. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
23. November 2011, 10:23 Uhr

Der Stuttgarter Glaubenskrieg

Der eine kratzt Aufkleber weg, die andere hat eine tote Ratte in der Post: Die Stuttgarter befehden sich kurz vor der S-21-Abstimmung erbittert. Eine Reportage aus einer geteilten Stadt. Von Tilman Gerwien und Anna Hunger

S21, Stuttgart 21, Proteste, Demonstrationen, Deutsche Bahn, Volksabstimmung, S21 Gegner, S21 Befürworter, Parkschützer, Proler

"Geht völlig rückstandsfrei": Mit dem Ceranfeld-Kratzer gegen den Kopfbahnhof© Boris Sahmalenberger

Es ist eine sorgfältig geplante Aktion, sie findet jeden Montag statt. Wer mitmachen will, erhält die Koordinaten per Handy oder auf einer eigens eingerichteten Homepage. Treffpunkt diesmal: Königstraße 1A, 19.30 Uhr. Um pünktliches Erscheinen wird gebeten. Gert Walliser und ein Dutzend Helfer schleppen Leitern, Taschenlampen und Kratzer herbei, um das zu entfernen, was die Gegner von Stuttgart 21 auf ihrer wöchentlichen "Montagsdemo" in der Innenstadt hinterlassen haben: Hunderte, Tausende von gelben Anti-S-21-Aufklebern.

Walliser, 51, Hausverwalter aus Bad Cannstatt, hasst diese Aufkleber. Er ist für Stuttgart 21, jenes Milliardenprojekt, mit dem die Bahn den alten Kopfbahnhof zum Durchgangsbahnhof unter der Erde umbauen will. Und er findet, dass das hier ja schließlich auch immer noch seine Stadt ist. Beim Kampf gegen die Kleber schwört er auf kleine, messerscharfe Schaber, wie man sie zum Reinigen von Ceran-Kochfeldern benutzt. "Damit unter 'ne Ecke fahren, vorsichtig drunterheben und das Ding ganz glatt hochziehen. Geht völlig rückstandsfrei."

Plötzlich bauen sich S-21-Gegner vor Wallisers Putztruppe auf. Es werden immer mehr, sie fotografieren und filmen die selbst ernannten Reinigungskräfte, sie pfeifen und brüllen. Walliser tritt den Rückzug an. Aber er will wiederkommen - mit seinem Kratzer. Seit die Bahnhofsgegner von sich behauptet haben, "wir sind das Volk", ist er von seiner Mission erst recht überzeugt: "Ich bin doch auch das Volk. Und ich lasse mir nicht meine Meinung verbieten." Bahnhofsgegner gegen Bahnhofsbefürworter, Parkschützer gegen Proler, das ist in Stuttgart inzwischen mehr als eine politische Meinungsverschiedenheit.

Die gespaltene Stadt

Der Streit, anfangs noch lebendig-kreativ, hat sich zum bizarren Glaubenskrieg ausgewachsen. Gerungen wird nicht mehr nur mit Argumenten, auch mit Einschüchterung, Sabotage, Gewalt. Im engen Talkessel am Neckar kochen die Leidenschaften hoch. Ausgerechnet im Schwabenland, das früher mit seinem beharrlichen Festhalten an Kehrwoche und konservativen Mehrheiten doch noch so beeindruckte. Oder befremdete - je nach Standpunkt. Unlängst erwischte es sogar ein Symbol für die moralische Bigotterie, mit der man sich im kleinbürgerlichen Idyll jahrelang eingerichtet hatte: Im Schlossgarten musste der heimliche Schwulenstrich den "Parkschützern" und ihrem Zeltlager weichen. Jetzt ruft hier eine Pfarrerin zum Gebet im Park. Am Bahnhof legten Anti-S-21-Aktivisten sogar ein "feierliches Gelöbnis" für den Erhalt des alten Gemäuers ab. Die Organisatoren reut das inzwischen: Viele fühlten sich dann doch an unselige Treueversprechen in der Geschichte erinnert.

S 21 hat die Stadt gespalten: Freundschaften sind zerbrochen, Menschen kündigten ihre Arbeit, um sich zu engagieren, andere zogen weg, weil sie den ewigen Zank nicht mehr aushielten. Eine Volksabstimmung soll am Sonntag Klarheit bringen. Rund 7,6 Millionen Baden-Württemberger dürfen ankreuzen: "Ja" für einen Ausstieg der Landesregierung aus der Finanzierung des Projekts - oder "Nein" gegen den Ausstieg und damit für den Weiterbau. Um das Projekt zu stoppen, müssen die S-21-Gegner ein "Quorum" von einem Drittel aller Wahlberechtigten erreichen. Mehr als 2,5 Millionen Stimmen gegen den Neubau - fast unmöglich. Und selbst dann kann die Regierung aus den Verträgen mit der Bahn nur aussteigen, wenn sie nachweist, dass die Kostenobergrenze von 4,5 Milliarden Euro überschritten wird. Gelingt dies nicht, könnte sie aus dem Projekt wahrscheinlich nur aussteigen, wenn sie an die Bahn Schadensersatz zahlt - die Kosten dafür dürften zumindest im dreistelligen Millionenbereich liegen.

