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"Das geht die Kassen nichts an"

Viele Menschen tragen Fitness-Armbänder - und die Techniker-Krankenkasse würden die Daten gerne sammeln. SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach sagt: Das Privatleben der Versicherten bleibt privat.

Von Lutz Kinkel

Fitness-Armbänder

Liefern Daten in Hülle und Fülle: Fitness-Armbänder

Jens Baas, Chef der Techniker-Krankenkasse, ist ständig auf Trab, beim Telefonieren läuft er um seinen Schreibtisch herum. An seinem rechten Arm trägt er ein Fitness-Armband, das Puls, Schrittzahl und Schlafverlauf aufzeichnet. Diese Daten findet Baas nicht nur privat interessant - er würde solche Informationen auch gerne von seinen Kassenmitgliedern bekommen. Das sagte er in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" - und erntet dafür prompt scharfe Kritik. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach erklärt im stern-Interview, warum seine Partei diesem Vorschlag nie zustimmen wird.


Herr Lauterbach, Karneval ist doch allein wegen des Bierkonsums eine sehr, sehr ungesunde Sache - oder?

Im Gegenteil, es ist sehr gesund sich zu freuen. Das stand hier in Köln, wo ich den Karneval hautnah miterlebt habe, im Vordergrund. Ich bin sicher, dass dieses Fest gesundheitlich mehr genützt als geschadet hat: viel Freude, viel Bewegung, viel Geselligkeit.

Mal angenommen, Krankenkassen und Ärzte wüssten genau, was ihre Kunden an Karneval so tun: Müssten sie Einzelne nicht dennoch ermahnen?

Zunächst einmal: Das geht die Krankenkassen nichts an - und das soll auch so bleiben. Die Krankenkassen sind dafür zuständig, die medizinische Versorgung mit zu organisieren, zu bezahlen und bezahlbar zu halten. Sie dürfen sich nicht in das Privatleben der Menschen einmischen. Und schon gar nicht diejenigen bestrafen, die keine Gesundheitsapostel sind.

Das heißt, sie treten auch für das Recht eines jeden ein, sich selbst gesundheitlich zu ruinieren?

Ich appelliere daran, das Rauchen aufzugeben. Neben Drogenkonsum ist Rauchen das Gefährlichste, was man überhaupt machen kann. Aber wir können das Rauchen auch nicht gesetzlich verbieten. Das ist in einer freien Gesellschaft nicht möglich, und das ist auch gut so.

Jens Baas, der Chef der Techniker-Krankenkasse, will die Gesundheitsdaten von Versicherten in einer elektronischen Akte sammeln - und darüber hinaus die Daten von Fitness-Armbändern einfließen lassen. Was halten Sie davon?

Diesen Vorschlag finde ich nicht überzeugend. Erstens gibt es große Sicherheitsprobleme, niemand kann garantieren, dass Fitness-Daten nicht für andere Zwecke abgegriffen, missbraucht oder manipuliert werden. Zweitens könnten die Kassen solche Informationen nutzen, um  gesunde Mitglieder anzuwerben und andere loszuwerden. Wir wollen aber keinen Wettbewerb um den gesündesten Versicherten. Wir wollen einen Wettbewerb um die beste Versorgung, auch für Alte und Kranke.

Die Daten aus Fitness-Armbändern könnten nach Baas' Ansicht helfen, "Prognosen über gesundheitliche Entwicklungen abzugeben" und einem Versicherten rechtzeitig zum Arztbesuch anzuhalten. Ist das ein Traum oder ein Alptraum, wenn die Kasse versucht, ihre Kunden fernzusteuern?

Eine Fernsteuerung halte ich für abwegig. Menschen, die nicht gesund leben, wissen, was sie tun, auch ohne Hilfe der Kasse. Sie werden sich nicht durch einen Anruf dazu bewegen lassen, einen Arzt aufzusuchen oder anders zu leben. Hier ist das direkte Umfeld gefragt,  Familie, Betriebe und Schulen.

Kassen könnten künftig abgestufte Tarife anbieten: günstige für Versicherte, die ihre Daten preisgeben, teure für alle anderen. Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es soweit kommt?

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach

Professor Dr. Karl Lauterbach, Jahrgang 1963, ist Arzt und Gesundheitsökonom. Seit 2005 sitzt er für die SPD im deutschen Bundestag. Lauterbach, Vater von vier Kindern,  kämpft seit Jahren für das Konzept einer Bürgerversicherung.

Die Politik wird das schlicht nicht erlauben. Gottseidank macht ja das Parlament die Gesetze. Es mag zwar im Interesse der ein oder anderen Kasse liegen, besonders junge und gesunde Mitglieder zu werben - aber wir müssen die Bestrafung der Anderen verhindern. Was würde dann auch mit Menschen passieren, die zum Beispiel gehbehindert sind und nicht täglich zehn Kilometer laufen können? Es muss jeder so leben, wie er kann und will, ohne dadurch einen Vor- oder Nachteil bei der Gesundheitsversorgung zu haben.

Unter den Kassen gibt es offenkundig die Sorge, dass ausländische Anbieter den deutschen Krankenversicherungsmarkt aufrollen könnten, wenn sie nicht selbst entsprechende Angebote machen. Wie wahrscheinlich ist das?

Das halte ich für völlig abwegig. Wir haben keine ausländischen Kassen am Markt, das lässt das Gesetz auch gar nicht zu. Es gibt keine Möglichkeit für US-Konzerne, hier eine Krankenversicherung zu eröffnen.

Eine elektronische Patientenakte ist andererseits nicht nur schlecht - weil sie helfen kann, Doppeluntersuchungen zu vermeiden und Ärzte sofort ins Bild setzt, zum Beispiel über regelmäßig eingenommene Medikamente.

Ja, aber das hat ja nichts mit Fitness-Daten zu tun. Es ist völlig unstrittig, dass eine solche Akte, wie sie auch auf der künftigen Gesundheitskarte angelegt sein soll, zur Verbesserung der Versorgung führen wird.

Trotzdem bleibt es im Grundsatz heikel. Wie lassen sich Datenschutz und notwendiger Informationsaustausch versöhnen?

Die datenschutzrechtlichen Voraussetzungen für die elektronische Patientenakte sind bei uns sehr hoch. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir zum Schluss eine besonders sichere Gesundheitskarte haben werden.

Sie sind Arzt, Ökonom und Gesundheitspolitiker: Tragen Sie privat auch schon ein Fitness-Armband und vermessen ihre Gesundheit?

Nein, auf diese Idee käme ich nicht, mich so unter Druck zu setzen. Ich mache Sport, weil ich daran Freude habe. Selbstoptimierung und Messungen sind mir fremd.

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