12. Februar 2012, 20:50 Uhr

Sauerland mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt

Das Votum war eindeutig: Duisburgs OB Adolf Sauerland muss wegen der Loveparade-Katastrophe vorzeitig seinen Platz räumen. Die Stadt hofft jetzt, ihre innere Spaltung zu überwinden. Von Frank Gerstenberg, Duisburg

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Geschafft! Nach Bekanntgabe der Abwahl Sauerlands jubeln viele Duisburger©

Um 19.30 Uhr drangen die ersten Freudengesänge in den ersten Stock des Duisburger Rathauses. Als Stadtdirektor Peter Greulich um 19.37 Uhr das vorläufige Ergebnis verkündete, brach lauter Jubel aus. Vor dem bisherigen Amtssitz von Adolf Sauerland gingen Raketen in die Luft, die Duisburger klatschten, pfiffen und fielen sich in die Arme. Autokorsi bildeten sich, "Danke"-Plakate wurden in die Luft gereckt.

Der Grund: Adolf Sauerland (CDU) ist nicht mehr Oberbürgermeister der Stadt. 129.833 Duisburger wählten an diesem Sonntag ihr 56-jähriges Stadtoberhaupt per Bürgerenscheid ab. 35,5 Prozent aller 365.000 wahlberechtigten Duisburger ab 16 Jahren zogen Sauerland damit für die Katastrophe der Loveparade vom 24. Juli 2010 mit 21 Toten und 500 Verletzten zur Verantwortung. Genügt hätten bereits 91.250 Stimmen (25 Prozent aller Wahlberechtigten), sofern nicht genauso viele Bürger für Sauerland gestimmt hätten. Dies war jedoch nicht der Fall. Die Wahlbeteiligung lag nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis bei 41,6 Prozent. Das endgültige Ergebnis wird am kommenden Mittwoch bekannt gegeben, das vorläufige gilt unter den Duisburgern aber bereits als Sensation.

Die Opposition und viele Duisburger hoffen, dass die Abwahl Sauerlands zum Befreiungsschlag wird: "Wir sind erleichtert, weil jetzt ein Neuanfang möglich ist", sagt Rainer Bischof, 53, Regionalvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und Duisburger SPD-Abgeordneter im nordrhein-westfälischen Landtag im Gespräch mit stern.de. Auf die Stadt komme viel Arbeit zu: "Wir müssen Gräben zuschütten, Duisburg ist durch die Loveparade traumatisiert und durch das Verhalten des Bürgermeisters polarisiert." CDU-Politiker waren an diesem geschichtsträchtigen Abend im Duisburger Rathaus nicht zu ersehen. Sie sollen sich an einem "geheimen" Ort getroffen haben.

"Ich akzeptiere das Wahlergebnis"

Allein Adolf Sauerland hatte die Courage, sich zu stellen. Um 20.05 Uhr bahnt er sich einen Weg durch Menschen, die ihn vor dem Rathaus teils mit hämischen Gesängen empfingen. Nach seiner Abwahl tritt der kleine dicke Mann, der seit der Loveparade zwei Konfektionsgrößen zugelegt hat, mit dem wie immer sauber ausrasierten Kinnbart im dunkelblauen Anzug vor die Kameras und Mikrophone, äußert sich überrascht über das Ergebnis und sagt mit belegter, stockender Stimme: "Ich akzeptiere das Wahlergebnis. Ich bedaure, dass es bei allen Erfolgen, die wir vorzuweisen haben, zu diesem Ergebnis gekommen ist. Es gab viele positive Momente in meiner Amtszeit, aber es gab eben auch die Loveparade. Damit werde ich leben müssen."

Die Journalisten, die Ratsmitglieder und die vielen anderen Teilnehmer der Pressekonferenz halten inne, als Sauerland Tränen in die Augen schießen und er erklärt: "Ich war gerne Oberbürgermeister, ich habe das Amt mit Herzblut und Leidenschaft Leidenschaft ausgeführt. Ich hoffe, dass die politischen Parteien die Kraft finden, aufeinander zuzugehen. Am Mittwoch werde ich meinen Platz räumen. Gott schütze diese Stadt." In eigener Sache fand Sauerland in diesem Moment das Gefühl, das er für viele Duisburger nach der Katastrophe vermissen ließ. Zaghafter Applaus war die Reaktion im Publikum. Ein gebrochener Mann.

Das gab es noch nie in NRW

Der einstige Berufsschullehrer Adolf Sauerland ist der erste Bürgermeister in der 63-jährigen Geschichte Nordrhein-Westfalens, der durch ein Bürgerbegehren sein Amt verloren hat. Der vierfache Familienvater Adolf Sauerland war seit 2004 im Amt. Bei vielen Duisburgern galt der hemdsärmelige Kommunalpolitiker lange als Macher, der nah an den Menschen und sich für kein Schützenfest und kein Jubiläum zu schade war, gleichzeitig aber auch wichtige städtische Projekte wie den Ausbau der Innenstadt und des Innenhafens vorantrieb. Sauerland selbst war bis zuletzt fest davon ausgegangen, dass er im Amt bleibt. Im ARD-Fernsehen hatte er noch am Sonntagmorgen gesagt: "Ich gehe davon aus, dass ich am Montag ganz normal zur Arbeit gehe."

"Normal" war seine Arbeit als OB nach dem Loveparade-Unglück am 24. Juli 2010 jedoch nie wieder. "An Normalität war in den gesamten 18 Monaten nicht zu denken", sagt die SPD-Ratsfrau Angelika Wagner. "Jeder hatte Angst eine Genehmigung zu unterschreiben, weil er befürchten musste, dass der Chef ihn im Zweifel nicht schützt." Sauerland beruft sich bis heute auf die Tatsache, dass er, der die Loveparade maßgeblich forciert hatte, ihre Genehmigung nicht unterschrieben habe. Sauerland erklärte auf eine Anfrage der SPD, dass alle Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden seien. "Danach konnten ich und viele meiner Ratskollegen diesem Bürgermeister nichts mehr glauben. Mein Vertrauen war völlig erschüttert, eine Normalität gab es an keinem Tag seit dem 24. Juli 2010", sagt Wagner.

Allein in seiner eigenen Welt

Dies zur Kenntnis zu nehmen war Sauerland offenbar nicht in der Lage. Der Menschenfreund und -fischer Sauerland, der Mann aus dem Leben und des Volkes, der Fan des MSV Duisburg, hatte sich, so sehen es viele Duisburger, von den Menschen und der Realität mehr und mehr entfernt. Er lebt in "seiner eigenen Welt", dies war auf den Plätzen und in den Fußgängerzonen Duisburgs immer wieder zu hören in den vergangenen 18 Monaten. In dieser eigenen Welt hatte er keine Genehmigung unterschrieben, hatte er keine Schuld an der Katastrophe, darin trug er wie jedes der 75 Ratsmitglieder nur zu einem Fünfundsiebzigstel Verantwortung. In dieser eigenen Welt gab es keine politische Verantwortung. In dieser eigenen Welt wollte er den Duisburgern beweisen, dass er an der Katastrophe nicht schuld war und fand so ein Jahr lang kein Wort der Entschuldigung für die Opfer und deren Angehörigen. Und in dieser eigenen Welt endete die Zuständigkeit der Stadt vor den Toren des Veranstaltungsgeländes, obwohl die Stadt das Sicherheitskonzept des Veranstalters Lopavent genehmigt hatte.

Sein Verhalten nach der Loveparade und nicht die Katastrophe selbst war es, das Sauerland schließlich zu Fall brachte. Bei der Pressekonferenz kurz nach der Tragödie am 25. Juli sitzt der erste Mann der Stadt wie entrückt auf dem Podium, liest gestanzte Floskeln ab und versteigt sich obendrein zu einer Schelte gegen die Besucher der Mammut-Techno-Party, die Sauerland allen Sicherheitsbedenken und Warnungen der Duisburger zum Trotz unbedingt in seiner Stadt haben wollte. Die Pressekonferenz ist der Auslöser der Anti-Sauerland-Bewegung.

Ein Abwahlantrag der Duisburger Opposition aus SPD, FDP und Linken im September 2010 scheitert noch an der Zweidrittelmehrheit im Stadtrat. Sauerland sagt damals, er wolle an der Aufklärung des Unglücks in seiner Funktion als Oberbürgermeister mitwirken, obwohl dies allein Angelegenheit der Staatsanwaltschaft ist, die inzwischen gegen 17 Beschuldigte ermittelt. Sauerland erhält in den Monaten nach der Loveparade Morddrohungen, der OB versteckt sich und seine Familie in seinem Ferienhaus im 160 Kilometer entfernten Rothaargebirge. Öffentliche Auftritte werden von Trillerpfeif-Konzerten begleitet, Sauerland wird bei der Einweihung eines Marktplatzes in Rheinhausen von oben bis unten mit Ketchup bespritzt. Weder bei der Trauerfeier im MSV-Stadion noch bei der Enthüllung des Mahnmals oder bei der Jahresgedenkfeier möchte ihn irgendjemand dabei haben.

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