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Inszenierung eines Chaoten

Das Buch von Karl-Theodor zu Guttenberg ist vor allem eins: dreist. "KT" erweist sich als narzisstische Persönlichkeit, frei von Scham- und Schuldgefühl. Eine Psychoanalyse unseres Gastautors

Hans-Jürgen Wirth

  Brille und Gel sind weg, die Selbstsicherheit ist geblieben

Brille und Gel sind weg, die Selbstsicherheit ist geblieben

Uns liegt das Dokument einer an Dreistigkeit kaum zu überbietenden Selbstinszenierung vor. Was bei besonders durchsetzungsfähigen Persönlichkeiten als Chuzpe imponiert, kommt hier als schier unglaubliche Unverschämtheit und Unverfrorenheit daher. Guttenberg erweist sich als eine narzisstische Persönlichkeit, die von ihrer eigenen Großartigkeit und Einzigartigkeit so sehr überzeugt ist, dass sie sich von so "lästigen" Hemmungen wie Scham- und Schuldgefühlen befreit hat.

Hochmut kommt nach dem Fall

Irgendwie kann man ihn ja fast bewundern, den ehemaligen Verteidigungsminister Freiherr Karl-Theodor von und zu Guttenberg. Mit welcher Frechheit er sich nur neun Monate nach seiner blamablen Demontage, vor Selbstbewusstsein strotzend und voll von Plänen für seine politische Zukunft, Fragen des Interviewers stellt. In scheinbarer Offenheit spricht der Autor sein eigenes Scheitern an, relativiert dieses aber sofort durch den Zusatz der Vorläufigkeit. In der Hauptsache kündigt er an, dass mit ihm noch zu rechnen sei. Fast scheint es, als wolle Guttenberg die alte Lebensweisheit "Hochmut kommt vor dem Fall", die sein politisches und persönliches Schicksal so treffend charakterisiert, widerlegen und stattdessen beweisen, dass auf einen tiefen Fall auch eine phänomenale Wiederauferstehung folgen kann. Guttenberg präsentiert sich als Stehaufmännchen, das sich auch durch die schlimmsten Niederlagen nicht unterkriegen lässt. Diese Eigenschaften bewundern seine Fans an ihm. Seine demonstrativ zur Schau gestellte Selbstgewissheit und seine Siegermentalität ließen ihn zur Projektionsfläche für all diejenigen werden, die von Versagensängsten geplagt werden.

Selbstbeschädigung als Schutzschild

Doch wie hat er seine katastrophale persönliche Niederlage, sein politisches Scheitern psychologisch verarbeitet? Wie ist er mit den Schuld- und Schamgefühlen fertig geworden? "In aller Offenheit" gesteht Guttenberg zwar die Ungeheuerlichkeit seines "Fehlers" ein, lässt aber den Schaden, den er damit für andere – für die bestohlenen Wissenschaftler, für seinen Doktorvater und die Universität, für das Amt des Ministers, für seine eigene Partei, für das Ansehen der Regierung und der Politik im allgemeinen – verursacht hat, völlig außer Acht. Er bedauert nur die Nachteile, die er sich mit der "größten Dummheit" seines Lebens selbst zugefügt hat. Diese Gewichtung drückt aus, dass er eigentlich nur die Folgen seines fehlerhaften Verhaltens für sich selbst bedauert, nicht aber die Tat selbst. Von Reue ist ohnehin nicht die Rede. Seine Gedanken kreisen vor allem darum, was er alles selbst erleiden musste.

Zugleich trägt er die Selbstschädigung wie einen Schutzschild vor sich her. Er präsentiert sich als Hauptleidtragender, der von ihm selbst verschuldeten Misere. Er will damit Mitleid, Nachsicht und letztlich den Freispruch von dem zentralen Vorwurf der absichtsvollen Fälschung erreichen. Guttenberg verfolgt eine heikle Strategie der offensiven Selbstanklage, um seine persönliche Verantwortung zu vernebeln. Indem er seine eigene Arbeitsweise als "unkoordiniert" und seine Promotion als "Patchworkarbeit" entwertet, entwirft von sich das Bild eines spätpubertären Chaoten, der aufgrund von Überlastungen den Überblick über seine "auf mindestens 80 verschiedenen Datenträger" abgespeicherten Promotion verloren habe. Will er mit dieser Selbstanklage Mitleid oder Sympathie erheischen, weil die Tendenz zur chaotischen Unordnung vielen Menschen gut einfühlbar ist? Jedenfalls inszeniert sich Guttenberg als Opfer seiner eigenen chaotischen Arbeitsweise und seiner durch seine politischen Ämter bedingten (d. h. fremdverschuldeten) Überlastung.

