und zu wenig halten. Obama hat das Problem das er ein Demokrat ist, die diskutieren auch darueber warum es nachts dunkel ist und daran wird und KANN er nix aendern! Zudem ist seine BodyLanguage tatsaechlich arrogant bis zum geht nicht mehr! Da war Bush mit seinem CowboyGetue ja noch zwischenmenschlicher.

Das Ganze war voraussehbar, und seltsam ist halt fuer mich das alle seiner soooo begnadeten Advisors (die meisten kamen allerdings von der WallStreet) nix davon mitbekamen.
Nun hat er UND das Land den Salat und wenn der Congress und Senat weg sind wird er nichts mehr zu lachen haben. Er hatte es in der Hand to "Change", aber er hat ALLES nur halbherzig durchgezogen.
Nun sollen Leute die Food Stamps beziehen, die aermsten der Armen, indirekt fuer die 800Milliarden die er der WallStreet zuwarf aufkommen und leiden. Weil halt die Kassen leer sind. Obama schaem dich, ab in die Ecke, du bist kein bissel besser als die anderen denn das haette selbst ein Bush nie getan...
Du bist nur ein besserer (Ab)Redner! Also denn auf zur State of the Union...mal sehen was Obama abliest.

Ich persoenlich habe noch kurz bevor er zum Kandidaten ernannt wurde zu Hillary gewechselt, weil schon waehrend der Diskussionen mit anderen die Arroganz durchkam. Leider war es da schon zu spaet...und dam kam die "Change"! Nur weil er noch heute in Europa gute Quoten hat und beliebt ist, macht in das nicht zu einem guten US Praesidenten!
Fakten (27.01.2010, 22:58 Uhr)
Obama hat alle Versprechen gebrochen...
...nun kuendigt er heute bei seiner Rede "State of the Union" auch noch Ausgabenkuerzungen an die Bereiche wie Nahrungsprogramme betreffen.

Was solls! Auch in Deutschland stimmen die Dummen fuer die Einheitspartei: NPD/CSU/CDU/FDP/SPD/Gruene.

Pelosi wird im November nicht mehr gewaehlt werden und die Demokraten werden die einfache Mehrheit in beiden Haeusern verlieren, nicht das dadurch sich etwas verbessern wuerde.
maximilianmoritz (27.01.2010, 22:18 Uhr)
Im Originaltext
liest sich die Einschaetzung eines seiner groessten und reichsten Fan's nach einem Jahr so: <http://www.thedailybeast.com/blogs-and-stories/2010-01-19/hes-done-everything-wrong/>
Damit ist so ziemlich Alles gesagt. Mal sehen, was sie ihm heute Abend in den Teleprompter geschrieben haben.
chatahootchee (27.01.2010, 21:23 Uhr)
ABWARTEN
Er hatte sein Ohr einer Nancy Pelosi gegeben, hat Vorlagen fuer seine Gesundheitsreform von ihr diktieren lassen. Jetzt hat er den Salat, weill der Durchschnittsamerikaner ganz andere Sorgen hat.
Er wollte Lobbyisten 'rausdraengen, er wollte Offenheit der Verhandlungen haben - jetzt mauschelt er wie seine Vorgaenger hinter verschlossenen Tueren und hat Lobbyisten als Berater.
Seine Mannschaft ist nicht das beste Team; Wunschkandidaten hatten eigene "Probleme".

Meiner Meinung nach muss er endlich weg vom Ablesen des Textes - er muss engagierter und freier, ueberzeugender reden. Und dies ueber die wahren Probleme hier im Land.
Im Moment ist er fuer mich immer noch der unerfahrene aber arrogante Schnoesel aud Chicago. Seine Koerpersprache im letzten Interview mit D. Sawyer (ABC) hat dies klar bewiesen.
laketahoe (27.01.2010, 21:14 Uhr)
"Obama will nicht kuscheln..."
Liebe Frau Gloger,

wenn Sie tatsächlich der Meinung sind, gegen Obama wirke selbst Angela Merkel wie eine warmherzige Mama, dann brauichen Sie dringend Hilfe dabei, Ihre Wahrnehmung zu schärfen...

Angela Merkel hat das Gesicht, das zu ihrem Herz aus Stein passt. Und Barack Obama strahlt immer Ruhe, Güte und Wärme aus. Auch wenn die nächsten drei Jahre seiner Amtszeit kein Spaziergang werden, abgrechnet wird zum Schluss.
Logan5 (27.01.2010, 20:37 Uhr)
Alles wird besser werden
Genau diesen Satz wollen Amerikaner von ihrem Präsidenten hören. Man mag das Kuscheln nennen, aber ein Präsident wie Obama, der in fast europäischer Manier von Schwierigkeiten spricht, der sagt, es kann unangenehm werden, bevor Besserung kommt, sowas will kein Amerikaner. Ein Präsident muss sagen, dass alles gut wird und zwar schnell. Wenn er nicht daran glaubt, wer denn bitte sonst?
allesklar (27.01.2010, 20:11 Uhr)
Stimmt Frau Gloger
Was Washington bisher nicht schaffte - die Politik an die Amerikaner zu verkaufen -das haben sie besser erkannt als Obamas Berater.
 
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