Zu emotionslos, zu analytisch, zu weit weg vom Volk: Präsident Barack Obamas ist gerade einmal ein Jahr im Amt und befindet sich schon in der Krise. Nun hält er eine Rede ans Volk und muss mit ihr nicht weniger als den Neustart schaffen. Von Katja Gloger

Finstere Miene, verschränkte Arme: Angesichts seiner Probleme muss Barack Obama schnell einen Neustart hinlegen© Charles Dharapak/AP
Es muss schon eine merkwürdige Situation gewesen sein, an jenem frühen Herbstmorgen im vergangenen Jahr, als die Nachricht kam, er habe den Friedensnobelpreis gewonnen. Da kam Barack Obama zur morgendlichen Runde mit seinen Beratern zusammen, berichtet der Reporter Joe Klein vom US-Magazin "Time", und normalerweise hätte man Glückwünsche erwartet, Freude, vielleicht ein paar Worte des Preisträgers selbst.
Doch dann saßen alle da, es herrschte Schweigen. Man hakte die Tagesordnung ab. Konzentriert und kühl, wie jeden Morgen. Obama selbst sagte kein Wort über den Preis, den er gerade erhalten hatte. Und die Anwesenden trauten sich nicht.
Es war ein kurzer, ein bezeichnender Moment für das erste Amtsjahr dieses Präsidenten. Obamas fast übernatürliche Ruhe, aber auch die unnahbare Distanz. Kühl und rational ist er ja, ein Analytiker, der seine Optionen wägt. Stoisch scheint er, fast ohne Emotionen.
Er hatte sich ein gewaltiges Pensum vorgenommen für sein erstes Amtsjahr, die ganz große Nummer. Echten Wandel wollte er erreichen: Gesundheitsreform, Klimaschutz, eine neue Außenpolitik - und das alles vor dem Hintergrund der globalen Finanzkatastrophe. Das will er ja sein: ein Präsident, der wirklich etwas verändert. Ein transformativer Präsident.
Hohe Hoffnungen, die Wirtschaftskrise und die Wut auf George W. Bush trugen ihn ins Amt. Und wie bei allen Präsidenten folgte unweigerlich der Absturz in die Realität. Doch seine Popularitätskurve sank erstaunlich schnell. Er mache seinen Job nicht gut, glauben die Amerikaner mittlerweile mehrheitlich. Aus der harten Landung wurde vergangene Woche ein Crash: Da verloren die Demokraten im urdemokratischen Bundesstaat Massachusetts die Senatswahlen. Die traditionell ebenso unabhängigen wie querköpfigen Wähler schickten ein glasklares Protestsignal: So nicht, Mr. President!
Jetzt hagelt es Häme ebenso wie gute Ratschläge - denn im November stehen die wichtigen Kongresswahlen an, und die drohen für die Demokraten verloren zu gehen. Schon orakelt man: Obama könne wie Carter enden, als grandiose Enttäuschung. Auch außenpolitisch traue man ihm nichts mehr zu, heißt es; weder im Nahen Osten noch im Iran oder in China ergreife man seine, Amerikas ausgestreckte Hand. Schon macht ein böser Satz die Runde: Obama sei nicht stark genug, seinen Feinden entgegenzutreten. Er sei auch nicht stark genug, seine Freunde zu unterstützen. "Er muss jetzt tough werden", wünscht sich das konservative Wochenmagazin "Economist". Das Magazin "Time" fragt: "Kann er die Wende schaffen?" Der linksdemokratische Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman verzweifelt am Präsidenten: "Ich bin kurz davor, Obama aufzugeben". Und das Magazin "Newsweek" hat gar eine gewaltige "Inspirationslücke" entdeckt: "Obama benimmt sich wie ein Ministerpräsident. Aber er muss wie der Präsident aller Amerikaner handeln."
Er müsse jetzt endlich mehr werden wie Clinton, heißt es, mehr aus der Mitte regieren, auch wenn er sich damit Ärger in der eigenen Partei einhandelt. Menschlicher werden, einfühlsamer, raus aus dem landesweit verhassten Washington, um die verunsicherten Menschen im Land in die emotionale Dauerumarmung zu nehmen.
Der Weckruf schlug im Weißen Haus ein wie eine Bombe. Ja, man sei frustriert, sagte Obama in einem Fernsehinterview. Er hatte sich verrechnet, falsch kalkuliert. Wollte rasch sein wichtigstes Wahlversprechen durchsetzen - die Gesundheitsreform. Hoffte zunächst auf moderate Republikaner im Kongress. Doch dann wurde diese Reform verwässert, in oberfaule Kompromisse zerredet, von den Lobbyisten erobert. So ließ sich Obama überrennen, er unterschätzte die Fundamentalopposition der Republikaner, aber auch die verstrickten sich in Details. Er agierte wie ein Senator, nicht wie ein Präsident. In diesen quälenden Monaten gingen seine Zustimmungsraten kontinuierlich nach unten. Denn die Bürger draußen im Land wollten Antworten auf ihre eigentlichen Sorgen: Auf ihre Angst vor Arbeitslosigkeit, vor Steuererhöhungen. Auf einmal war Obama ein Mann aus Washington.
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