Plötzlich reden die letzten Kinder der DDR über das Trauma ihrer Herkunft, grausame Erlebnisse im Westen - und wie sehr sie das bis heute prägt. Besuch einer Selbsthilfegruppe. Von Holger Witzel

Ostdeutsche Selbsthilfegruppe: Anfang Juli trafen sich Ostdeutsche der dritten Generation in Berlin, um über ihre Identitäts-Probleme zu sprechen© 3te Generation Ostdeutschland/Ronny Keller
Anja (*) wurde gleich 1990 nach Krefeld verschleppt. Sie war noch ein Kind, niemand hatte sie gefragt. Das wird schon, hieß es immer, sie werde auch dort Freunde finden. Aber so richtig wurde es nie. "Heute", sagt Anja, 28, "fühle ich mich hier wie da fremd."
Die Eltern von Ben, 32, blieben in Halle, verloren erst ihre Arbeit, dann ihr Haus und schließlich ihre Liebe. Für den damals 10jährigen ging mit der DDR praktisch auch die heile Familienwelt unter. Theoretisch kann er das heute sogar trennen. "Aber wenn man so will", sagt er, "bin ich auch ein Wende-Opfer."
Conny, 30, verbindet mit der Zeit vor allem Gorbatschow - so stand es immer auf den Flaschen, die sie für Papa zum Glas-Container trug, bis es keine einprägsamen Marken mehr waren. Felix sagt zu Westdeutschen bis heute, er stamme aus Kassel, um das Thema ganz oder wenigstens dumme Fragen nach einer Kindheit in Cottbus zu vermeiden.
Und eigentlich wollte ich zunächst auch gar nichts über diese bis zur Selbstverleugnung traurigen Schicksale schreiben. Kassel - also wirklich!
Zu intim schienen mir die Geschichten, die etwa hundert junge Leute Anfang Juli in Berlin miteinander teilten. Die zwischen 1975 und 1985 geboren und ab 1990 in einem völlig anderen Land erwachsen, ausgebildet und - nun ja, auch dieses Wort fiel - "umerzogen" wurden. Die nicht jammerten, aber auch keine Tränen scheuten, dass sie sich 20 Jahre einreden ließen, das spiele alles keine Rolle mehr. Sie seien doch viel zu jung, zu gesamtdeutsch, ja global sozialisiert, hatten sie von völlig ahnungslosen, aber auch den eigenen Leuten immer gehört. Nun staunten sie selbst, wie vielen anderen es damit ebenfalls anders ging. Was sie Konferenz nannten, wirkte oft wie eine Selbsthilfegruppe, ein Treffen von Heimatvertriebenen oder entwurzelten Immigranten-Kindern. Und das, dachte ich, geht nun wirklich keinen etwas an. Schon gar nicht Westdeutsche.
Ein "Team" aus jungen Politik- und Kommunikationswissenschaftlern hatte dazu eingeladen, nachdem ihnen aufgefallen war, dass in den Talkshows zum 20jährigen Einheitsjubiläum im Herbst 2010 fast immer nur Westdeutsche über Ostdeutsche redeten. Folgerichtig ließen sie sich auch erstmal von einem Professor aus Bremen die gemischten Gefühle der
Selbstironischer hätte die gleichnamige Veranstaltung kaum beginnen können. Wie gewohnt lauschten alle brav den mitfühlenden Worten eines Besserwissers, bis sie in kleinen Arbeitsgruppen erstmals eigene Worte dafür fanden - "wir" und "uns" vor allem, aber ebenso häufig, wenn auch noch etwas unsicher "irgendwie" und "eigentlich".
"Wir sind irgendwie anders." Das haben "eigentlich" alle immer gespürt. "Trotzdem habe ich mein halbes Lebens damit verbracht, das irgendwie loszuwerden", bekennt eine Berlinerin - eine echte, wie sie anfügt, "also Ost-Berlin". Für einen jungen Mann, der dafür extra aus dem süddeutschen Westen anreiste, "war es schon ein Coming-out", als er nur von der Tagung hörte. "Eigentlich" - auch wenn das an diesen drei Tagen noch keiner so klar formuliert - sind die meisten da, um endlich mal "Schnauze Wessi" zu sagen.
