7. März 2010, 10:36 Uhr

Sloterdijk, Westerwelle und ein Nazi-Vergleich

Hat jemand verstanden, was Sloterdijk mit der "Wohlstandsrevolution" meint? Westerwelle offenbar nicht. Zeit für den Abwasch. Von Axel Vornbäumen

 
Abwasch der Woche, Guido Westerwelle, Peter Sloterdijk, Heiner Geißler, FDP, CSU, Hartz IV, Wohlstandsrevolution, Guttenberg, Hirten, Abwegen

Die Langeweile der alpinen Sodomie: Was Sloterdijk Westerwelle zu sagen hat©

Peter Sloterdijk, gewissermaßen der Guido Westerwelle unter Deutschlands Philosophen, hat in dieser Woche bei einer Diskussion mit dem 80-jährigen Heiner Geißler angekündigt, dass er sich mit eigenen Reformvorschlägen zur Verbesserung des derzeit ziemlich erbärmlichen Zustands der Gesellschaft bis Anfang Mai zurückhalten werde. Dann sind Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Bis dahin solle lieber Ruhe im Karton herrschen.

Das ist gleich doppelt schade. Denn zum einen könnte das Land bei der derzeitigen eher schlicht gestrickten Debatte um die Zukunft des Sozialstaats ein paar aus Sloterdijks Fußgelenk geschlagene geistige Bananenflanken durchaus gebrauchen. Zum anderen aber steht zu befürchten, dass das mit der Ruhe doch ein arg frommer Wunsch ist, weil der Westerwelle unter Deutschlands Politikern von philosophisch inspirierten Schweigegelübden nun so ganz und gar nichts hält.

*

Die Meinungshoheit über die Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts wird also mutmaßlich weiter über die Figur des FDP-Chefs führen ("Die Bundeskanzlerin hat ihren Duktus, ich habe meinen Duktus") - und ob der sich auf die Schnelle zur eigenen geistigen Stabilisierung noch einmal Platon im Original durchlesen wird, nun, das scheint doch eher fraglich. So was macht im Kabinett eigentlich nur KT Guttenberg. Platon hat, wenigstens darauf hat jetzt Sloterdijk doch noch hingewiesen, die Ursprünge der Gesellschaftsbildung auf die nach der Sintflut von ihren Hügeln heruntersteigenden einsamen Hirten datiert, weil, wie Sloterdijk mutmaßt, "auf Dauer alpine Sodomie nicht befriedigt". Wahrscheinlich nicht. Aber dazu müsste man mal den hirtenpolitischen Sprecher der FDP befragen, dessen Telefonnummer uns aber neulich blöderweise ins Abwaschwasser gefallen ist.

*

"Nach uns die Sintflut" böte sich hier in dieser Kolumne jetzt als Übergang an. Aber soweit sind wir noch nicht, die Debatte, wie der Westerwellesche Schneeschipp-Liberalismus das Land verhärtet, hat ja quasi erst begonnen und, wie könnte es anders sein, sofort zeithistorische Dimensionen erreicht. In München, wo normalerweise eigentlich eher die CSU auf dem Nockherberg beim Derblecken eins über die Rübe kriegt, hat sich der diesjährige Barnabas-Darsteller Michael Lerchenberg in dieser Woche den FDP-Chef vorgenommen; unglücklicherweise mit einem - wie soll man sagen?: Nazivergleich.

Lerchenberg hat Westerwelle unfreundlicherweise folgendes unterstellt: "Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er in leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumherum ein großer Stacheldraht - hamma scho moi g'habt. Dann gibt's a Wassersuppn und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt's von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover, und überm Eingang, bewacht von jungliberalen Ichlingen im Gelbhemd, steht in eisernen Lettern: Leistung muss sich wieder lohnen."

Nicht lustig! Die Vorstellung nicht und auch nicht der Vergleich. Wahrscheinlich überflüssig zu erwähnen, dass die im Publikum sitzende Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, das als geschmacklos empfunden hat. Die Debatte um die vom Chefliberalen verströmte Eiseskälte nimmt, wie könnte es anders sein, vorübergehend also erst einmal eine andere Richtung, auch wenn Barnabas-Darsteller Lerchenberg postwendend seinen Rücktritt eingereicht hat. Die Frage etwa, ob die Hartz-IVler an den Hängen des Riesengebirges auf ähnlichen Spuren wie Platons Nach-Sintflut-Hirten wandeln würden, muss darüber umständehalber zurückgestellt werden.

*

Peter Sloterdijk übrigens hat dann noch von einer "Wohlstandsrevolution" gesprochen, die sich im Bewusstsein der Menschen nicht abbilde. Da hat er schön recht. Wahrscheinlich ist es aber doch so, dass die einen das nicht so sehen wollen und die anderen das so nicht sehen können. Man kann das Unterschied nennen oder Ungerechtigkeit. Bevor wir hier den Stöpsel fürs Abwaschwasser ziehen jedenfalls schnell noch einen Klassiker rausgehauen: Das Sein bestimmt das Bewusstsein! Stimmt doch, oder, Herr Westerwelle?