Rechtfertigungen wie ein Schuljunge

Guttenberg greift zu Rechtfertigungen auf Schüler-Niveau, nach dem Motto: Aus der offensichtlichen Tatsache, dass ich mich saudoof angestellt habe und doch klar war, dass ein solches Abschreiben entdeckt werden musste, ist zwangsläufig zu folgern, dass ich es nicht absichtlich getan haben kann. Auch seine Kritiker würden ja sagen: "Wenn der Mann einen Rest an Intelligenz hat, dann hätte er anders getäuscht." Da seine Intelligenz über jeden Zweifel erhaben ist, kann er wohl nicht absichtlich getäuscht haben. Das ist eine Logik, die man selbst Dreizehnjährigen nicht durchgehen lässt.

Natürlich beschädigt er sich mit einer solch unhaltbaren Rechtfertigungsstrategie in anderer Hinsicht: Kann man einem solchen Chaoten vertrauensvoll die Verantwortung für schwerwiegende und folgenreiche politische Entscheidungen übertragen?

Keine Spur von Schuldgefühl

Die offensiv vorgetragenen Selbstanschuldigungen betreffen nur einen Teilaspekt und sollen von seinem eigentlich, seinem moralischen Versagen ablenken. Letztlich fühlt sich Guttenberg nicht schuldig. In dem ganzen langen Interview kommen an keiner einzigen Stelle die Worte Schuldgefühl oder Schamgefühl vor, obwohl doch Schuld und Scham die zentralen Gefühlsreaktionen auf eine solch demütigende Demontage darstellen müssten. Die gebetsmühlenartig wiederholte Selbstbezichtigung, er habe eine "unglaubliche Dummheit" begangen, soll vom eigentlichen Problem ablenken, denn für Dummheit ist man nur begrenzt selbst verantwortlich. Nun kann man Guttenberg alle möglichen Schwächen ankreiden, aber sicherlich nicht mangelnde Intelligenz. Warum aber versteckt sich der hyperintelligente und kognitiv agile Guttenberg hinter dem falschen Etikett Dummheit? Oder enthält die Rede von der Dummheit doch ein Körnchen Wahrheit? Guttenberg ist keinesfalls dumm – aber dummdreist könnte man es schon nennen. Sein Schummeln ist dreist und dumm zugleich. Es ist seine Dreistigkeit, d. h. seine Unverschämtheit, sprich seine Schamlosigkeit, die es ihm erlaubt, so intensiv zu glauben, dass er nicht erwischt werden kann. Er wähnt sich so über den Dingen stehend, dass man ihm nichts anhaben kann. So gelingt es ihm, die Möglichkeit, beim Abschreiben erwischt zu werden, vollständig auszublenden.

Hauptsache Charisma

Ein Problem bei Guttenberg ist, dass man nie genau weiß, was er wirklich denkt, was wirklich seine tiefsten Überzeugungen sind, für die er steht. Er behauptet zwar, solche zu haben, und wenn er dann eine solche Überzeugung äußert, mag sie auch ganz plausibel klingen – trotzdem wird man beim Lesen des Interviews das Gefühl nicht los, dass man doch nicht so recht weiß, was er wirklich denkt, ob das, was er von sich gibt, authentisch ist. Sein wahres, sein authentisches Selbst ist einfach nicht zu fassen. Machtpolitiker ändern zwar auch ihre Meinung, wenn es ihnen für den eigenen Machterhalt dienlich erscheint. Aber bei Machtpolitikern kann man sich zumindest darauf verlassen, dass ihre absolute Ausrichtung auf den eigenen Machterhalt und ihre Überzeugung, dass dies etwas Gutes nicht nur für sie selbst, sondern auch für die Gesellschaft sei, zu ihren festen Grundüberzeugungen gehört. Selbst das ist bei Guttenberg nicht der Fall. Er hat sogar zur Macht ein spielerisches Verhältnis. Noch wichtiger als die Macht ist ihm seine charismatische Ausstrahlung. Obwohl er während des gesamten Interviews seine Arroganz zu zügeln weiß, bricht beim Thema Charisma seine ganze Verachtung für die politische Klasse, seine eigenen Parteifreunde eingeschlossen, aus ihm heraus. Mit spöttischer Herablassung formuliert er genüsslich, es gebe "jedenfalls keine Inflation der Charismatiker", womit er wohl im Klartext sagen will, dass er sich für den einzigen Charismatiker weit und breit hält.

