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27. Oktober 2009, 18:10 Uhr
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Arm wird ärmer

Mehr Netto vom Brutto für alle - das ist das heilige Versprechen von Union und FDP. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Vor allem Geringverdiener werden bei den Regierungsplänen draufzahlen. Von Axel Hildebrand und Sönke Wiese

Schwarz-gelbe Pläne, Steuersenkungen, Krankenkassenbeiträge, Pflegeversicherung, wer zahlt

"Mehr Netto vom Brutto" hatte die FDP versprochen. Gerade für Geringverdiener wird das insgesamt wohl schwierig© Michael Gottschalk/DDP

Steht Schwarz-Gelb für eine Politik der sozialen Kälte? Dieser Vorwurf treibt Guido Westerwelle regelmäßig die Zornesröte ins Gesicht. Wer das behaupte, polterte der FDP-Chef jüngst, "dem ist in seiner Hirnverbranntheit nicht mehr zu helfen." Und er verweist auf die Wohltaten, die die Regierung für Familien und Geringverdiener plane. "Wir haben ein Herz für die kleinen Leute." Doch Kritiker sagen: Die Wahrheit sieht anders aus.

Denn ein genauerer Blick auf die Pläne der neuen Regierung zeigt, dass Geringverdiener von den schwarz-gelben Vorhaben kaum profitieren. Im Gegenteil: Am Ende könnten sie sogar noch draufzahlen, weil die Sozialabgaben voraussichtlich steigen. "Insgesamt werden durch die Abgabenerhöhungen Beschäftigte mit niedrigem Einkommen stärker belastet, als sie durch die Steuer entlastet werden", sagt Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, stern.de. Und das betrifft nicht nur eine Minderheit. Über elf Prozent der Arbeitnehmer in einem normalen Arbeitsverhältnis bekamen 2006 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes einen Niedriglohn - sie verdienen also nur zwei Drittel des Durchschnittsverdienstes.

Weil Steuern erst ab einem Jahreseinkommen von knapp 8000 Euro anfallen, haben Geringverdiener häufig keine oder nur wenige Abzüge - Steuererleichterungen greifen bei ihnen also kaum. Dagegen fallen Krankenkassen- und Pflegeversicherungsbeiträge schon ab dem ersten sozialversicherungspflichtigen Euro an - Erhöhungen betreffen hier fast jeden. Und es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass diese Abgaben und andere Belastungen unter Schwarz-Gelb steigen werden.

Beispiel Pflegeversicherung: Union und FDP wollen für alle Bürger eine private Pflegeversicherung zur Pflicht machen - zusätzlich zu den heute schon zu leistenden Abgaben. Experten schätzen die Mehrabgaben hier auf 20 bis 40 Euro pro Monat. "Das kommt nur, weil es die privaten Versicherer so wollten", kritisiert Karl Lauterbach (SPD) im Interview mit stern.de.

Beispiel Krankenversicherung: Künftig sollen allein die Versicherten mögliche Prämienerhöhungen tragen. Für Gutverdiener sind höhere Krankenkassenbeiträge weniger schlimm. "Wer mehr als 3675 Euro monatlich verdient, also über der Beitragsbemessungsgrenze, der wird von einer Erhöhung unterproportional getroffen", sagt Kristina van Deuverden, Steuerexpertin beim Institut für Wirtschaftsforschung in Halle zu stern.de.

Hingegen soll der Arbeitgeberanteil bei sieben Prozent des Bruttoeinkommens eingefroren werden. Durch diese Kostendeckelung für Arbeitgeber werden Arbeitnehmer in Zukunft kräftig draufzahlen müssen, schätzt der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen. In den nächsten Jahren würden die Ausgaben der Krankenkassen um vier oder sogar fünf Prozent pro Jahr steigen. "Wenn dann nur noch der Arbeitnehmer belastet ist, und nicht mehr die Arbeitgeber, dann werden die Prämien sicherlich um acht bis zehn Prozent steigen", sagte Wasem im ZDF. Zudem sollen später die Krankenkassenbeiträge möglicherweise komplett oder teilweise auf eine Pauschalprämie - unabhängig vom Einkommen - umgestellt werden. Die Krankenschwester würde dann genauso viel zahlen wie der leitende Angestellte.

Beispiel Müll- und Abwasserabgaben: Schwarz-Gelb will die kommunalen Müllentsorgungs- und Abwasser-Unternehmen, die bislang keine Mehrwertsteuer zahlen, demnächst auch den vollen Satz von 19 Prozent zahlen lassen. Einen Teil davon werden sie zumindest in einigen Städten an die Bürger weitergeben. Die möglichen Gebührenerhöhungen lassen sich im Einzelfall noch nicht genau abschätzen, aber der Mieterbund fürchtet Mehrkosten von jährlich bis zu 150 Euro pro Haushalt.