Vielleicht ist so eine Veranstaltung mit "Impulsvorträgen, Panels und Workshops" dafür zu akademisch. Vielleicht war auch das Collegium Hungaricum, so etwas wie das ungarische Goethe-Institut in Berlin-Mitte, nur der scheinbar passende Ort. Gleich um die Ecke wohnt die ostdeutsche Kanzlerin, am anderen Spreeufer gruseln sich Touristen im DDR-Museum. Und natürlich ist allen der schmale Grad bewusst, über den sie hier drei Tage balancieren: Wie Menschen mit einer Behinderung wollen sie nicht mehr anders wahrgenommen werden, aber legen sehr wohl Wert darauf, anders zu sein - nur eben anders. Und umso länger ich ihnen zuhöre, desto bewusster wird mir die eigene, fast westdeutsche Ignoranz.
Nicht mal ich wusste, was auch heute um die 30jährige bei diesem Thema noch an biografischem Gepäck mit sich rumschleppen, an mentalen Komplexen und komplexen Mentalitäten. Was für Muster allein die Verunsicherung ihrer Eltern hinterließ, die von Freiheit geträumt, aber oft nur Freizeit bekommen hatten, und bei dem, was man den Start ins Leben nennt, auch kaum helfen konnten. Ohne Geld, die nun nötige Erfahrung oder weil sie mit sich zu tun hatten.
Ihre Kinder plapperten noch das Gelöbnis der Jungpioniere nach, als die Lehrer plötzlich nicht mehr vom Klassenfeind reden, sondern in dessen Schuldienst übernommen werden wollten. In Ausbildung und Studium war dann statt Zurückhaltung und Gleichschritt auf einmal nur noch das gefragt, was Westdeutsche für Selbstbewusstsein halten. Und bis mir Ronny davon erzählte, hatte ich auch keine Ahnung, was es bedeutet, ein Leben lang mit so einem Namen gezeichnet zu sein oder etwa als Mandy in München zu studieren.
Schon als Kinder in der Diaspora litten viele unter dem Stigma ihrer Herkunft. Andere berichten bis heute von beruflichen Nachteilen, weil sie gewissermaßen von Haus aus nicht so auf die Kacke hauen wie Kollegen oder Kommilitonen, die zwar meistens auch nicht mehr drauf haben, aber immer lauter und schneller so tun als ob. Trotz aller Mühe und Verrenkungen, ob sie wollten oder nicht, "blieb stets das diffuse Gefühl, drei Mal besser sein zu müssen als" - ja wer eigentlich? Selbst diese Abgrenzung fällt "irgendwie" schwer.
Westdeutsche dagegen haben - vielleicht weil sie nie Pioniere waren- das natürliche Bedürfnis, einer bestimmten Alterskohorte anzugehören und sich so kulturhistorisch aufzuwerten. Im Zweifel geben sie der eigenen Schublade Namen wie "Generation Golf" oder "Die 68er", schon damit Medien und Werbeindustrie darin jeweils die passende Musik zum aktuellen Gebissreiniger finden. Nach der "Generation X" und der zweiten oder dritten "Generation Erbschaft" treibt derzeit angeblich die "Generation Y" den Zeitgeist an - laut Spiegel "oft Einzelkinder", die als "ganzer Stolz ihrer Eltern" nie gelernt haben, sich auch mal hinten anzustellen. Für jeden Pups wurden sie gelobt, selbst wer erst zum Schulanfang auf den Kinderwagen verzichtete, bekam dafür noch eine Urkunde. "Trophy Kids" werden sie in den USA genannt und überfüttert mit Selbstwertgefühl scheinen sie genau das Gegenteil von jungen Leuten zu sein, die noch einen Kachelofen heizen können.