Wird S 21 weitergebaut, geht es für Winfried Kretschmann, den ersten grünen Ministerpräsidenten, ums politische Überleben. Der Koalitionspartner SPD ist mehrheitlich für das Projekt, Kretschmann jedoch hatte im Wahlkampf versprochen, alles zu tun, um S 21 zu verhindern.

Tote Ratte als letzte Warnung

Sybille Kleinicke, 46, sitzt im Büro der Parkschützer, einer Souterrainetage, voll gestellt mit Computern und Stapeln von Flugblättern. Die Frau erzählt von dem Paket, das sie vor Kurzem an ihre Privatadresse bekam. "Ich dachte noch: Hey, wer denkt denn da an mich? Ich hab‘ doch gar nicht Geburtstag!" Sie öffnete es und fand darin, eingewickelt in Zeitungspapier: eine tote Ratte. Dazu ein Zettel: "Letzte Warnung. Wenn Du nicht aufhörst, weißt Du, was passiert!" "Da hab ich Angst bekommen", sagt die Rechtsanwaltsgehilfin. Auf Demonstrationen ging sie fortan nur noch vermummt mit Schal und Mütze. Im "Arbeitskreis Jura" berät sie Bahnhofsgegner, die mit dem Staat in Konflikt geraten sind: wegen Sitzblockaden, Sachbeschädigungen, Polizistenbeleidigungen.

Als sie 1995 erstmals von S 21 hörte, dachte sie: "Das werden die nicht im Ernst machen." 2007 unterschrieb sie eine Protestliste. Doch der CDU-Oberbürgermeister und der Gemeinderat erklärten einen Bürgerentscheid für unzulässig. Für Kleinicke der Moment, der ihr Leben veränderte: "Das war mein politisches Erwachen." Der Widerstand kostet Kraft. "Das ist hier nicht Gorleben, wo man einmal aufmarschiert, und dann ist monatelang Ruhe. Wir müssen hier jeden Tag blockieren." Sie kann nicht mehr richtig schlafen, sie quält sich von einer Erkältung zur nächsten - aber je mehr Einsatz die Sache von ihr fordert, desto wütender wird sie. Ihre drei Handys - eins für die Rechtsberatung, eins für Kontakte zu einem "Freund, der vom Staat 'n bissle verfolgt wurde", und eins für sich selbst - sind auch nachts empfangsbereit. Alle Fenster ihrer Wohnung will sie am Tag der Volksabstimmung komplett zuplakatieren. "Ein Leben ohne diesen Protest kann ich mir nicht mehr vorstellen", erzählt sie.

Lesen Sie auf Seite 2, warum ein Proler den Protest der Parkschützer für obszön hält.

Seite 1: Der Stuttgarter Glaubenskrieg
Seite 2: Technizistischer Größenwahn
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Stuttgart 21 Karlsruhe gibt grünes Licht für Volksabstimmung

Die Baden-Württemberger dürfen wie geplant am Sonntag über Stuttgart 21 abstimmen: Das Bundesverfassungsgericht hat eine Klage gegen das Referendum abgewiesen. mehr...

Kopfbahnhof versus Stuttgart 21 Das Alte schlägt die Moderne

Die Frage nach Effizienz und Auslastung gilt als entscheidender Vorteil für Stuttgart 21. Zu Unrecht. Eine Studie versetzt den Anhängern des Projektes einen neuen Schlag: Mit läppischen Investitionen schlägt der jetzige Kopfbahnhof S21 deutlich. mehr...

Proteste gegen S21 Friedlich war gestern

Das friedliche Miteinander in Stuttgart ist vorbei, seit Hunderte Bahnhofsgegner die Baustelle gestürmt haben. Sogar der Vorwurf eines "versuchten Tötungsdelikts" steht im Raum. mehr...

Bahnhofbau in Stuttgart Polizei räumt Blockaden der S21-Gegner

Die Ruhe am Stuttgarter Bahnhof ist vorbei: Die Bahn hat die Arbeiten an der S-21-Baustelle wieder aufgenommen. Und auch die Gegner sind zurück. Die Polizei hat bereits erste Blockaden geräumt. mehr...

Neue Ideen für S21 Das Wunder von Stuttgart

Mit einem Gegenentwurf zum umstrittenen Bahnhofsprojekt S21 tut sich eine Lösung auf, die dem Land Baden-Württemberg seinen Frieden bringen kann. Und Stuttgart einen leistungsfähigeren und günstigeren Bahnhof. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe