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27. April 2007, 17:29 Uhr

Wäre Klar ein Nazi gewesen ...

Gnade für Christian Klar? Seit Wochen verurteilen konservative Politiker diesen Gedanken aufs schärfste. Das sei eine "Verhöhnung der Opfer", sagte Günther Beckstein. Als Nazi-Massenmörder nach dem Krieg vorzeitig entlassen wurden, schwiegen sie. Immer wieder. Von Claus Lutterbeck

Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll, inhaftierter Ex-Terrorist Christian Klar© Norbert Försterling/DPA

Seit Wochen regen sich konservative Politiker aus CDU, CSU und FDP darüber auf, dass der RAF-Terrorist Christian Klar Hafterleichterungen bekommen oder vielleicht sogar begnadigt werden soll. Niemand dürfe vergessen, sagte der baden-württembergische Justizminister Ulrich Goll (FDP), dass Klar ein halbes Dutzend Menschen auf dem Gewissen habe. Wenn man diesem uneinsichtigen, zu lebenslanger Haft verurteilten Mörder etwa Hafterleichterung zu Gute kommen ließe, sei das eine "Verhöhnung der Opfer", so der bayerische Innenminister Günther Beckstein. So viel Mitgefühl bekamen die Millionen Opfer deutscher Massenmörder bei den Konservativen nicht immer zu spüren.

Ein paar Minuten pro Opfer

Hätte Klar mitgeholfen, deutlich mehr Leute umzubringen, zum Beispiel 37.000 Kinder, Frauen und Männer in der Ukraine, hätte er nur 13 Jahre Gefängnis bekommen. Dann wäre er nach sieben Jahren wieder rausgekommen, wie der SS-Obersturmbannführer Otto Bradfisch, der "wegen Beschwerden in der linken Kopfseite" nur ein paar Minuten pro Opfer absitzen musste. Von einem Aufschrei bei CDU und FDP hat man damals nichts gehört.

Wäre Klar ein braver Beamter im Reichssicherheitshauptamt (RSH) gewesen und hätte dort ein bißchen vom Schreibtisch aus gemordet, wäre er noch heute ein freier Mann. Denn eine fatale Änderung des "Ordnungswidrigkeitengesetzes" machte 1968 aus "Beihilfe zum Mord" nur "Mordversuch", und der war schon 1965 verjährt. 35 Ermittlungsverfahren gegen 730 RSHA-Täter mussten damals eingestellt werden. Niemand von der CSU oder FDP hat damals Pressekonferenzen einberufen und gegen den Skandal protestiert.

Kulanz nach der Wende

Wäre Klar 1944 im französischen Oradour am Mord von 642 Zivilisten beteiligt gewesen, wie der SS-Obersturmführer Heinz Barth, so hätte er erst einmal 36 Jahre als freier Mann leben dürfen, wäre dann in der DDR zu lebenslanger Haft verurteilt worden, hätte aber nur 13 Jahre absitzen müssen, weil man nach der Wende mit NS-Tätern kulanter war. Kein baden-württembergischer FDP-Justizminister ist auf die Barrikaden gegangen, als Barth später einen Prozeß beim Potsdamer Sozialgericht gewann und seine "Kriegsopferrente" behalten durfte, - der arme Mann hatte sich beim Schlachten an den Beinen verletzt.

Hätte Klar 21 Häftlinge im KZ Buchenwald ermordet, wie der SS-Hauptsturmführer Arnold Strippel, wäre er zwar zu Lebenslänglich verurteilt worden, hätte aber - wie Strippel - nur 20 Jahre absitzen müssen. Kein CSU-Politiker hat protestiert, als der Mörder mit einer Haftentschädigung von 121 000 Mark vorzeitig entlassen wurde, weil sein Strafmaß rückwirkend auf sechs Jahre verkürzt wurde.

Hätte Klar zwei Wochen vor Kriegsende zwanzig Kinder an Heizungsrohren im Keller aufhängen lassen, wie Strippel, könnte er hochbetagt in Freiheit sterben. Strippel wurde nie der Prozeß deswegen gemacht. Der zuständige Hamburger Staatsanwalt war Mitte der sechziger Jahre gegen einen Prozeß, weil den Opfern "über die Vernichtung ihres Lebens hinaus kein weiteres Übel zugefügt worden" sei. Es gab damals keine Kampagne von Union und Bild-Zeitung, den Massenmörder doch noch vor Gericht zu bringen.