Selbst Unionspolitiker kritisieren die Pläne der Regierung bei Pflege- und Krankenversicherung: Das Solidaritätsprinzip käme zu kurz. "Das was im Koalitionsvertrag steht, ist mir ein bisschen zu viel FDP", sagte DGB-Vize Ingrid Sehrbrock vom Arbeitnehmer-Flügel der CDU.

Pläne könnten Wirtschaftswachstum bremsen

Dennoch werden die Parteichefs Angela Merkel (CDU) und Guido Westerwelle (FDP) nicht müde zu betonen, dass ihre Regierung für soziale Gerechtigkeit stehe. Und dabei erwähnen sie immer wieder gerne geplante Wohltaten. Wie zum Beispiel die Erhöhung des Schonvermögens für Hartz-IV-Empfänger: Das kann tatsächlich im Einzelfall eine Verbesserung der finanziellen Situation bedeuten. Nur ist die Anzahl derjenigen verschwindend gering, die in den Genuss der neuen Regelung kommen: 2009 wurden bislang nur 0,2 Prozent der Hartz-IV-Anträge wegen zu hohen Vermögens abgelehnt.

Auch bei den bereits beschlossenen Geschenken für Familien stehen die Hauptprofiteure schon fest: Es sind vor allem die Besserverdienenden. Je höher nämlich das Einkommen, desto größer ist die Steuerersparnis durch der Erhöhung des Kinderfreibetrags auf 7008 Euro. Von der Erhöhung des Kindesgeldes um 20 Euro profitieren fast alle gleichermaßen, Gutverdiener genauso wie Geringverdiener. Mit einer Ausnahme: Ausgerechnet die ärmsten Familien haben auch davon nichts: Das Kindergeld wird auf die Hartz-IV-Sätze und andere Sozialleistungen angerechnet.

Aber nicht nur aus sozialen Gründen halten Experten Steuererleichterungen bei gleichzeitigen Abgabenerhöhungen für fatal: "Das ist der falsche Weg", meint Gustav Horn. Der Wirtschaftswissenschaftler sagt, dass gerade Geringverdiener einen großen Teil ihres Einkommens in den Konsum stecken würden. Sie nun über die Abgaben stärker zur Kasse zu bitten, sei ökonomisch nicht schlau. Ein stimulierender Effekt für das Wirtschaftswachstum werde so nicht eintreten. "In der Summe sind die Pläne negativ für den Konsum", sagt Horn.

Von Axel Hildebrand und Sönke Wiese
KOMMENTARE (10 von 81)
 
raptor-xl (28.10.2009, 17:59 Uhr)
manche werden so arm...
die werden sogar zu mersten mal arbeiten müssen, damit sie über die runden kommen!

und hier ein schnell ergoogeltes beispiel:
http://www.elo-forum.org/allgemeine-fragen/41233-euro-job-abgelehnt-deswegen-sanktion.html

frage: warum für drei euro + aufstockung (steht einem dann ja zu) arbeiten gehen? zu hause ist doch schöner. die antworten der anderen user: anwalt einschalten, sozialgericht, beratungsschein abholen, wo kommen wir denn da hin, wenn wir tatsächlich was tun sollen!!!! ich habe da keine fragen mehr... genauso ists richtig: klagt eure recht auf nichtarbeit auch noch aud steuerzahlers kosten ein!!!
ganzbaf (28.10.2009, 13:36 Uhr)
Satanische Verse ;-)

