3. März 2008, 10:34 Uhr

Schlapphüte sehen rot

Ein absurder Rekord: Seit den 70ern beobachtet der Verfassungsschutz den Bremer Juristen Rolf Gössner. Er soll mit "linksextremistischen Personen-Zusammenschlüssen" kooperiert haben. Jetzt wehrt sich Gössner gegen die Bespitzelung vor Gericht. Von Wolfgang Metzner

Im Visier des Verfasssungsschutzes: Der Bremer Anwalt Rolf Gössner©

Steht da drüben jemand in der dunklen Einfahrt? Peilt der Mann aus dem Dachgeschoss gegenüber durch das Fenster bis in dieses Zimmer, in dem vertrauliche Notizen auf dem Tisch liegen? Ist womöglich hinter den Aktenwänden eine Wanze versteckt? Wer den Bremer Rechtsanwalt Rolf Gössner in dessen Büro im Ostertorviertel besucht, wird das ungute Gefühl nicht los, dass selbst hinter der Deckenleuchte ein Mikro kleben könnte. Denn der Bürgerrechtler wird seit 38 Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet - ein besonderer Rekord, so absurd und anachronistisch wie ein Slapstick aus den Kindertagen des Kinos. Gössner hat dagegen Klage erhoben, über die demnächst entschieden werden soll.

Die unendliche Geschichte begann lange im vorigen Jahrtausend, als noch Kalter Krieg herrschte und widerspenstige Geister in der Bundesrepublik gern als bolschewistische Schläfer verdächtigt wurden - vom Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz jedenfalls. Klammheimlich sammelte es seit 1970 Aufsätze und Interviews des Bremer Juristen, die in ganz unterschiedlichen Blättern erschienen: in der DKP-nahen "Deutschen Volkszeitung", im maoistischen "Arbeiterkampf" oder in einer Broschüre der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes". Der Vorwurf, der ihm allerdings erst 26 Jahre später mitgeteilt wurde: "Zusammenarbeit mit linksextremistischen bzw. linksextremistisch beeinflussten Personenzusammenschlüssen". "Dabei war ich nie Mitglied einer Partei", sagt Gössner, "sondern immer nur für einen offenen, kritischen Dialog."

Veröffentlichungen sofort registriert

Zu kritisch, fand man in Köln, wo die Hüter der freiheitlich-demokratischen Grundordnung sich immer wieder über den linken Rechtsanwalt ärgerten: Schließlich wirkte der auch an der Postille "Geheim" mit, die schon mal einen Schlapphut enttarnte. Half elf Jahre lang als wissenschaftlicher Berater der Grünen in Hannover, den dortigen Verfassungsschutz zu stutzen (was bei Bediensteten intern zu "Motivationsverlusten" führte). Schrieb Bücher über die "Polizei im Zwielicht" und den "modernen Überwachungsstaat". Da half es auch nichts, dass er auch bei eher unverdächtigen Personenzusammenschlüssen wie SPD oder DGB referierte, bei Richtern und Staatsanwälten und sogar beim Hessischen Verfassungsschutz. "Sobald ich etwas bei den üblichen Verdächtigen veröffentlichte, wurde das gespeichert und registriert."

Bis heute haben die Beamten in Köln so viele Artikel und Reden des politischen Publizisten erfasst, dass sie nach Angaben aus dem Dienst "kaum mehr aufzuzählen" sind. Selbst Interviews mit dem "Weserkurier" und der "Frankfurter Rundschau" wurden ausgewertet und archiviert. Die amtliche Sammelwut konnte weder durch Proteste von Strafverteidigern noch von Schriftstellern wie Günter Grass oder Gerhard Zwerenz gestoppt werden und auch nicht durch die Einschaltung des Bundesdatenschutzbeauftragten. Der fand das alles "nicht zu beanstanden", obwohl er die Akten über Gössner nicht mal eingesehen hatte. Sie waren einem seiner Mitarbeiter bloß vorgelesen worden, in Teilen - "zum Schutz der Quellen", wie es aus der Kölner Behörde hieß.

Massiver Eingriff ins Berufsgeheimnis

Die "geheimhaltungsbedürftigen Daten", die der Dienst unter Verschuss hält, betreffen nach dessen Eingeständnis "Veranstaltungen, die nicht in der Öffentlichkeit stattgefunden haben". Im Klartext: Dort müssen neben Gössner V-Leute gesessen haben, die nicht enttarnt werden sollen. Zwar hat das Amt inzwischen schriftlich beteuert, dass "keine Quelle gezielt gegen seine Person eingesetzt" wurde. Aber ob er bei der Observation anderer ins Visier geriet, ob nicht noch andere nachrichtendienstliche Mittel wie etwa Wanzen angewandt wurden, weiß Gössner bis heute nicht sicher: "Und wie viel Vertrauen soll eigentlich ein Mandant in einen Anwalt haben, der über Jahrzehnte beobachtet wird? Das ist ein massiver Eingriff in das Berufsgeheimnis, der unbedingt beendet werden muss."

