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Joachim Gauck trifft Folteropfer: "Sie sind richtig geflüchtet?"

Das Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer bietet über 500 Menschen aus über 40 Ländern ambulante Versorgung und Therapie. Bundespräsident Joachim Gauck hat der Einrichtung einen Besuch abgestattet und sah anschließend sehr zufrieden aus.

Joachim Gauck beim Selfie mit zwei Besuchern des Behandlungszentrums für Folteropfer

Selfie mit Staatsmann: Joachim Gauck (M.) lässt sich nach dem Besuch des Behandlungszentrums für Folteropfer in Berlin mit Besuchern fotografieren

Herr Abounaser, 31 Jahre alt, hat es gut getroffen, so abstrus das bei seiner Biografie klingt. Seinen Vornamen will er nicht nennen, gefilmt werden will er auch nicht. Die alte Angst ist immer noch da. Aber sie ist klein geworden, im Vergleich zu früher.

Berlin-Moabit, Turmstraße 21, "Zentrum Überleben", dritter Stock: Abounaser sitzt an diesem Donnerstag mit und dessen Lebensgefährtin Daniela Schadt bei Kaffee und Keksen an einem großen, runden Tisch zusammen. Mercedes Hillen, die ärztliche Leiterin der einige Dutzend ehrenamtliche und hauptberufliche Mitarbeiter umfassenden Einrichtung, ist auch da, außerdem drei Psychologinnen, eine Pressesprecherin und ein ansehnliches Aufgebot an Medienvertretern. Der Bundespräsident neigt dem jungen Mann den Kopf zu, er beginnt möglichst niederschwellig und mit tiefer, warmer Stimme ein Gespräch: "Sie sind richtig geflüchtet? Nicht normal mit dem Pass ausgereist, so war das, nicht wahr?"

Syrischer Flüchtling: "Ständige Ängste und Trauer"

Abounaser nickt. Er berichtet stockend: Er sei aus , wurde verhaftet. Gefoltert. Sein Bruder wurde auch verhaftet, 50 Tage vor ihm. Er konnte fliehen. Er landete in Passau, kam dann nach Cottbus. Er war in Sicherheit, aber am Ende. "Ständige Ängste und Alpträume", sagt er, "und ständige Trauer um meinen Bruder."  

Gauck hört zu. Nickt. Er ist, das ist das allerwichtigste: endlich da. Die Mitarbeiter des "Zentrums Überleben" haben lange auf ihn gewartet. Schon vor vier Jahren war ein Termin mit dem Bundespräsidenten vereinbart gewesen. Damals hieß der allerdings noch . Doch dann war Wulff plötzlich weg. Und Gauck, sein Nachfolger, hatte seinen eigenen Terminkalender.

Dass er am Donnerstag nun endlich kam, ist für die Einrichtung ein Fest - es ist ein bisschen so, als würde den Mitarbeitern ein sozialer Oskar verliehen, denn wo Gauck ist, da sind die Scheinwerfer, da schauen plötzlich ganz viele Menschen hin, die sonst vielleicht lieber wegschauen. Und das kann nicht nur mehr öffentliche Unterstützung für diese eine Einrichtung bedeuten, sondern auch, dass andere in Deutschland auf die Idee kommen, etwas ähnliches aufzubauen. 

Aboudasar berichtet: Irgendwie gelangte er schließlich nach Berlin. Er bekam dort einen - von nur etwa 500 - Plätzen im "Behandlungszentrum für Folteropfer", das zum "Zentrum Überleben" gehört. Ihm wurde psychotherapeutische Hilfe zuteil, er wurde medizinisch betreut, ein Sozialarbeiter kümmerte sich um die bürokratischen Dinge. Seine Seele konnte sich beruhigen.

Aboudasar hat inzwischen wieder Vertrauen gefasst. In . Vor allem in sich selbst. Deshalb sitzt er, obwohl er ein scheuer Mensch ist, dem Bundespräsidenten gegenüber und ist bereit, ganz viel zu erzählen. Es läuft dann zwar nur auf ein paar Sätze hinaus, schließlich wollen bei einem solchen Termin viele Menschen dem Bundespräsidenten etwas erzählen. Aber das wird auch so klar: Aboudasar hat vom „Zentrum Überleben“ sehr profitiert.

