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9. April 2008, 18:23 Uhr

Koch flirtet, Ypsilanti kämpft

Ball Paradox im hessischen Landtag: Ministerpräsident Roland Koch (CDU) redet ununterbrochen von "Ganzheitlichkeit" und "Nachhaltigkeit", SPD-Chefin Andrea Ypsilanti gibt die harte Kämpferin. Und die Grünen? Sitzen in der Mitte und genießen. Ein Live-Bericht. Von Mathias Schlosser

Offene Türen, abwehrende Haltung: Hessens Ministerpräsident Roland Koch© Thomas Lohnes/ddp

Da staunte die komplette linke Seite im nagelneuen Wiesbadener Sitzungssaal. Am Pult jonglierte der freundliche Herr Koch so routiniert mit Worten wie "nachhaltig" und "ganzheitlich", dass es den Grünen fast peinlich wurde. Gemeinsam mit dem Parlament - in dem er keine Mehrheit hat - will der geschäftsführende Ministerpräsident Hessen zum "Musterland der regenerativen Energien" machen und auch gleich noch einen "Nachhaltigkeitspakt" oben drauf setzen. Auch bei der Schulpolitik zeigte sich Koch einsichtig. Immer und immer wieder bemühte er das Bild von den offenen Türen, die es nun in der Staatskanzlei gebe.

So mancher Abgeordnete konnte sich nach fünf Jahren CDU-Alleinherrschaft bei so viel Charme von der Regierungsbank nicht mehr im Zaum halten. Doch die Zwischenrufe konterte Roland Ohnemacht mit dem gütigsten Lächeln. Man müsse sich gegenseitig wieder Respekt entgegenbringen und gemeinsam verantwortlich handeln. Weit weg war der alte Debattenredner Koch, der am Rednerpult selbst für die gröbsten Klötze noch gröbere Keile griffbereit hatte und dessen Lieblingswort "durchregieren" zu sein schien.

Die "annern" wollen nicht

Nicht einmal die SPD war vor den Umarmungen des Ministerpräsidenten sicher. Mit den Genossen sieht sich Roland Koch in einer "Schicksalsgemeinschaft", deren Aufgabe es ist, Hessen in schwierigen Zeiten vor dem Stillstand zu bewahren. Dass er allein das am besten kann, daran ließ er aber bei aller Konzilianz keinen Zweifel aufkommen. Ungeniert pries er in seiner Regierungserklärung die Erfolge der vergangenen neun Jahre und mahnte zur Kontinuität, so als wolle er die anderen Parteien einladen, künftig mit ihm gemeinsam das Land zur Blüte zu führen - divide et impera, oder auf Hessisch: Lass die annern e bißsche midmache.

"Die annern" wollen aber nicht richtig. SPD-Spitzenfrau Andrea Ypsilanti jedenfalls war gar nicht angetan vom Schmusekurs des weichgespülten CDU-Hardliners. "Das geht mir alles viel zu schnell", kommentierte sie die Wandlung Kochs und nannte ihn einen "Kreide fressenden Wolf im Schafspelz", dem nach dem Wahldebakel nichts anderes übrigbleibe als auf das Parlament zuzugehen. Ypsilantis Rede zeigte deutlich: Sie sieht sich auf Augenhöhe mit dem Regierungs-Chef, weil sie die linke Mehrheit im Parlament für ziemlich real hält. Raufen statt zusammenraufen heißt ihre Devise und es scheint, als wolle sie den angeschlagenen Ministerpräsidenten mit Initiativen und Anträgen aus dem Parlament heraus zermürben. "Wir sollten politische Differenzen nicht verschleiern, sondern austragen", rief sie mehrfach in den Sitzungssaal. Und um Roland Koch gleich einmal zu zeigen, dass der Hammer jetzt links hängt, sollten noch während der ersten Sitzung des Parlaments mit den Stimmen von SPD, Grünen und Linkspartei die Studiengebühren abgeschafft werden - eine der zentralen "Errungenschaften" der Ära Koch.

Überhaupt schien Andrea Ypsilanti noch nicht bemerkt zu haben, dass der Wahlkampf vorbei ist, so kämpferisch und angriffslustig ging sie auf den "amtierenden Ministerpräsidenten" - wie sie Koch konsequent titulierte - los. Oder aber, die Sozialdemokratin hat begriffen, dass der nächste Wahlkampf schon begonnen hat.