Weil er endlich aus dem amtlichen NADIS-Computer gelöscht werden will, hat Gössner beim Verwaltungsgericht Klage gegen die Kölner Verfassungshüter erhoben. Schließlich hütet er jetzt selbst in Bremen offiziell die Verfassung, nachdem er dort zum stellvertretenden Richter am Staatsgerichtshof gewählt worden ist. Aber auch das ficht seine Kölner Erzfeinde nicht an: Sie bescheinigten ihm nun sogar, er sei zur Tarnung "ganz bewusst nicht Mitglied einer offen extremistischen Partei oder Organisation" geworden, damit er für diese "unentbehrliche Agitations- und Propagandadienste" leisten kann.

"Eine Frechheit", sagt Gössner, der im dezent roten Hemd in seinem Büro sitzt - und schmunzelt. Denn manchmal kommt er sich auch wie in einer Farce mit Überlänge vor. Schmunzelnd überlegt der Präsident der "Internationalen Liga für Menschenrechte", ob er nicht auch den Bundesrechnungshof wegen jahrzehntelanger Verschwendung öffentlicher Gelder einschalten soll. Vor Gericht hat der 60-jährige Anwalt, der demnächst als Mitherausgeber des "Grundrechte-Reports" wegen "vorbildlichen demokratischen Verhaltens" die Theodor-Heuss-Medallie erhält, jedenfalls ziemlich gute Karten. Kürzlich hat die Kölner Kammer, die bald über seinen Fall entscheidet, schon mal den Übereifer der Schlapphüte gestoppt. Sie entschied, dass die jahrelange Beobachtung des Abgeordneten Bodo Ramelow ("Die Linke") rechtswidrig war.

