40 Stunden pro Woche studieren und dazu noch arbeiten gehen? Für den Politologen Ulrich von Alemann ganz normal. stern.de sprach mit ihm über die Studentenproteste und die Bologna-Reform.
Es ist in der Kommunikation vieles falsch gelaufen. Es ist nicht deutlich genug gemacht worden, dass im Bologna-Prozess echte Chancen stecken.
Unsere Studierenden waren früher in der Regel in den ersten ein bis zwei Semestern völlig überfordert, das Studium wirklich zu planen und zu überschauen - gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Ihnen wird mit der etwas stärkeren Verschulung viel mehr Klarheit an die Hand gegeben, das Studium effizient und dabei durchaus befriedigend zu organisieren.
Die neuen Bachelor-Master-Studiengänge bieten - neben vielem anderen wie etwa der internationalen Vergleichbarkeit - auch mehr sozialen Zusammenhalt. Die Studenten studieren im Jahrgang, lernen sich persönlich viel mehr kennen. Die arbeiten mehr zusammen, die feiern mehr zusammen, da ist sehr viel Positives.
Vor allem wurden die Gestaltungsmöglichkeiten der Hochschulen nicht ausgenutzt. Bologna ist kein Eintopf, der für alle verordnet wird. Bologna ist der Topf, in dem wir unser Gericht selber kochen können. Deswegen gibt es auch sehr unterschiedliche Bachelor-Master-Modelle. Manche sind widerwillig von Hochschullehrern und Gremien beschlossen worden, denen die ganze Richtung nicht gepasst hat. Die müssen sich nicht wundern, wenn es jetzt zu Unverträglichkeiten kommt.
Genau so ist es. Wie viel man in einen Bachelor hineinpackt, ist allein Sache der Fakultäten, Fachbereiche und der Hochschulgremien. Wenn jetzt viele Bachelor-Studiengänge als überlastet gelten, hat das nichts mit Bund, Ländern oder dem Bachelor-Master-System an sich zu tun.
Die, die das widerwillig umgesetzt haben, hängen an den alten Magister- oder Diplom-Studiengängen und wollen am liebsten nur einen Etikettenwechsel. Die packen dann den Stoff, den sie früher in acht Semestern vermittelt haben, in einen sechssemestrigen Bachelor.
Dafür sind neben den Hochschulen auch die deutschlandweit vom Akkreditierungsrat eingesetzten Akkreditierungsagenturen verantwortlich. Die könnten - und das ist in der Vergangenheit vielleicht zu selten geschehen - einen Studiengang auch mal völlig überlastet finden und sagen: "Bitte, liebe Leute, entschlackt diesen Studiengang! Der ist so nicht studierbar."
Bachelor und Master sind feste Größen. Da ist es fahrlässig, von Bildungspolitikern zu sagen, man könne den Bachelor "ein bisschen" verlängern. Hier wird unterschlagen, dass eine Verlängerung des Bachelors automatisch zu einer Verkürzung des Masterstudiums führen würde.
Ein einjähriger Master wäre mir persönlich zu kurz für jene vertiefte wissenschaftliche Auseinandersetzung, wie sie da eigentlich vorgesehen ist. Hier ist ausnahmsweise der Staat verantwortlich: Die Panik, alles schon in den Bachelor packen zu müssen, rührt von der angesetzten Quote zum Übergang in den Master her. Dafür, dass der Master das Äquivalent zu den alten Studienabschlüssen ist, ist der Flaschenhals zu eng.
Der Master ist der vollqualifizierende akademische Abschluss, der Bachelor ist ein qualifizierender Abschluss für einen Teilarbeitsmarkt - wichtig für die, die früh in den Beruf gehen wollen. Das können sehr erfolgreiche Karrieren werden. Aber die, die den Master machen wollen, sollen dafür bessere Möglichkeiten bekommen als bisher.
Ich habe schon Verständnis für die Studierenden. Die Ausstattungsstandards sind an den deutschen Hochschulen zu niedrig, wir sind unterfinanziert im Gegensatz zu vielen Hochschulen in den umliegenden Nachbarländern …
Gerade diese Aspekte halte ich für wichtig. Die Studierenden können nicht kommen und gehen, wann sie wollen, das Studium ist kein Zuckerschlecken! Das ist man schuldig gegenüber denjenigen in unserer Gesellschaft, die das Studium finanzieren, nämlich die Steuerzahler und Arbeitnehmer. Studium ist harte Arbeit! Wer da glaubt, er könne nach Befindlichkeit kommen und gehen, wann er will, ist in der Tat im Irrtum. Hier kann ich den Studierenden überhaupt nicht folgen.
Ich halte eine Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche als Student für total normal. Dass man daneben noch Nebenjobs hat, halte ich für denkbar und durchaus vereinbar. Ich arbeite 60 Stunden die Woche, aber das ist mein eigenes Problem.
Für mich ist es richtig, wenn man es richtig macht. Aber man kann es viel besser machen, als es an vielen Universitäten derzeit getan wird.