Täter im vorzeitigen Ruhestand

Hätte Klar als Richter eines von mehr als 50.000 Nazi-Todesurteilen verhängt, wäre er vielleicht später einmal CDU-Ministerpräsident geworden. Hinter Gittern wäre er sicher nie gelandet. Denn in der Bundesrepublik ist kein einziger Nazi-Richter oder Staatsanwalt jemals wegen seiner Beteiligung an Todesurteilen angeklagt worden, im Gegenteil: Für die besonders Belasteten zimmerten CDU, CSU und FDP 1961 ein Gesetz, das ihnen ermöglichte, freiwillig in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen. Proteste gab es keine aus der CSU, als sie auch noch ihre volle Pension kassieren durften.

Wenn die Liberalen sich durchgesetzt hätten, wären viele der schlimmsten NS-Mörder nie vor Gericht gekommen, denn die FDP wollte 1965 einen Schlußstrich ziehen und Nazi-Mord verjähren lassen.

Seit dem Krieg hat die deutsche Justiz über 70.000 Ermittlungsverfahren eingeleitet, sie führten zu wenig mehr als 700 Verurteilungen. Viele dieser NS-Täter wurden geräuschlos begnadigt, kaum einer saß die volle Zeit ab. Wir warten noch immer auf den Aufschrei der Konservativen über diese Verhöhnung der Opfer.

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Gleiches Recht für alle - eine Illusion?

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Von Claus Lutterbeck
 
 
KOMMENTARE (10 von 60)
 