 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
arnirina (07.03.2008, 18:48 Uhr)
Demokratie in Gefahr? Durch wen?
Wenn Kritik an den Schwachstellen eines sich als freiheitliche Demokratie verstehenden Staates, wie der Bundesrepublik Deutschland, als bedrohlich empfunden, zu geheimdienstlichen Beobachtungen führt und dem Kritiker die Einsicht in die durch solche Bespitzelungen zu seiner Person erstellten Unterlagen nur teilweise gewährt wird, ist dieser Staat auf dem besten Wege seine noch vorhandenen demokratischen Strukturen zu demontieren und zu zerstören.
Nicht vom Kritiker geht hier die Gefahr aus, sie ist dem Verfassungsschutz und den für ihn verantwortlichen Politikern anzulasten.
Als Bürger/in einer der mit am weitesten entwickelten freiheitlichen Demokratien müssen wir darauf bedacht sein, deren Innovationsfähigkeit zu erhalten und die Kontrollmechanismen unserer staatlichen Institutionen eher aus- nicht abzubauen.
Zu fordern ist ein Mehr und nicht ein Weniger an engeagierter Teilhabe, Einflussnahme und Kontrolle durch die Staatsbürger und kommunalen Residenten, um so freiheitlich demokratische Strukturen zu sichern und weiter auszubauen. Demokratie ist nicht statisch, sie ist Prozess.
Auf diesem Hintergrund ist zu fordern, Dr. Rolf Gössners Integrität wieder herzustellen. Hierzu ist seine Beobachtung unverzüglich einzustellen, ihm sind sämtliche Daten offen zu legen.
Wenn Menschenrechtler, Publizisten, Rechtsanwälte, parlamentarische Berater, Mitglieder von Bürgerschaften und Richter am Staatsgerichtshof, wie er, zudem mit herausragendem demokratischen Engagement, jahrzehntelang geheimdienstlich beobachtet werden und keinen vollen Zugang zu den entsprechenden Daten erlangen, unter dem Vorwand der Geheimhaltung und des Quellenschutzes, sind die verantwortlichen Nachrichtendienste und der Verfassungsschutz aus dem Ruder gelaufen. Sie bedürfen dringender erhöhter Kontrolle, ihre Grenzen müssen dort gesetzt werden, wo sie die einer freiheitlichen Demokratie überschreiten - was in auch in Deutschland offensichtlich nicht nur in Einzelfällen seit langem geschieht.
Es ist zu hoffen, dass das Verwaltungsgericht Köln auch in diesem Fall die Beobachtungen für rechtswidrig erklärt.
clavacs (07.03.2008, 14:21 Uhr)
Im Dienste der Staatsdämonie
Herr Gössner, Sie wissen um mich!
Im Dienste der Staatsdämonie
Präsidenten, Kanzler, Minister, Minister-Präsidenten, Richter, Staatsanwälte, Sicherheitskräf-te, in Selbstschutz-Dämonie von Staats-Gespinsten und Gespinste-Staaten …
Geht es um Selbstschutz zählen weder Würde noch Recht und keine Menschenrechte und vermeintliche freiheitliche Rechtsstaaten finden sich in Barbarei wieder …
Geheimdienstler agieren opportunistisch, falls erforderlich barbarisch – die Staatsdämonie unterscheidet sich in Diktaturen und Demokratien nicht wirklich, welch eine Last für Demo-kratien!
Die Menschenhatz treibt beschämend über unser Menschlich-allzu-Menschliches, über Intimi-täten und Schwächen, bevorzugt über Menschen die uns nahe stehen – die Treiber wissen geschickt die Dimensionen der Bestien in uns Menschen zu nutzen! Schrecken Staatsdämo-nie!
Menschen, je nahe stehender desto besser, werden vorsätzlich manipuliert, verleitet, erpresst, genötigt sich gegen geliebte Menschen zu stellen, dabei jedwede Tabus überschreitend – wir Menschen in unserem Menschsein verloren.
Beispielsweise finden sich Ehepartner und Partner in Fallen von Seitensprüngen und zerstör-ten Beziehungen wieder, Söhne und Töchter zu Schwulen und Lesben verleitet, Geschwister zu anzüglichen Posen verleitet … Braucht solches Geschehen nur aufgedeckt zu werden, wie zeit- und arbeitssparend für die Höllenhunde. Sie brauchen tatsächliche und vermeintliche heile Lebenswelten nur noch zusammenbrechen lassen und darauf verstehen sie sich geschickt – sie sorgen für Apokalyptik! Ereignisse brechen gesteuert zu Bündel herein …
Im Muster ähnlich erfolgt die Zerstörung der geschäftlichen und wirtschaftlichen Existenz-grundlagen – der gezielt herbeigeführte Scherbenhaufen, eben Apokalypse!
Und beugt sich der unliebsame Kritiker und moderne Ketzer, als den ich mich sehe, dennoch nicht, schrecken die Höllenhunde – der intellektuellen Auseinandersetzung wohl nicht mäch-tig genug – auch vor brachialer Gewalt nicht zurück … (siehe mein Blog Gesichter der Staatsdämonie)
Das Inferno tobt unter Selbstverstärkung, ist das Treiben erst einmal erschreckend genug, wagt es niemand mehr, dies auch öffentlich zu machen, die staatlichen Höllenhunde wissen um diese Scheu und treiben es umso wilder, letztlich entartet!
Das abscheuliche Treiben wird von allen staatlichen Stellen und Einrichtungen mitgetragen und mitgestützt – Medien eingeschlossen! Und selbst Richter, Anwälte und Ärzte machen mit – unter Ärzten besonders gefragt, Psychiater! Und die Kirchen – sie auch!
Und allen gilt als oberstes Gebot, leugnen und schweigen – wider besseres Wissens! Zynis-mus pur!
Zu keiner Zeit in der Geschichte der Menschheit war es drängender und leichter, sich unter Staatsdämonie wieder zu finden – der sorglose Umgang mit Prävention! Unser Planet ist uns heute Dorf, es gibt so gut wie kein Entrinnen! Der Tod ist uns Weg!
Das Fazit eines vermeintlichen Staatsfeindes unter demokratischer Staatsräson – wie beschä-mend für uns Menschen in unserem Menschsein!
clavacs
Domino Effekt, Herr Kempen, nach etwa 40 Seiten, falls Sie sich in der Fortsetzung nicht selbst entlarven, gilt das Ergebnis aus meiner Sicht als verfehlt!
In meinen Spiegelfechtereien habe ich mich längst selbst enttarnt, längst läuft die Entlarvung der militanten (kriminellen, pathologischen) Anti-Helden in ihren Projektionen, sie haben es nur noch nicht begriffen – längst spiegle ich Rückseiten von Spiegeln und insbesondere deren implizite Ordnung!
Mediaten: Wie wäre es mit Sein anstatt Schein? Medien-Beauty allein, reicht jedenfalls nicht!
Tja, Herr Ministerpräsident (Richter) Müller, wahrlich, solches Treiben ist Menschen – insbe-sondere Wählern – kaum zuzumuten!
Österreicher, bleibt zu hoffen, der U-Ausschuss wird nicht zur Farce! Ihr seid bekanntlich in dieses verächtliche Treiben vollumfänglich involviert!
BILD: Die Arschloch-Affäre! Ein passender Titel! Vor fünf Jahren von mir angeregt: Der Anti-Christ!
Christlich ist nämlich an unserem erdweiten Treiben so gut wie nichts mehr! Auf der Ebene der Staatsdämonie tobt pure Apokalypse …
Sandygirl (07.03.2008, 12:41 Uhr)
Ueberwachung
Wohin fueht das alles noch? Kameras an Bahnhoefen und oeffentlichen Plaetzen, Vorratsdatenspeicherung von Telefon und Email, Onlinedurchsuchung, Uberwachung, Mautbruecken die alles und jeden Filmen, biometrische Ausweise, biometrische Datenbank, Abnahme von DNA Proben in Kinderkliniken. Haben wir zu viele Spitzel aus der DDR uebernommen oder sind es die vielzitieren Allmachtsfantasien der Herren Innenminister die hier durchgehen? Verwechselt jemand die BRD mit der DDR oder Nazideutschland?
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