Was machen eigentlich ... die Piraten?

16. August 2013, 15:07 Uhr

Parteichef Schlömer argumentiert sachlich und seriös über die NSA-Affäre. Gleichzeitig albert ein Parteifreund über das permanente Chaos. Zwei Welten, eine Partei. Von Katharina Grimm

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Piratenchef Bernd Schlömer bei der Pressekonferenz am Freitag: ganz seriös.©

Das Café in Berlin-Mitte ist gut gefüllt. In den ersten sechs Reihen hat es sich das Bildungsbürgertum gemütlich gemacht. An diesem Donnerstagabend will Uwe Wilhelm, Mitglied der Piraten, mit seiner Partei so richtig aufräumen. Er will erklären, wie "man eine Partei erfolgreich versenkt" – am Beispiel des ewigen Zanks unter den Politikneulingen. Und es stimmt ja auch: Die Piraten sind berüchtigt dafür, sich öffentlich, ungeniert und nach allen Regeln der Kunst zu beleidigen. Oder eine Frauendiskriminierung an den Tag zu legen, die eigentlich seit Jahrzehnten ausgestorben sein sollte. Es versprich also, ein bunter Abend zu werden.

Ortswechsel. Parteichef Bernd Schlömer begrüßt am Freitagvormittag die Presse zu einer Wahlkampfveranstaltung über Transparenz und Bürgerbeteiligung. Schlömer fordert, sämtliche Nebeneinkünfte von Politikern offenzulegen. Außerdem kritisiert er die Debatte zur NSA-Affäre. Die großen Parteien hätten sich lediglich eine Empörungsschlacht geliefert, aber keine konstruktiven Vorschläge präsentiert. Die Kompetenz für dieses Thema liege bei den Piraten, das sehe auch die Öffentlichkeit so. Schlömer wirkt gut vorbereitet, sein Vortrag ist klar, die Veranstaltung seriös. Zwar stehen in der Wahlkampfzentrale der Piraten überall Kisten mit Flyern und Plakaten herum, die Presse hockt auf Klappstühlen aus Plastik. Aber Schlömer scheint weit entfernt vom viel kritisierten Chaos der vergangenen Jahre. Wächst die Partei aus den Kinderschuhen?

Gefakte Wahlplakate

Zurück ins Café. Uwe Wilhelm liest aus seinem Buch vor, das er über die Piraten geschrieben hat. Sein Stil ist verschwurbelt, das Zuhören anstrengend. Inhaltlich tischt Wilhelm den Anwesenden private Anekdötchen aus dem Piratenalltag auf. Über langatmige Abstimmungsprozeduren. Über Anträge, die "Heul doch" quittiert wurden. Das Publikum lächelt milde, gelacht wird selten. Erst als daraußen am Fenster Gestalten mit schwarzen Kapuzenpullovern gefälschte Wahlplakate hochhalten, wird es munter. Darauf stehen Sätze wie "Wilhelm, dein bedingungsloses Grundeinkommen kannst du vergessen" oder auch "Piraten brauchen keinen Wilhelm, Piraten versenken sich selbst". Ist das eine Demo der Piraten gegen das Buch? Ist es nicht: Die Plakate standen hinter der Tür am Eingang parat, die Kapuzen-Jungs lungern später an der Bar. Wilhelm ist Drehbuchautor, vielleicht daher der Hang zur Inszenierung. Immerhin: Die Lesung ist unterbrochen, es darf gelacht werden.

Zurück zu Schlömer. Der beantwortet inzwischen brav die Fragen der Journalisten. Die NSA-Affäre habe ja keinerlei Effekt gehabt auf die Umfrageergebnisse der Piraten. Zwischen zwei und Drei Prozent erwarten die Wahlforscher aktuell. Schlömer antwortet sachlich: Durch den NSA-Skandal habe die Politikverdrossenheit zugenommen. Er hoffe, dass viele Menschen zu Wahl gehen. Die Piraten seien eine Partei der klassischen Wechselwähler - das Wort Protestwähler vermeidet er. Der schleppende Wahlkampf sei von Angela Merkel so gewollt. Ohne Inhalte sei es schwer für andere Parteien, Angriffspunkte zu finden. Die SPD müsse daran wohl verzweifeln, die Piraten würden dennoch punkten. Erstaunlich: Wo sind die rotzig, schnoddrigen Antworten aus den Anfangszeiten der Piraten geblieben?

Politik mit Humor

Wilhelm hat inzwischen den selbsternannten "Parteienforscher" Groucho Clausewitch, anscheinend eine Wortkreation aus preußischem General und amerikanischem Filmkomiker, zu sich nach vorne geholt. Der stammelt und stottert sich durch die verbale Choreografie, Fremdschämen setzt spätestens jetzt ein. Wenn ein Witz nicht zündet, wird es albern. Wenn man dann weitermacht und immer noch keiner lacht, ist man wohl bei der Basis der Piraten abgekommen.

Bernd Schlömer lacht. Ob das Buch ihn störe? "Politik muss man mit Humor nehmen", sagt er. Inhalte müssten ernsthaft diskutiert werden. "Aber man muss sich selbst nicht so ernst nehmen." Er wollte eigentlich auch zur Buch-Lesung kommen, habe sich dann aber dagegen entschieden. Sehr bewusst, so scheint es.

 
 
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