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29. Juni 2010, 10:16 Uhr

Der missbrauchte Kandidat

Joachim Gauck wird derzeit verehrt, als wäre er der Retter der Demokratie. Dabei missbrauchen SPD und Grüne einen durchaus umstrittenen Mann - aus machtpolitischem Kalkül. Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Joachim Gauck, Bundespräsident, Missbrauch, SPD, Grüne, Linkspartei, Stasi, Gauck-Behörde, DDR, Diktatur, Juden, Sigmar Gabriel, Jürgen Trittin, Schorlemmer

Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck ist alles andere als eine Integrationsfigur© Rainer Jensen/DPA

Der Mann ist ein Phänomen, ein mediales, ein politisches und ein persönliches. Einen bei den Bürgern so populären Bewerber fürs Amt des Bundespräsidenten wie Joachim Gauck gab es noch nie. Schon macht das Wort vom "Gauck-Fieber" der Republik die Runde.

Aber man könnte auch sagen: Einen Kandidaten, der derart politisch und medial missbraucht wird und sich auch missbrauchen lässt, gab es noch nie.

Der politische Missbrauch liegt auf der Hand. Sozialdemokraten und Grünen geht es nicht mal am Rande um die Frage, wer Erster Mann im Staate wird. Sie wollen über diese Personalentscheidung die schwarz-gelbe Regierung schwächen, vielleicht sogar stürzen.

Kein soziales oder ökologisches Profil

Wegen eines ausgeprägten sozialpolitischen oder ökologischen Profils ist Gauck gewiss nicht von Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin zum Kandidaten gekürt worden. Denn zur krassen sozialen Schieflage des so genannten Sparpakets der Regierung ist bislang kein eindeutiger Kommentar von ihm bekannt. Der Kandidat der SPD und Grünen schweigt sich eisern darüber aus, wie er sich den Sozialstaat von morgen vorstellt. In den Lobgesängen des rot-grünen Lagers ist dazu kein kritisches Halbtönchen zu hören. Dort hält man sich lieber die Ohren zu, wenn er mit Pathos verkündet, er wolle "nicht gnädig sein" zu jenen, die am Rande der Gesellschaft und des Wohlstands leben müssen. Nur die Linkspartei steht an diesem wichtigen Punkt zu ihrem Programm und nicht zu Gauck - wenngleich vielleicht nur bis zum dritten Wahlgang, so es dazu kommen sollte.

Der mediale Missbrauch Gaucks besteht darin, dass der offenkundige taktische Missbrauch seiner Person durch Parteien gar nicht oder allenfalls am Rande thematisiert wird. Viele Medien präsentieren ihn mit einer Art präsidialem Heiligenschein. Der bessere Präsident sei er, ist pauschal zu lesen. In einer angeblich viel höheren Etage deutscher Persönlichkeiten siedelnd als der Gegenkandidaten Christian Wulff.

Der eine ein vermeintlich blässlicher Berufspolitiker, der sich von Angela Merkel ins Präsidialamt abschieben lasse - womit sie noch einen Konkurrenten politisch kalt gestellt habe. Der andere ein gesamtdeutscher Versöhner, der mit seiner Arbeit als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen den Weg zur inneren Einheit erst frei geräumt habe. Allein: Ganz so ist es nicht.

Gauck als Person umstritten

Wer sich an den Beginn der gesamtdeutschen Arbeit Gaucks erinnert, kann nicht übersehen, dass er dieses schwierige Amt überaus selbstgerecht gegen jene DDR-Bürger ausgeübt hat, die sich dem System freiwillig oder aus opportunistischen Gründen nicht verweigert hatten. Er genoss als protestantischer Pfarrer sehr wohl Privilegien des Regimes. Seine Kinder durften ausreisen, die Stasi stufte ihn in seinen letzten Amtsjahren als dem System halbwegs angepasst ein, wie Akten belegen. Er werde "unser Nest nicht beschmutzen" soll er der Stasi gesagt haben, wie deren Unterlagen berichten. Es ist unfair, wie die Medien auf der Suche nach Schwachstellen das letzte Winkelchen im Leben von Wulff ausleuchten, seine schwierige Jugend kaum erwähnen, bei Gauck dagegen allein das menschlich Gewinnende beschreiben.

Wären SPD und Grüne tatsächlich an einem Kronzeugen des schwierigen Weges zur Einheit interessiert gewesen, sie hätten mit Friedrich Schorlemmer einen überzeugenderen Kandidaten aufbieten können. Der hat Jahrzehnte gekämpft, gelitten, gebüßt für seinen aktiven Widerstand gegen die DDR- Diktatur. Gauck hingegen, doch wesentlich kommoder als viele seiner DDR-Mitbürger durchs System gekommen, sollte sich auch heute nicht als Demokratielehrer inszenieren. Dass er die Nazi-Diktatur auf einer Ebene sieht wie die DDR-Diktatur, ist ein unentschuldbarer Vergleich. Denn er realtiviert den Mord an sechs Millionen Juden.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 30)
 
jo--jo (30.06.2010, 17:18 Uhr)
Ein bisschen "Rest Demokratie"
Hier wird uns doch so ein bisschen "Rest Demokratie" vorgegaukelt, damit wir nicht vollends den Glauben an sie verlieren.
jo--jo (30.06.2010, 15:25 Uhr)
Wulff ist ne Gurke
Gauck aber auch
Farbenseher (30.06.2010, 15:04 Uhr)
Also...
..ein derart kritischer Artikel zur Personalie Gauck treibt mir doch glatt die Freudentränen in den Augenwinkel.

