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Erikas Larve

Endlich wird auch Westdeutschland gegauckt: Der Mann, den die Stasi "Larve" nannte, soll das Vertrauen in die Demokratie wiederherstellen. Schade drum - um beide. Ein Maskenball.

Von Holger Witzel

  Nur einer kann über's Wasser gehen: Joachim Gauck

Nur einer kann über's Wasser gehen: Joachim Gauck

Es war Karneval in Westdeutschland und während die katholischen Narren noch Witze über Wulff umdichteten, putschte sich in Berlin der nächste ostdeutsche Protestant an die Macht. Natürlich spielte er den Überraschten, gerührt und ungewaschen. Joachim Gauck kennt sein Kostüm und weiß, dass sie keine Wahl mehr haben außer die zweite. Eigentlich - auch da sind plötzlich alle einig - war er immer erste Wahl. Er nimmt sie vermutlich trotzdem an: Einer wie er kann nicht anders. So wie manche jedes Jahr als Cowboy gehen, würde er auch beim dritten oder zehnten Mal als Heiland der westdeutschen Demokratie bereit stehen. Schließlich hat sich auch Jesus von Huren die Füße küssen lassen.

Wie der eifernde Simon in der alten Lukasreportage musste sogar die Ober-Pharisäerin einsehen, dass jetzt nur noch einer übers Wasser gehen kann. Moderne Evangelisten in den Medien legen ihr das wahlweise als Opportunismus oder Kompromissfähigkeit aus. Manche fürchten gar eine scheinheilige Verschwörung dahinter, den Dolchstoß für die rheinische geprägte BRD oder - schlimmer noch - den endgültigen Beitritt ihres moralisch abgewirtschafteten Landes zum Geltungsbereich ostdeutscher Grundwerte. Aber keine Sorge, das sieht nur so aus. In Wahrheit ist es gegen das, was der Westen noch an Glaubwürdigkeit zu bieten hat, keine Kunst ein Gauck zu sein. Und außerdem - wie gesagt - Fasching.

Jubeln fürs kleinere Übel

Was gehört schon dazu, souveräner zu wirken als Wulff, ehrlicher als Guttenberg oder klüger als Ursula von der Leine? Da hätte man auch jeden andern Ostdeutschen berufen können, der eine Krawatte binden kann und den Arm zum Gruß nicht immer gleich durchstreckt. Nichts gegen Gauck oder eine Jobinitiative 70 plus. Wenn ein Erlöser erwartet wird, kann der eben auch auf einem alten Esel in die Hauptstadt reiten und alle wedeln mit Palmenzweigen. Er selbst hält es für "ein Armutszeugnis für jede große Institution, wenn sie die 70jährigen reaktivieren müsste". Das vor allem ist die Botschaft seiner Nominierung. Mit Ost oder West hat das auf den ersten Blick so wenig zu tun wie Verfassungsschutz mit Staatssicherheit. Auf den zweiten gibt es natürlich - außer vielleicht Rudi Assauer - kaum noch Westdeutsche, die reinen Herzens beteuern können, nie Paybackpunkte gesammelt zu haben. Der künftige Präsident ist das letzte Aufgebot einer Demokratie, die nur noch er selbst halbwegs glaubwürdig schätzen kann.

Vermutlich rufen Ostdeutsche auch deshalb nicht ganz so laut Hosianna: "Nur" 62 Prozent, staunen westdeutsche Zeitschrifen, sind dort für Gauck - weniger als im Westen. Der Rest kann weder hier wie da nur aus alten Stasileuten bestehen. Vielleicht bejubelt die Mehrheit - hier wie da - auch nur das kleinere Übel: Besser ein Bürger- als ein Verwaltungsrechtler. Lieber ein undurchschaubarer Mecklenburger als ein durchschaubarer Niedersachse. Womöglich fallen viele Ostler aber auch gar nicht mehr auf den politischen Maskenball rein.

Erika und die Larve

Schon die Stasi führte den Vorgang Gauck unter dem Decknamen "Larve". Obskure Quellen bringen Angela Merkel hartnäckig mit einer inoffiziellen Mitarbeiterin namens "Erika" in Verbindung. Das mag alles vergifteter Quatsch sein und "Erikas Larve" natürlich auch nur eine geschmacklose Karnevalsanspielung. Aber was weiß man schon genau, wenn man bisher nie alle Akten lesen durfte? Nach eigenen Bekundungen war die eine "selbstverständlich" in der FDJ, der andere "selbstverständlich nicht". Im Westen bewundern sie das bei der einen als "pragmatisch", bei dem anderen als "unbeugsam". DDR-Selbstverständlichkeiten verwirren sie immer noch.

Tatsächlich gehörte als Pfarrer nicht viel Mut dazu, ein bisschen gegen den Staat zu sein. Jeder Punk riskierte damals mehr. Mit etwas Instinkt konnte man sich falsche Freunde auch nach 1989 vom Hals halten, vor allem, wenn man echte hatte. Und selbst wenn Gauck als Chef der nach ihm benannten Behörde ohne Ansehen der Person Akten herausgegeben und bewertet hätte - war das nicht sein Job?

Revolution nur im Rückblick

Was ist so besonders "geradlinig" daran, die Freiheit zu lieben, wenn einer aus einem Nazi-Elternhaus stammt, sein Vater von Russen nach Sibirien verschleppt wurde und er auch als DDR-Bürger nach Belieben reisen konnte? Oder daran, sich heutzutage - nur wegen einer Geliebten im Westen - nicht gleich von seiner Ehefrau im Osten scheiden zu lassen?

Ehrlich gesagt nehme ich Gauck sein naives Gerede von Demokratie nach 20 Jahren Westen nicht mehr ab. Wenn etwas mehr davon aus DDR-Zeiten überliefert wäre, irgendein Satz im Präsens vor 1989 - nicht nur im Rückblick und aus der legendenreichen Erfahrung des "Ich-Erzählers" - dann vielleicht. So wirkt es oft wie aus dem Laienpredigerseminar, zweite Woche. Aber wenn das im Westen gut ankommt - bitteschön!

Rede-Module

Immerhin kann er etliche Sätze über die DDR nun Eins zu Eins in seine erste Präsidenten-Rede einbauen. "Ein vormodernes Partizipationsmodell sichert die Herrschaft der Mächtigen" wäre so ein passendes Modul oder das, was Gauck das "Angst-Anpassungssyndrom" nennt und spätestens seit Hartz IV auch viele Westdeutsche kuschen lässt. Gauck wird ihnen Mut machen und in ihre Bauspar-Nischen rufen: "Freiheit ist möglich!" Den eigenen Landsleuten muss er damit nicht mehr kommen, wie er an anderer Stelle einräumt: "Sie hatten das Paradies geträumt und wachten auf in Nordrhein-Westfalen." Was soll man da noch zu Menschen in Niedersachsen sagen, die jetzt "der König ist tot, es lebe der König" schreien? Oder gar "Einer für uns", wie der stern diese Woche im besten DDR-Duktus auf seinem Titel? Helau vielleicht - oder besser gleich: Schnauze Ossi!

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