Lang nicht hat man die Kanzlerin so strahlend, so selbstbewusst gesehen wie vor dem Aufbruch in den Urlaub. Angela Merkel ist fit wie nie - und hat Urlaub eigentlich gar nicht nötig. Von Hans-Peter Schütz

Strahlend und selbstbewusst: Die Auslandsreise hat Angela Merkel sichtlich gut getan© Odd Andersen/AFP
Sie sehnt sich ihrem Urlaub nicht entgegen. Seufzt nicht: Hoffentlich kommt er bald. Zwar fährt Angela Merkel am kommenden Wochenende in ihre Sommerfreizeit. Erst reist sie nach Bayreuth zu den Wagner-Festspielen, die mit einer "Lohengrin-Premiere" beginnen. Fünf Tage Richard Wagner. Was für andere eine Strapaze, ist für die Kanzlerin Erholung pur. Dann weiter ins geliebte Südtirol. Wandern, so weit die Beine tragen. Und am Ende ihrer drei freien Wochen macht sie sich nervenstark für die garantiert stressige politische Herbstsaison. In Hohenwalde, dem Straßendörfchen in der brandenburgischen Uckermark, wo das Ehepaar Merkel-Sauer seit langem ein Wochenendhaus besitzt. Aber so richtig durchgewalkt urlaubsreif ist die Kanzlerin derzeit nicht. Obwohl ihr wichtige CDU-Mitstreiter derzeit halbdutzendfach weglaufen. FDP und CSU sich weiterhin angiften. Die Umfragezahlen tief durchhängen. Und überall medial schrill gerufen wird: "Wo bleibt die Führung, Kanzlerin!"
Ihr Winke-Winke, mit dem sich die Kanzlerin jetzt vom Berliner Pressebetrieb verabschiedet hat, hätte lockerer nicht ausfallen können: "Sie können davon ausgehen, dass ich nach dem Sommer wiederkomme."
Das Selbstbewusstsein dieser Frau ist keine Show, die innere Unsicherheiten überlagern soll. Denn die Regierungschefin war vergangene Woche wieder einmal auf einer Auslandsreise. Fernost. Über Jekatarinburg und nach einem Gespräch mit dem russischen Präsidenten Medwedew nach China. Ließ sich dort von Ministerpräsident Wen Jiabao zum 59. Geburtstag gratulieren, aß Süßigkeiten mit ihrem Gastgeber, bekam ihren Herzenswunsch nach einer Besichtigung der Terrakotta-Armee erfüllt und plauderte gelassen mit ihm auch über so heikle Themen wie die Missachtung der Menschenrechte durch Peking.
"Für die Kanzlerin", sagt Regierungssprecher Ulrich Wilhelm, "sind extreme Auslandsreisen, bei denen sie jede Sekunde beobachtet, jede Rede seziert wird, auf denen sie noch weniger Freiraum hat als in Berlin, willkommene Gelegenheiten, sich vom innenpolitischen Stress im Kanzleramt zu regenerieren." Sie wusste seit Wochen, dass nach ihrer Rückkehr in Hamburg Ole von Beust zurücktreten würde. Bereits im Mai hatte der sie vorgewarnt.
Extrem belastbar ist diese Kanzlerin, seelisch wie körperlich, das sagen alle, die in ihrer nächsten Umgebung arbeiten. "Sie weiß, dass sie auf sich vertrauen kann." Diese Gewissheit baue sie nach allen Krisensituationen schnell wieder auf. Sie vertraut darauf, wie sie sagt, dass "Mutter Natur sie bei Physis und Psyche gut ausgestattet hat." Schlafmangel macht ihr relativ wenig aus. Nur sehr selten erkältet sie sich. Das ohnehin große Selbstvertrauen der Angela Merkel ist in den 20 Jahren ihrer politischen Karriere von Jahr zu Jahr noch gewachsen. Hat sie denn nicht als DDR-Bürgerin, als politischer Nobody, das Überleben in der ihr fremden CDU geschafft?
Sie hat den Stress von Krisen bewältigt, die durchaus vergleichbar, wenn nicht sogar gefährlicher waren als der derzeitige CDU-Männerschwund samt schwarz-gelber Regierungsschwäche. Etwa die Schwarzgeld-Affäre Kohls, in der sie außer mit dem Altkanzler auch mit ihrem Parteichef Schäuble in den Clinch eines Machtkampfs ging und siegte. Oder 2002 der Kampf um die Kanzlerkandidatur mit Stoiber.
Das Spiel "Wie überlebe ich in der CDU?" kennt Merkel inzwischen besser als jeder potentielle innerparteiliche Konkurrent. Kann sich inzwischen gelassen sagen: Bisher habe ich alle und alles geschafft. Sie weiß längst, welchen Termindruck sie aushält. Schüttelt parteiinternen Stress ab wie eine Mutter pubertätswirre emotionale Attacken ihrer Kinder. Ist eben die "Mutti" der CDU.
Merkels Mitarbeiter sagen: "Als Kanzlerin ist sie gelassener als zu Oppositionszeiten." Wutanfälle sind bei ihr unbekannt. Lässt sie den Zorn raus, dann mit sarkastischen Worten. Eine Gelassenheit, die viel damit zu tun hat, dass Politik als Oppositionsführer wesentlich strapaziöser läuft als im Amt einer Regierungschefin. Die Kanzlerin kommt in der Bundesrepublik immer nach hause ins eigene Bett. Ist nicht abhängig von Linienflügen, muss nicht endlose nächtliche Autofahrten absitzen, um nach einem Termin in München wieder nach Berlin zurückzukehren. Immer warten die Bundeswehr und ihre Hubschrauber. Sie sieht als Kanzlerin ihren Mann häufiger als zu Oppositionszeiten.