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6. Februar 2012, 14:12 Uhr

Piraten würden Bayreuth ändern

Die Berliner Piraten wollen sich keine Gratistickets schenken lassen. Das sollten sich Bundespolitiker zum Vorbild nehmen - dann würden ein paar Bürger mehr die Bayreuther Festspiele sehen können. Von Hans Peter Schütz

 
SPD, Troika, Vorstand, Klausur, Piraten, Tickets, Dehm, Verfassungsschutz, Linkspartei

Keinen Bock auf Sponsoring: Piraten-Partei© Carsten Rehder/DPA

Die Frage, wer 2013 gegen die "Mutti" der Nation, Angela Merkel, als Kanzlerkandidat antreten soll, nimmt in der SPD ganz neue Dimensionen an. Die Vizevorsitzenden Aydan Özogus schlug vor, die nordrhein-westfälische SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ins Rennen zu schicken - und bekam dafür reichlich Applaus von der Arbeitsgemeinschaft der SPD-Frauen. "Weibliches Personal", so Özogus, "hat die SPD genug". Aber wohin denn dann mit dem Kanzlerkandidaten-Trio männlichen Geschlechts, mit Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück? Auch das war ein Thema der jüngsten Vorstandklausur. Der Komiker und Kabarettist Ingo Appelt, dessen schwarzer Humor eindrucksvoll ist, zuweilen jedoch die Grenzen der politische Korrektheit und des Anstands überschreitet, hat in Potsdam dazu einen verblüffenden Vorschlag gemacht. Wenn gegen die Bundeskanzlerin nur eine Frau antreten könne, so Appelt, dann müsse sich eben aus dem Kandidaten-Trio eine zur Verfügung stellen. Und schräg wie Appelt zuweilen so ist, sagte er: "Am besten der Siggi [gemeint war Sigmar Gabriel, Red.], denn der hat jetzt schon die größten Titten." Die SPD-Frauen vor Ort sollen nur mühsam gelacht haben, wird berichtet.

*

Nicht vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden, gilt unter Bundestagsabgeordneten der Linken offenbar bereits als eine Form politischer Rufschädigung. So trugen einige von ihnen auf dem Neujahrsempfang ihrer Partei, natürlich im Berliner "Café Moskau", einen roten Button am Revers, auf dem stand: "Bin links, bitte beobachten!" Vor allem den Abgeordneten Diether Dehm verlangte es nach staatlicher Aufmerksamkeit. Da er zunächst glaubte, nicht auf der Liste der 27 vom Verfassungsschutz überwachten Linken-Parlamentarieren zu stehen, stellte er am 27. Januar eine längere halbsatirische Pressemitteilung auf seine Homepage. Schon in der Überschrift fordert er: "Ich bitte Euch, nennt mich unter den Bespitzelten!"; im Text heißt es, an die Verfassungsschützer gerichtet: "Zornbeflügelt frage ich Euch, welch übles Spiel ihr treibt." Ob die Schlapphüte wissen, wie scharf sie mit dem Wörtchen "zornbeflügelt" angegriffen werden? Wohl kaum. Sie müssten dann ja "linksradikale" Literatur lesen. Etwa einen Brief des von den Nazis verfolgten deutschen Schriftstellers Oskar Maria Graf, der 1933 "zornbeflügelt" die Nazis darum bat, seine zunächst verschonten Bücher doch auch zu verbrennen. Das geschah und Bertholt Brecht widmete ihm ein Gedicht, in dem das Wörtchen "zornbeflügelt" ebenfalls vorkam. Dehm lieferte die Begründung für seine "Selbstanklage" gleich mit: Er habe schließlich "Deutschlands obersten Staatsdichter Biermann" einen Lügner genannt und habe Che Guevara und Fidel Castro zu den "beeindruckendsten Menschen der jüngeren Geschichte" gezählt. Und außerdem habe er die Enteignung der Deutschen Bank, von Daimler, BMW und "anderen Hitler-Finanziers gefordert". Dehms verzweifelte Frage an die Verfassungsschützer: "Was soll ich noch tun?" Nichts mehr. Dehm hatte sich schlicht geirrt, seine Empörung war grundlos - noch am selben Tag konnte er in der Presse nachlesen, dass er sehr wohl auf der Beobachtungsliste steht.

*

Wundert sich noch jemand über das in Umfragen rasend schnell wachsende Ansehen der Piraten-Partei? Dann sollte er zur Kenntnis nehmen, dass die Berliner Piraten soeben beantragt haben, den Landesparlamentarier zu verbieten, Freikarten für die Berliner Philharmoniker (Wert pro Stück: 30 bis 90 Euro) und den Fußball Bundesligisten Hertha BSC (Wert pro Stück: rund 180 Euro) anzunehmen. Die Gratistickets sind nach Ansicht von Juristen ohnehin "fragwürdig" beim Blick auf die im Landesabgeordnetengesetz vorgeschriebenen Verhaltensregeln. Jetzt soll die Rechtslage genau geklärt werden. Das kann Folgen haben: Denn der Bundesrechnungshof beklagt seit langem, dass der Löwenanteil der Karten etwa für die Bayreuther Opernfestspiele als Freikarten für Politiker, Sponsoren und Prominente weggehen. Auch Kanzlerin Angela Merkel und Ehemann Joachim Sauer sind gerne in Bayreuth zu Gast. Bei Premieren kommen teilweise nur 16 Prozent der Karten in den freien Verkauf. Ein Glück nur, dass Präsident Christian Wulff kein Richard-Wagner-Fan ist. Denn die Preise für noch verfügbare, frei gehandelte Tickets gehen bereits durch die Decke - die Angebote für eine Premierenkarte für den "Fliegenden Holländer" am 25. Juli liegen schon bei weit über 1000 Euro. In Niedersachsen übrigens dürfen Abgeordnete Freikarten annehmen "wenn die Teilnahme der Ausübung des Mandats dient oder der Abgeordnete damit einer repräsentativen Verpflichtung nachkommt". Eine Regelung, die wie so viele unter Wulffs ehemaliger Regentschaft in Niedersachsen, Interpretationsspielräume eröffnet - zugunsten der Empfänger.

Von Hans Peter Schütz
 
 
Berlin vertraulich!

Homo politicus Hans Peter Schütz notiert in seiner wöchentlichen Kolumne den manchmal keineswegs politisch korrekten Tratsch hinter den Kulissen des politischen Berlins für stern.de.

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