HenningHerbst110 (30.06.2010, 00:02 Uhr)
Norbert Blüm
Für mich wäre Norbert Blüm ein würdiger Bundespräsident. Der kommt von unten und hat immer mit viel Herz und Einsatz Politik gemacht. Diese Tugenden fehlen bei den anderen Kandidaten völlig.
sachsenwini (29.06.2010, 22:47 Uhr)
Wenn Joachim Gauck für mich bisher noch als ganz seriöse Person galt,
so widert mich inzwischen der Rummel um und mit ihm erheblich an.
Wie er bereits im Vorfeld der Wahl Parteien und Politiker angeht und sich ständig widersprechende Meinungen zur Politik äußert, lässt mich ahnen, was wir noch alles von ihm zu hören bekommen, sollte er tatsächlich mit seiner Freundin in das Schloss Bellevue einziehen.

Wenn Horst Köhler geahnt hätte, was er uns mit seinem Rücktritt angetan hat, dann hätte er es sich bestimmt noch einmal überlegt.
freimaurer (29.06.2010, 20:18 Uhr)
für schnell Denker
Mensch Stern Respekt...Für euren Beitrag,ganz Deutschland wusste es schon wo er Nominiert wurde...Aber da hab Ihr noch getönt...wie gut er doch ist und das es richtig war das sie ihn aufgestellt haben...nun werden solch marotten wieder rausgeholt...oh''''er könnt ja vielleicht doch auch uns gut verdienen sternredakteuren schaden,oder kommt es wieder von der von den banken und grossunternehmen...das kurz da vor so ein artikel kommt...es geht nur noch um die kohle der oberen hunderttausend,mehr nicht die diesem land,und die schmiern die leute so das,das sagen was sie hören wollen...schämt in grund und boden(ach verdammt schämt euch noch mehr)
Für solch ein Pack finde ich keinen Ausdruck mehr...






Tempelhofer (29.06.2010, 20:12 Uhr)
20:11 Uhr
Komisch, so schnell ist noch nie ein Schütz-Kommentar von der Top-Seite nach hinten geschoben worden....
Tempelhofer (29.06.2010, 20:04 Uhr)
Journalisten sind wie Kelly Fans
Bei den Journalisten ist es üblich geworden, sich naserümpfend zu den Verwerfungen der Mediengesellschaft zu äußern. Aber wie bei den Kelly-Fans sieht jeder die Schuld für extreme Übertreibungen immer nur bei den anderen.

Demzufolge gibt es nur unschuldige Journalisten, die sich abfällig über den Skandal- und Kampagnenjournalismus äußern, den - die Journalisten - betreiben.

Aber das sind ja immer die anderen.....
MeikJaeger (29.06.2010, 19:34 Uhr)
Wie die Dame, so das Gescherr
Das Schlimme ist ja, dass eine Minuskanzlerin Merkel einen Minuskandidaten und Schwiegersohn aufs Tablett gezaubert hat. Je charakterloser (im Sinne von Abwesenheit eines Kernes) und umso geschmeidiger und windschnittiger der Kandidat, desto mehr gerät Mutti in Begeisterung. Man hätte genauso ein Glas Nutella zum Präsidenten wählen können, der Effekt ist der gleiche: Nämlich 0.
tannebaum (29.06.2010, 19:34 Uhr)
vom messias zum sündenbock...
leiber stern,

was soll der mist? wusstet ihr das nicht vorher oder wolltet ihr das nicht wissen? oder habt ihr auch eine jochimsen in der chefetage? oder einen linksfunktionär, der sich nun aufregt?

recheriert ihr so läppisch, dass ihr erst eine woche später die gegenargumente findet???

und warum war er selbstgerecht gegen über den tätern und mitläufern? hat seine familie und er nicht genug unter der ddr-diktatur gelitten? wurden im dritten reich nicht auch alle in sippenhaft genommen, weil sie mitliefen und somit für alles verantwortlich waren? und bitte, in der ddr hatten viele westfernsehen. das es ein anderes leben auf der welt gibt, dass wussten alle. die nummer: "das haben wir doch alles nicht gewusst" gilt nicht.

ich bin maßlos enttäuscht, wie mit bürgerrechtlern, die wahre motive und ideale besitzen, umgegangen wird. für jeden blöden linksparteifuzzi mit seinen unbezahlbaren sozialideen habt ihr dafür seitenweise platz!

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