 
 
KOMMENTARE (10 von 19)
 
Johann58 (07.03.2010, 14:59 Uhr)
Sich selbst der Laecherlich preisgeben!
Guido Westerwelle, mit verbalem Dreck um sich werfen, auf die alleruntersten der Gesellschaft spucken, sie beleidigen und verunglimpfen und die beleidigte Leberwurst spieln wenn das jemand aufgreift und mit Witz und Intellekt interpretiert.

Groesse zeigt jemand wenn er darauf mit entsprechend intelligenter Antwort aufwartet. Die Kleingeistigkeit des Herrn Westerwelle offenbart sich in seine Reaktion. Je laenger Westerwelle ein oeffentliches Amt begleitet um so mehr zeigt sich sein geistiges Unvermoegen dies im Sinne seines Auftrags zu tun. Deutschland hatte schon viele Politiker, auch eine ganze Menge Unfaehiger. Westerwelle schlaegt sie alle um Laengen.
Prologo (07.03.2010, 14:52 Uhr)
Westerwelle ist doch auch nur so ein "Aufstocker", so....

....so wie ein Hartz IV ler sein Einkommen mit Nebentätigkeiten aufstockt, also ein Hartz IV Aufstocker,....

....so stockt der Westerwelle sein Einkommen auch mit Nebentätigkeiten auf.
Und, sozial wie Westi ist, nimmt er gleich noch seinen Gefährten mit, und läßt den auch noch aufstocken!

Westerwelle ist praktisch ein 5 Sterne Hartz IV Aufstocker. Und weil er sich nicht bestechen läßt, hat er sich auch gleich selber vom Nockerberg ausgeladen.

Westi ist auch noch lernfähig, wie man sieht.