"Müssen uns noch gewöhnen"

Wesentlich entspannter trat da Tarek Al-Wazir von Bündnis 90/Die Grünen ans Pult. Er freute sich über die neuen, herzlichen Töne von der Regierungsbank, klärte aber alle Jamaika-Liebhaber ganz schnell auf, dass neue Töne ja keine neue Politik bedeuten würden. Mit viel Geschick und ein wenig Beliebigkeit hielt sich Al-Wazir alle Wege offen, den zur SPD genauso wie den zu CDU und FDP. Nur die Linken als Spielverderber von Rot-Grün bekamen ihr Fett weg.

Einmal verließ Tarek Al-Wazir allerdings den Pfad der Diplomatie und schmiedete für einen Augenblick eine große Koalition der Fäusteballer: Selbst den eigenen Fraktionskollegen stockte der Atem, als er erst staatsmännisch alle Parteien mahnte, auch einmal eine Abstimmungsniederlage zu akzeptieren, sich dann aber spitzbübisch korrigierte, dass die Grünen als Zünglein an der Waage aber wohl nie zu den Verlierern zählen werden. "Daran müssen wir uns noch gewöhnen", juchzte er und sowohl CDU als auch SPD mussten dem Umworbenen pflichtschuldig Beifall klatschen.

Tarek Al-Wazir traf die Stimmung nach der Regierungserklärung auch mit dem Satz "Wir müssen alle noch ein wenig üben." Doch am besten umschrieb Andrea Ypsilanti die neuen hessischen Verhältnisse mit einem Zitat von Heiner Müller: "So wie es bleibt, ist es nicht."

Von Mathias Schlosser
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
ganzbaf (10.04.2008, 16:26 Uhr)
Zentnerweise Kreide gefressen.... (-;

Unseres biederes "Wölfchen"... ;-P
Soll aufpassen, dass er nicht daran erstickt!
babylon (10.04.2008, 09:12 Uhr)
Ausländerhetze?
Ich glaube nicht das Herr Koch allgemein gegen ausländische Mitbürger hehetzt hat. Sie sollten mal sachlich differenzieren. Gemeint waren Kriminelle ausländischer Herkunft und da kann ich Herrn Koch nur zustimmen. Ich glaube die meisten von Ihnen wohnen auf dem Lande und haben noch nie mit solchen Kriminellen zu tun gehabt. Wenn sie nach dem ersten körperlichen Kontakt
mit solchen Kriminellen immer noch der meinung sind es seien unverstandene Minderheiten so will ich ihnen gerne glauben. Aber sehen sie sich bitte die Realität auf den Strassen an und nicht die blauäugigen
Darstellungen irgendwelcher grüner oder anderer heuchlerrischen Elemente.
pitiplatsch (10.04.2008, 07:50 Uhr)
Wunderbar
wie sich so eine Mensch wandeln kann wenn er so langsam mitbekommt, dass seine Auländerhetze nicht mehr zieht. Es ist schön zu sehen wie der Koch jetzt rumschleimt und sich den Grünen anbiedert, die er vorher noch verteufelt hat. Hier kommt der Charakter der Politiker sehr gut zum Vorschein schleimen kriechen anbiedern dass es schon ein wenig ekelig wirkt, das nennt man am Sessel kleben ohne Rücksicht auf Verluste.. Aber es hilft nichts er wird bald in der Versenkung verschwinden und keiner wird ihn vermissen und das ist gut so.
Graffy (10.04.2008, 02:52 Uhr)
Ypsilanti ist noch nicht entsorgt?
Ich finde es sehr verwunderlich, wie lange sich Frau Ypsilanti überhaupt noch halten kann.
Nebenbei gehört Herr Koch ebenso entsorgt.
Mir fallen hier nur Neuwahlen ein.
Ohne Koch und Ypsilanti.
n8g8 (09.04.2008, 23:10 Uhr)
Linke Seite
Gratulation an den Autor, der die Vernebelungstaktik der politischen Verhältnisse so deutlich dokumentiert. Die "linke Seite" besetzt Koch und seine CDU ... LOL!
Das Glück des Verfassers: Alles eine Frage der Sichtweise - je nachdem, ob man nun VOR oder HINTER der ausgekochten Hessen-Regierung steht. Absurdistan, dank Metzger! Scheeeeee, DANKE!
vegefranz (09.04.2008, 21:48 Uhr)
der Einäugige unter Blinden
klar kann Koch jetzt alle überstrahlen. Das ist auch nicht schwer. SPD-Wahlbetrüger, Ex-SED und andere fragwürdige Gestalten in Hessen können ihm nicht das Wasser reichen
Sandygirl (09.04.2008, 21:38 Uhr)
Hetzer
Was muss man noch alles tun, um diesen Mann loszuwerden? Erst hetzt er gegen Ausländer und andere Minderheiten und jetzt eine Minderheitenregierung... lol
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