Joachim Gauck: "Großartig, wunderbar"

"Großartig", "wunderbar", sagt Gauck. Und auch, zu Mercedes Hillen gewandt: "Man spürt sofort, dass das, was Sie machen richtig ist." Es ist das Gesamtpaket, das ihn beeindruckt, wird er, nachdem er ausführlich aufgeklärt wurde, loben: Die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche. Das große Engagement für die Flüchtlinge. Und außerdem, dass an diesem Zentrum wissenschaftlich geforscht wird. Diese Forschungen belegen nämlich: Sehr vielen von denen, die schwer erschüttert ankamen, geht es nach einem halben Jahr Behandlung in der Turmstrasse 21, ob in der Tagesklinik oder im Wohnverbund für Frauen, nachweisbar besser. Sie stabilisieren sich. Sie können an ihre Ressourcen anknüpfen, auch dann, wenn ihre tatsächliche Situation weiterhin schwierig ist und die Sorgen um die Heimat und die zurück gebliebenen Verwandte groß sind. 

Das Problem ist nur: Neun von zehn Bewerbern um einen Platz im "Zentrum Überleben" in Berlin werden abgewiesen; die Kapazitäten reichen bei weitem nicht aus, um alle Bedürftigen zu versorgen. 30 Prozent aller Flüchtlinge gelten als schwer traumatisiert und behandlungsbedürftig, davon geht man allgemein aus – das sind Hunderttausende Menschen. Chronifizierte seelische Probleme können gravierende Auswirkungen haben – auf die Lebensqualität der Betroffenen sowieso, aber auch zum Beispiel auf deren Fähigkeit, Neues zu lernen, sich zu integrieren. Joachim Gauck sieht das Problem. Er wiederholt deshalb ein paar Mal, das, was hier angeboten werde, sei "exemplarisch". Er rät den Psychologinnen, die mit am Tisch sitzen, für ihre Arbeit zu werben: "Gehen Sie an die Unis, erzählen Sie den Studenten, was Sie tun. Die merken dann vielleicht: In Dahlem habe ich es mit den Wohlstandsleiden der Betuchten zu tun - mit Flüchtlingen zu arbeiten, das ist doch vielleicht viel interessanter."

Joachim Gauck (4. v. l.) im "Zentrum Überleben" in Berlin

In Plauderlaune: Joachim Gauck (4. v. l.) im "Zentrum Überleben" in Berlin

Dem Bundespräsidenten wird dann noch ein Baustein vorgeführt, der im Konzept des Zentrums eine wichtige Rolle spielt. Es handelt sich um eine Schule auf dem Gelände, die zu Pflegeassistenten ausbildet, außerdem ermöglicht, den mittleren Bildungsabschluss nachzuholen. Gauck und Schadt kommen zum Unterricht, bereitwillig lässt sich der Bundespräsident an seinem Leib vorführen, wie man jemandem professionell die Hände desinfiziert.

Selfies mit gut versorgten Kriegsversehrten

Belkisa Samardzic macht das. Sie ist 31 Jahre alt, wurde in Mazedonien geboren. Seit 25 Jahren lebt sie in Deutschland, 15 Jahre lang hatte sie den Status „geduldet“. Stets war da die Angst, abgeschoben zu werden. Bei ihr führte das dazu, dass sie irgendwann nicht mehr lernen wollte und die Schule schmiss. Keine Bewerbung um einen Job hatte anschließend Erfolg, 50 Stück habe sie verschickt, erzählt sie dem freundlich nickenden Gauck. Dann kam sie auf die Idee, sich hier, in der Turmstraße 21 zu bewerben, schließlich richtet sich dieses Angebot an alle Migranten, nicht nur an schwer traumatisierte, nicht nur an Kriegsflüchtlinge. Samardzik, die inzwischen eine Aufenthaltserlaubnis hat, die alle drei Jahre verlängert wird, sagt, sie sei überglücklich. Sie schreibe jetzt nur noch Einsen. Sie, die frühere Schulversagerin, werde im Pflegebereich arbeiten, "da, wo dringend Hilfe gebraucht wird", schließlich wisse sie, wie das sei, wenn man Hilfe braucht, aber niemand da sei, der hilft.

Gauck und Schadt sehen sehr zufrieden aus nach anderthalb Stunden Programm. Sie lassen freundlich ein paar Selfies mit angehenden Pflegeassistenten und gut versorgten Kriegsversehrten machen, dann geht es zurück nach Bellevue, die Limousine wartet; alle winken.

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