Es war vielleicht die letzte Chance des Kriegers John McCain. Und er hat sie nicht genutzt. Denn der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama hat das zweite TV-Duell nach Punkten für sich entschieden. Die Finanzkrise spielte auch dabei eine wichtige Rolle. Von Katja Gloger, Washington

Auch beim zweiten TV-Duell konnte Barack Obama (r.) gegen John McCain punkten© Christopher Berkey/EPA/DPA
Wann er denn endlich die Glacé-Handschuhe ausziehen werde, hatte man ihn während einer Wahlveranstaltung gefragt. Wann würde er endlich auf Angriff schalten? Da hatte John McCain gelächelt und vielsagend geantwortet: "Wie wäre es denn mit dem kommenden Dienstag?"
"Historisch". "Allesentscheidend". "Ein Moment, der über Leben und Tod entscheidet." So hatte man die zweite TV-Debatte der beiden Kandidaten angekündigt. Und die Überlebensfrage stellte sich dabei vor allem für John McCain. Denn die Zahlen sehen schlecht aus für den alten Krieger, und sie werden immer schlechter. Landesweit hat ihn Barack Obama in den Umfragen überholt, liegt jetzt auch in wichtigen, umkämpften Bundesstaaten vorn und holt selbst in den Staaten auf, in denen bislang ein Sieg der Republikaner als sicher galt. In Florida etwa, oder in Virginia oder in North Carolina.
Angeschlagen ging John McCain in diese zweite Debatte, aber nicht ausgezählt. Und von den Toten ist dieser Mann schließlich schon mehrmals auferstanden. Auch im wörtlichen Sinn. Gestern bot sich in Nashville John McCains letzte große Chance, die Initiative wieder an sich zu reißen. Es sind noch vier Wochen bis zur Wahl, Zeit genug, Wähler umzustimmen, neue zu gewinnen. Gestern musste sich John McCain als Reformer präsentieren, der die Wirtschaft des Landes retten kann. Als Problemlöser. Als einer, der es mit dem Problemlöser Barack Obama aufnehmen kann.
Und damit hatte es John McCain so eilig, dass er manchmal nach Luft schnappen musste. Er hatte sich in einen eleganten, dunklen Anzug gezwängt, eine fast jugendlich-peppige Krawatte dazu, orange-rot gestreift, und er schien ganz begierig zu sein, Kontakt mit den Zuschauern herzustellen. Sichtlich nervös war er, hatte anfangs Probleme mit seinem Bein, wenn er sich vom Stuhl erhob und auf das Publikum zueilte, Folgen seiner Kriegsverletzung.
Eigentlich war die gestrige Debatte John McCain wie auf den Leib geschnitten - schließlich hatte er im direkten Dauerkontakt mit den Wählern im vergangenen Herbst sein politisches Comeback geschafft. Es war eine Bürgerfragestunde, ein "townhall meeting." Er liebt solche Veranstaltungen, dann kann er scherzen und voller Gefühl über seine Liebe zum Vaterland sprechen. "Meine Freunde", beginnt John McCain seine Sätze dann, und auf solchen Veranstaltungen möchte man ihm gerne glauben.
Gestern war von seiner Unbekümmertheit, seiner Lust an der Debatte nur noch wenig zu spüren. Er wusste, was auf dem Spiel stand. Aber er machte wenigstens keinen großen Fehler. Er hatte sich penibel vorbereitet, musste vor allem beim Thema Wirtschaft punkten. Er mühte sich, schlug vor, dass die Regierung alle notleidenden Kredite von Hausbesitzern aufkaufen und neue Bedingungen verhandeln solle. "Ist das teuer? Ja." Doch es gelang ihm kaum, verständlich zu machen, dass er die Sorgen und Nöte der Menschen wirklich versteht. Zu offensichtlich war, wie sehr er sich mühte, verlorenes Terrain wiedergutzumachen.
Gestern brauchte John McCain das, was man einen "game changer" nennt. Eine neue Qualität, einen echten Durchbruch. Den blieb er schuldig. Und er wusste es, und man sah es ihm an. Hätte er etwa zugeben sollen, dass auch seine eigene Politik der Deregulierung an der Wirtschaftskatastrophe schuld ist? Er konnte Barack Obama ja auch nicht direkt angreifen. Schließlich galt es, die Fragen des amerikanischen Volkes in Zeiten einer schweren Krise zu beantworten. Und außerdem hatte John McCain in den vergangenen Tagen ziemlich negative Schlagzeilen geliefert.
Denn am vergangenen Wochenende hatte er auf das Programm Schlammschlacht geschaltet. "Go negative" und schüre ordentlich Angst - mit dieser Taktik hatten die Republikaner vor vier Jahren die Wahlen gewonnen. Und jetzt ist sich selbst John McCain, der selbst erklärte querdenkende Außenseiter, nicht zu schade, mit Dreck zu werfen. Der Mann, der Politik doch als Ehrensache versteht.