"Satz mit fatalem Beigeschmack"

3. August 2011, 08:44 Uhr

Mit einem Nazi-Zitat bei der Präsentation des Stresstests zu Stuttgart 21 hat heiner Geißler für Kopfschütteln und Unverständnis gesorgt. Eine Presseschau.

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Als Schlichter sollte Heiner Geißler in Stuttgart fungieren und das umstrittene Bahnprojekt zu einer friedlichen Lösung führen. Seinen Kompromissvorschlag, eine Mischung aus Tief- und Kopfbahnhof, müssen sowohl Befürworter als auch Gegner von Stuttgart 21 erst einmal verdauen. Ebenso wie sein Goebbels-Zitat.

"Braunschweiger Zeitung":

Geißlers Erklärungen sind peinlich. Ihm ist ein Satz mit fatalem Beigeschmack herausgerutscht - und es reichte aus, das in einem Nebensatz auszuräumen. Dass Geißler attackiert, wirkt wie eine persönliche Sondereinlage zur Auseinandersetzung um das Milliardenprojekt in Stuttgart: Er selbst, der Schlichter, mag auch nicht einlenken, obwohl er das ohne Souveränitätsverlust tun könnte.

"Rhein-Zeitung" (Koblenz/Mainz):

Nur wer gegen Stuttgart 21 ist, der ist einer von den Guten - so simpel scheint die Argumentation der Gegner. Und es bleibt die berechtigte Furcht, dass an diesem Widerstand auch ein verlorener Volksentscheid nichts ändern würde. Also: Bevor man über Heiner Geißler herfällt, wäre vielleicht ein Test der eigenen Demokratiefähigkeit vonnöten. Geißler hat angesichts dieser aggressiven Stimmung die Nerven verloren und die absolut falschen Worte für eine richtige Erkenntnis gewählt: Stuttgart wird mit schlimmen Wunden aus diesem Konflikt um den Tiefbahnhof hervorgehen, wenn bei den Kontrahenten nicht endlich der Wille zur Lösung wächst. Und zwar auch aufseiten der Gegner.

"Rhein-Neckar-Zeitung":

Neben seinem verbalen Fehltritt macht dem Schlichter aber ein anderer Umstand weitaus mehr zu schaffen: Er ist längst Partei geworden. Gegen die Bahn, gegen die alte Allianz aus CDU, FDP und SPD, die den Renommierbahnhof 21 mit allen erdenklichen Mitteln und notfalls auch gegen jede wirtschaftliche Vernunft durchdrücken wollen. Nur: Die Erkenntnis rechtfertigt es noch lange nicht, geschmacklose Zitate in die Welt hinauszuposaunen.

"Landeszeitung" (Lüneburg):

Heute ist eine derartige gedankliche und sprachliche Unschärfe sehr viel schädlicher als zu Geißlers Zeiten als CDU-"General". Sie zeigt, dass zunehmender zeitlicher Abstand dazu verleitet, die Geschichte nicht als Kathedrale der Erkenntnisse zu ehren, sondern als bloßen Steinbruch für Argumente zu benutzen. Dabei verrutschen die Maßstäbe ins Groteske. In Stuttgart geht es um ein Verkehrsprojekt von regionaler Bedeutung, nicht um den Moloch Krieg. Doch Geißler hat die Begriffsverwirrung nicht gepachtet, nennen die Projektgegner den Bahnhofsvorplatz doch "Platz des Himmlischen Friedens". Nur, dass sie nicht unter Einsatz ihres Lebens für die Demokratie kämpfen. Wer Begriffe derart verzerrt, verhöhnt die Opfer.

hw/DPA/AFP
 
 
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