Guttenberg hat viele Talente. Er ist – auch nach eigener Einschätzung – ein Generalist. Er kann ebenso in einem Bierzelt die Menschen mit einer Rede von den Bänken reißen, als auch in einem Think-Tank als geistreicher Denker brillieren. Er kann Verteidigungsminister genauso gut wie er Talk-Master in einer Fernsehshow sein könnte. Politikerpersönlichkeiten wie Kohl, Schmidt, Schröder, Fischer sind wortgewaltige Redner und anregende Gäste in einer Talkshow, aber sie wären keine Talk-Master. Guttenberg schon. Er verfügt über ein Charisma, dass das Publikum mitreißt und begeistert. Er hat feine Antennen dafür entwickelt, was sein Publikum von ihm erwartet. Er ist in der Lage, sich jeweils sensibel auf das ganz spezifische Publikum einzustellen. Eben diese Fähigkeit macht ihn so beliebt. Zugleich macht sie ihn abhängig von dem ständig wechselnden Publikum. Allzu leicht kann offenkundig werden, wie gering seine eigene Substanz wirklich ist. Er kann letztlich weniger führen, als dass er vom Publikum geführt wird.

Der Mann ohne Gefühle

Guttenberg bezeichnet sich selbst als "gezeichnet", ja sogar ein wenig "traumatisiert" von den Ereignissen der letzten zwei Jahre. Wobei er dann gleich wieder die Angst äußert, dies könne ihm als Relativierung der viel schlimmeren Traumatisierung, der die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan ausgesetzt sind, angekreidet werden. Guttenberg spricht sehr distanziert über sich selbst, sogar dann noch, wenn es scheinbar ans Eingemachte geht. "Traumatisiert" ist eine Diagnose und "gezeichnet" ist eine pathetische Phrase. Was Guttenberg nicht kann und in dem ganzen Interview an keiner einzigen Stelle tut, ist das Zulassen von Gefühlen. Jeder Mensch muss im Laufe seines Lebens die Erfahrung des Scheiterns machen. Und dann fühlt man tiefe Verzweiflung, entsetzliche Scham, bodenlose Niedergeschlagenheit, auch ohnmächtige Wut auf andere und auf sich selbst. Aber nichts davon taucht in dem Interview auf. Es ist geradezu so, als ob Guttenberg alles daran setzen würde, diese Gefühle zu vermeiden und nicht empfinden zu müssen.

Fehlende Selbstreflexion

Guttenberg hat all die Kritiken über ihn, auch die hämischen und verletzenden, sehr wohl zur Kenntnis genommen. Er hat sie soweit verarbeitet, dass er sie zitieren und sogar vorwegnehmend selbst formulieren kann. Dies stellt in gewisser Weise eine Ich-Leistung dar. Aber sein Umgang mit diesen Kränkungen ist doch eher ein technischer, ein strategischer. Guttenberg ist immer auf der Hut, will erneuten Angriffen und Kränkungen ausweichen, indem er sie schon vorher einkalkuliert und ihnen pariert. Aber er hat die Anwürfe gegen ihn, die Kritik, die ihm um die Ohren geflogen ist, nicht wirklich auf einer emotionalen Ebene an sich herangelassen. Er hat sie nicht auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft und sich auf den schmerzlichen Trauerprozess eingelassen, dass ein Teil dieser Kritik zutreffend ist. Wie es seinem Charakter und seiner Konfliktverarbeitungs-Strategie entspricht, prescht er jetzt wieder nach vorne, stellt sich wieder ins Rampenlicht, testet ein mögliches Comeback, probiert aus, präsentiert sich in verschiedenen Posen – sei es als teils reuiger, teils selbstbewusster Sünder, sei es als Charismatiker der Zukunft.

Guttenberg wäre ein intensiver Prozess der Trauerarbeit und der Selbstreflexion – vielleicht mit Hilfe eines Psychoanalytikers – zu wünschen, in dem er von seinen Grandiositätsphantasien Abschied nehmen könnte. Er würde dabei erfahren, wie das Zulassen und Durcharbeiten von Gefühlen der Verzweiflung, der Beschämung, der Ohnmacht zu einem tieferen Verständnis seiner selbst führen kann – aber auch zu einem veränderten Verhältnis zur Politik.

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