ape62 (30.04.2007, 01:00 Uhr)
komperativ?
@bluessen
ok dann lernst du orthografie und grammatik!
@sewas
"Ohne die Verbrechen des 2.Weltkrieges beschönigen zu wollen, ist doch klar, dass Verbrechen während eines Krieges nicht mit den Verbrechen in Friedenszeiten verglichen werden können."
ach so, dann erklär uns doch bitte mal was der krieg mit dem mord an 20 Kindern im kz (zb) zu tun hatte und inwiefern der krieg diese tat schmälert.
Bluessen (29.04.2007, 13:44 Uhr)
Wer im Glashaus sitzt...
@ape62...
"besser behandeln" ist ein Komperativ und zu dem gehört eine Vergleichsgröße. Wie du aus dem Text entnehmen kannst, bezieht sich das "besser" nicht im Vergleich zur Behandlung des Naziabschaums, sondern zu seiner aktuellen Situation und da (Bsp Hafterleichterungen) wird er besser behandelt!
Erst denken dann schreiben!!
Sewas (29.04.2007, 13:28 Uhr)
@montrealer
Es geht doch darum, dass die 68er mit der Sowjetunion stark sympathisiert haben.
Einem System, in dem viel weniger Aufarbeitung der Massenmorde des Leninismus und Stalinismus betrieben wurde.
Man kann nicht auf der einen Seite das Verhalten eines Systems verurteilen und auf der anderen Seite mit einem System sympathisieren, das das selbe Verhalten nur noch viel schlimmer zeigt. Das ist unglaubwürdig und scheinheilig.
Ich schreibe auch nicht darüber, was heute in den ehemaligen Teilrepubliken der UDSSR passiert, sondern über millionenfachen Massenmord in der Sowjetunion.
Ich schreibe auch nicht, dass die Ereignisse in der UDSSR mit der deutschen Geschichte oder Verantwortung zu tun haben, sondern ich begründe damit die Verlogenheit der Linken, aber in erster Linie der 68er.
Häme wenn überhaupt habe ich gegenüber den 68ern.
Meine Kritik an der 68er/Linken als Häme gegenüber den Opfern des Holocaust auszulegen, ist mehr als gewagt.
Niemand bezweifelt, dass NS-Verbrecher teilweise nicht bestraft wurden oder sogar in hohen Ämtern waren.
Natürlich gab es Linke, die zur Bestrafung von NS-Verbrechern beigetragen haben und das ist positiv.
Aber ich rede von der Geisteshaltung der Linken insgesamt, die nicht selten den Nationalsozialismus für andere Zwecke instrumentalisiert.
Und das könnte man vielleicht teilweise als Häme gegenüber den Opfern bezeichnen. Aber mit solchen Aussagen sollte man vorsichtig sein.
montrealer (29.04.2007, 12:11 Uhr)
@sewas
Sie zweifeln mit ihrem Kommentar Sinn und Motivation der linken Bewegung zur Aufklärung der Verbrechen des Holocaust an. Darin nur einen Vorwand zu sehen ist in meinen Augen Häme für Gegner und Millionenopfer des Faschismus! Fakt ist doch einfach, dass in diesem Land Nazis und Mitbeteiligte am Massenmorden des NS-Regimes Karriere gemacht haben oder sogar, wie jüngst, geehrt wurden. Fakt ist doch einfach, dass ohne die linke Bewegung, ein Großteil der Wahrheit bis heute unter den Tisch gekehrt und ignoriert werden würde. Das ist sinnbildlich für die Scheinheiligkeit der Rechtskonservativen. Was heute in Teil-Republiken der ehemaligen UDSSR passiert mag falsch sein, hat aber nichts mit deutscher Vergangenheit und Verantwortung zu tun.
Sewas (29.04.2007, 10:01 Uhr)
Forderung nach Aufarbeitung der Naziverbrechen der Linken - was für ein Widerspruch
@Shadrakh
Sie schrieben, dass es eine der Hauptforderungen der Linken, der 68 Generation war/ist, mit der Nazivergangenheit voll abzurechnen.
Sorry, das ist lächerlich. Keine Gruppierung hat und hatte weniger das Recht diese Aufarbeitung zu fordern.
Denn gerade die Linke und die 68er hatten in vollem Umfang mit der Sowjetunion sympathisiert.
Während des Leninismus und Stalinismus wurde millionenfacher Massenmord begangen.
Und das wurde bis heute nicht aufgearbeitet. Im Gegenteil, in jeder größeren weißrussischen und russischen Stadt stehen die Statuen
des Massenmörders Lenin.
Also wer misst mit zweierlei Maß.
Die Forderung der Linken nach der Aufarbeitung der Nazivergangenheit war und ist immer ein Vorwand für andere Ziele.
Sewas (29.04.2007, 09:33 Uhr)
Äpfel mit Birnen vergleichen
Ohne die Verbrechen des 2.Weltkrieges beschönigen zu wollen, ist doch klar, dass Verbrechen während eines Krieges nicht mit den Verbrechen in Friedenszeiten verglichen werden können.
ape62 (29.04.2007, 02:09 Uhr)
@bluessen
"2. Sind die Beispiele zwar richtig und die Reaktionen, bzw. nicht Reaktionen darauf abartig, sind aber denoch keine Argumentation dafür Klar besser zubehandeln"
wie "besser behandeln"??? kannst du nicht lesen? ER WIRD SCHLECHTER BEHANDELT!
Tommes1000 (28.04.2007, 21:01 Uhr)
Vielen Dank für diese ehrlichen Artikel, stern.de!
Hallo stern.de,
vielen Dank für diesen ehrlichen und die Realität beschreibenden Artikel!
inmate1212 (28.04.2007, 20:16 Uhr)
Jetzt werden echt Opfer geschädet
Also ich finde diesen Vergleich mehr als Geschmacklos, weil das einzige was dieser Artikel bewirken soll ist doch auf unsere böse böse Vergangenheit schauen zu lassen. Eine Vergleich zwischen der RAF und dem 3. Reich ist ein Vergleich wie zwischen Äpfeln und Birnen. Mann könne dann auch fragen warum wir Cäser nicht auch schon früher hingerichtet haben. Die RAF hat Geschichtlich nichts mit dem 3. Reich zu tun, auch die Taten lassen sich nicht vergleichen, da es auf der einen Seite Taten waren die von der Bevölkerung gewußt und tolleriet worden sind. Während die RAF sich einen Scheiß um Zivilisten gemacht hat.
Die RAF ist einfach eine verlogene Mörderbande, die keine Gnade verdient hat.
Meinungsbild (28.04.2007, 19:50 Uhr)
Wenn Klar ein Nazi gewesen wäre, hätte er am Strang enden können.
Oder er hätte wie Rudolph Heß bis zu seinem Lebensende im Gefängnis bleiben können.
Was mal wieder beweist das nicht alles was hinkt ein Vergleich ist.
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