"Denn wer da hat, dem wird gegeben werden,
und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat,
dem wird auch, was er hat, genommen werden.
Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus;
da wird sein Heulen und Zähneklappen."
Matthäus 25
tursu (28.10.2009, 10:05 Uhr)
CDU/CSU FDP
jetzt hört auf zu jammern. ihr wusstet doch das diese Parteien unsozial sind. Besonders die FDP. Wer wirklich gedacht hat, das diese Parteien das tun was die sagen dem ist nicht mehr zu helfen. Mehr Netto vom Brutto, das ich nicht lache. Nicht über die CDU/CSU FDP rege ich mich auf, sondern über die Bürger, die alles glauben. ich stell mir die Frage ob die sich wirklich vorher informiert haben
botoxia (28.10.2009, 09:48 Uhr)
Arme Arme
Meine Mutter soll ab 2010 für ihr Konto 5 ? bezahlen, weil sie monatlich weniger als 1200 ? bezieht. Das führt die Berliner Volksbank neu ein. Erst ab Bezügen über 1200 ? gibt es das Konto gratis.
Gaffelfall (28.10.2009, 06:22 Uhr)
Puppentheater
Mein Eindruck: Das Ensemble hat gewechselt. Das erfolgreiche Stück steht weiter auf dem Spielplan der Marionettenbühne.
Unsereiner ist gespannt auf die Namen von Produzent und Regisseur im Abspann der zu erwartenden Fernsehübertragung.
knilch_59 (27.10.2009, 23:57 Uhr)
@cologne237 (27.10.2009, 23:19 Uhr): Und ob das fair ist!
Wir haben nun mal die Sozialversicherung nach dem "Solidarprinzip" - also nach dem Einkommen. Die Starken zahlen für die Schwachen. Man könnte sich vortrefflich darüber streiten, ob die Deckelung für die Gutverdiener nicht unethisch ist. Aber wer Versicherung als Prinzip der Gemeinschaft begreift, dem muss klar sein, dass einige zu viel zahlen, damit andere, die zu wenig zahlen, trotzdem in den Genuss der Leistungen kommen können.
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In einem sozialen Bundesstaat (Art. 20 (1) GG) ist es Pflicht des Staates, die Steuern nach der "wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit" zu bemessen. Demnach kann man das Einkommen und den Besitz/das Vermögen als Grund-Kriterium heranziehen. Auf eine Vermögensteuer wird weitestgehend verzichtet, also muss man beim Einkommen schärfer rangehen. Man könnte sich schon fast juristisch darüber streiten, ob die vielen Verbrauchssteuern, die wir haben, noch mit dem Grundgesetz vereinbar sind: Mehrwertsteuer, Mineralölsteuer und Kfz-Steuer nach dem CO2-Ausstoß differenzieren die Steuerlast nach Kriterien, die auf jeden Fall nicht sozialstaatlich austariert sind.
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Und diese Schieflage wird durch die Schwarz/Gelbe Regierung definitiv nicht vermindert. Schaut man sich aber die Aufkommensvolumina der einzelnen Steuern an, ist es nur eine Frage der Zeit, bsi sich das BVerfG auch damit befassen muss.
cologne237 (27.10.2009, 23:19 Uhr)
2000 ? brutto vs 10.000 ?
Verdient ein lediger in der Steuerklasse 1 im Jahr 2010 , 2000 ? brutto, zahlt er ca. 240 ? Steuern und ca. 180 ? für Kranken und Pflegeversicherung. Verdient er 10.000 ? sind es über 3400 ? Steuern und 340 ? für Kranken- und Pflege ( ist halt nicht jeder privat versichert )
Beim Doc teilt er die Probleme aller GKV Patienten. Er hat keinerlei Vorteil gegenüber dem Geringverdiener, zahlt aber doch mehr.
Ist es jetzt wirklich sozial gerecht, wenn man ihn einfach noch mehr zur Kasse bittet?
Trägt er nicht schon genug zum Gemeinwohl bei?

Die 10.000 ? bekommt man ja in der Regel nicht, wenn man keine Leistung bringt und nichts kann.

Weil es aber mehr Arbeitnehmer gibt, die um die 2000 als 10.000 ? verdienen gibt, brüllen die im Chor, der soll mehr Abgaben zahlen. Das ist dann auch noch die Mehrheit und somit demokratisch...

Gehe ich am Wochenende ins Stadion ,wundere ich mich immer. Viele der Fans schimpfen über Steuern, Sozialabgaben usw. 5 Minuten später jubeln sie den Millionären auf dem Rasen zu, um in der Pause über den Chef und sein Einkommen zu meckern.



jomimo (27.10.2009, 22:56 Uhr)
Hallo Salzsteuer ...
... ich fürchte, den vielen, die NICHT gewählt haben, dürfen wir danke sagen.
Es gibt sie, die Kollegen, Freunde, Nachbarn, die da sagen, nein ich gehe nicht zur Wahl - ändert sich ja doch nichts.
Zombies, die 3 x zur Wahl gegangen sind in ihrem Leben und dachten, danach wird es paradiesisch - wurde es nicht, nun wählen sie nicht mehr.
Obwohl in einem schlechtbezahlten Job ( Krankenpflege ) mit Altverträgen noch in guter Position.
Inlinen (27.10.2009, 22:40 Uhr)
Prologo
Ich will Ihnen ja nicht die gute Laune verderben, aber ich glaube der selbe Herr, der ihr die Entlassungsurkunde ausgehändigt hat, wird ihr bald eine neue Ernennungsurkunde überreichen.
Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht schlägt ja noch der Blitz ein, oder die Schweitzer oder Lichtensteiner überfallen uns und übernehmen den Laden in Berlin.
SethusCalvisius (27.10.2009, 21:47 Uhr)
Was ich nicht verstehe:
Alle Zeitungen sind voll von Horrormeldungen über das Regierungsprogramm. Dabei stand das alles und noch viel schlimmeres ausführlich im FDP-Wahlprogramm. Davon hörte man vor der Wahl aber kaum etwas. Statt dessen wurde Westerwelle zum neuen Star aufgebaut.
Jetzt kommen diese ganzen Berichte zu spät.
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