MfG,
T.
hardius (07.03.2010, 14:43 Uhr)
CDU/CSU bieten Plattform
Auch den sogenannten Volksparteien, die sich christlich oder sozial benennen, wird eine Koalition mit einem dummdreisten Mehrheitsbeschaffer auf die Füße fallen. Sie geben denen die Plattform ihre Phantasien auszuleben.
Sozial ist was Arbeit schafft, so Guido.
Aber er prangert den Sozialismus an, sprich er möchte Menschen ausgrenzen.
Arbeit wird geschaffen durch faire Löhne, Unternehmer die diesen Titel auch verdienen und finanzstarke Auftraggeber, die das Geld in Bewegung halten.
Guido sollte seiner Klientel erklären, daß sich Arbeit lohnen muß. Lohnen kommt von Lohn!
Die FDP läßt aber einige Wenige kräftig absahnen. Der Weg geht in Richtung Slum und abgeriegelte Villenviertel. Noch sind wir nicht vollends dort angelangt. Aber der Kurs ist vorgewählt mit Duldung, oder besser aktiven Zutun, der "Volksparteien".
Albert-13 (07.03.2010, 14:34 Uhr)
Zensur im bayerichen Frensehen
Nur weil sich so ein nichtsnutziger Volksverhetzer wie Westerwelle angegriffen fühlt, zensieren die gekauften und korrupten Verantwortlichen für den Sender BR3, die Ausstrahlung der Sendung vom Nockherberg.
Das ist eine Schande für ganz Deutschland.
Sie sollten besser die Volksverhetzenden Eskapaden der Mövenpick-Partei vom Sender verbannen, wenn dem BR3 in Zukunft nicht ein Geschmäckle der Käuflichkeit anhaften soll.
Turmsicht (07.03.2010, 14:22 Uhr)
Lüftet endlich die gelben Nebel
Umso mehr Westerwelle und Sloterdijk in den Focus der Meinungsmacher gerückt werden, desto größer wird die Gefahr, dass die Nation immer weniger erkennt, wie sie zurechtgerückt werden soll. Darum ist es richtig, dass Michael Lerchenberg warnend darauf hingewiesen hat - mag ihm der Vergleich in seiner Dimension sprachlich auch entglitten sein -, dass die Folgen einer ständigen und gezielten Ausgrenzung einer Gruppe am Ende nicht mehr zu kontrollieren sein werden. Und ein Ende muss es auch damit haben, dass ZDF-Talker wie Peter Sloterdijk ("Das philosophische Quartett") ungeahndet die Mär verbreiten dürfen, ein Besserverdiener müsse dem Staat keine Zwangssteuer entrichten, sondern das allenfalls freiwillig tun dürfen, weil nur das die Einnahmen mehren würde. Das Ergebnis ist, dass hier zu Lande offensichtlich tatsächlich schon geglaubt wird, der Sozialstaat wäre die Ursache aller Probleme, die zu bewältigen sind, während die wahren Verursacher schon wieder dabei sind, gegen den Euro zu spekulieren und die nächste Finanzkrise herbeizocken. Runter also mit den Gelbbrillen, damit unser schönes Land nicht für immer im Nebel versinkt.
walhalla (07.03.2010, 14:15 Uhr)
Gefälligkeitsphilosoph Sloterdijk,
ein von Steuergeld offenbar hervorragend lebender Bussprediger, der den Wein wohl gerne trinkt, aber die Wirkung ausser Acht lässt, predigt für die grosse Masse der Bevölkerung Wasser.
Damit ist er Bruder im Geiste von Westerwelle.
Er hält sich für einen Leistungsträger.
Sorgfältig verklausulierte Sätze sind für sich genommen keine Leistung.
Im Sinne der herrschenden Meinung aber ein Beitrag zur Verwirrung.
Die leistet er.
Wer Barnabas gesehen hat, unverkürzt, weiss warum die Herrschenden granteln. So deutlich hat Ihnen noch keiner die Meinung gesagt.
Dem Herrn Hundt blieb die Brezen im Hals stecken, falls er einen solchen hat.
Spitzensendung.
Die Reaktion von Frau Knonloch erinnert mich an Pavlowsche Hunde, Wenn das Wort Zaun fällt, läuft der Speichel.
Es ist aber so, das 7 Millionen Menschen pauschal an den Pranger gestellt wurden und werden.
Dazu habe von ihr noch nichts gehört.
Offensichtlich geht es auch ihr gut in unserem Lande, von Armut keine Spur.
Oder ist Sie gar in der FDP?
Albert-13 (07.03.2010, 14:14 Uhr)
Westerwelle, Staatsfeind Nr. 1
Wer so eine Volksverhetzung startet wie Westerwelle, und Geringverdiener gegen Hartz IV-Empfänger aufhetzt, darf sich nicht wundern, wenn er mit Nazis in Verbindung gebracht wird.
Und wer wie Westerwelle mit Dreck schmeißt, wird zu Recht mit Dreck beworfen.
wrzlbrnft (07.03.2010, 13:53 Uhr)
Leidet der Stern unter der späten Geburt
Anscheinend hat der Sternredakteur in Geschichte und Gesellschaftskunde gefehlt. Entgegen der norddeutschen Ansicht, dass es sich bei einer Fastenpredigt um eine "lustige" Veranstaltung handelt, traf der Pater Barnabas die Absicht der Fastenpredigt hervorragend: Vorhalten des Spiegels über all die gesellschaftlichen Missstände. Dazu gehört auch der Hinweis auf eine Ausgrenzungskampagne gegen eine Bevölkerungsschicht. Eine solche Kampagne führte eben nach 1933 zu Ausgrenzung von Sozialisten, Kommunisten, Juden, Sinti und Roma, Priestern und vielen anderen und ihrer Sammlung in Lagern. Ein solcher Hinweis wurde am Abend der Predigt von niemandem als anrüchig empfunden - auch Frau Knoblach blieb ruhig auf ihrem Stuhl sitzen.
Doch nun wird den Populisten ihre ausgrenzende Kampagne bewusst und sie reagieren mit dem allbekannten mittel der Zensur. Anstatt den Fastenprediger zu massregeln, würde es auch norddeutschen Journalisten besser zu Gesicht stehen, den heutigen Anfängen von Ausgrenzung und Käuflichkeit der Politik mannhaft sich zu widersetzen: Principiis obsta!
Martin2008 (07.03.2010, 13:43 Uhr)
Wer ist das und hat die was zu sagen?
Wer ist denn Frau Knoblauch?
jomimo (07.03.2010, 13:37 Uhr)
@admins
wo ist mein Beitrag von 13:30 an luzifer ?

Stern online ist ein Medium, welches die Zitrone für Zensur absolut verdient.
Abwasch der Woche

Wer hat aufgemuckt, wer hat verloren, wer hat die beste Show geliefert? Jeden Samstag werfen stern-Autoren einen Blick zurück auf die politische Woche - mal kommentierend, mal glossierend.

WEITERE ARTIKEL DER KOLUMNE
MEHR ZUM ARTIKEL
Koalition Etwas Ruhe nach dem Sturm

Sie schlagen und vertragen sich: Per Zeitungsinterview hatte Kanzlerin Angela Merkel ihrem Vizekanzler mitgeteilt, dass ihr seine Hartz-IV-Polemik nicht gefällt. FDP-Chef Guido Westerwelle konterte - ebenfalls per Zeitung. Allerdings scheint ein Krisentreffen im Kanzleramt die Stimmung ein wenig aufgehellt zu haben.

Hartz-IV-Debatte Holland ist Westerwelle-Land

Ursula von der Leyen im Paradies der Arbeitsmarktreformer: den Niederlanden. Da wird all das umgesetzt, was sich FDP-Chef Guido Westerwelle wünscht. Das gefällt der Arbeitsministerin. Aber sie sagt es so nicht.

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind