80 Jahre lang fegte der Hunnensturm über Europa hinweg und wirbelte die Völker des Kontinents durcheinander. Genauso schnell wie sie aus dem Nichts kamen, verschwanden die Hunnen wieder. Als dämonisch, barbarisch und wild wurde ihr kurzer Auftritt auf der Bühne der Geschichte kommentiert. Doch hinter den Teufeln des fünften Jahrhunderts steckten klar denkende Strategen - allen voran König Attila.

Es ist ein schwüler Sommertag im Jahre 452, als Attila dem Größenwahn verfällt. In einem Mailänder Palast entdeckt der Hunnen-König ein Gemälde. Es zeigt die Kaiser Ost- und Westroms auf goldenen Thronsesseln. Zu ihren Füßen kauern die Hunnen, untertänig und ehrfürchtig. Der bärtige Hunne stimmt ein wildes Gebrüll an, stürmt auf das Bild zu, zieht sein Schwert und zerfetzt das Gemälde. Seinem obersten Ratgeber Onegesius befiehlt er, ein neues Bild malen zu lassen: Es soll nur einen einzigen goldenen Sessel zeigen, darauf sitzend er, Attila, der neue Herrscher des Reiches. Die beiden römischen Kaiser, ordnet Attila an, sollen auf ihren Schultern Säcke herbeischleppen und Gold vor seinen Füßen ausschütten.
Ob sich diese Geschichte tatsächlich so zugetragen hat, darüber streiten die Historiker. Unumstritten aber ist: Attila ist im Sommer des Jahres 452 auf dem Höhepunkt seiner Macht. In Windeseile hatten sich die Hunnen ein Reich erobert, das vom Ural bis zum Rhein reicht. Die Staubwolken ihrer Reitertrupps wehten durch alle Völker: Die Alanen, die Ostgoten, die Gepiden und Sarmaten wurden erobert. Auch die Thüringer und Burgunder gehorchen dem Befehl Attilas. Bis zum Iran reichen die Vorstöße. Die bedrängten Stämme fliehen auseinander wie eine aufgeschreckte Hühnerschar. Europa erlebt eine seiner größten Völkerwanderungen. Die beiden Machtzentren in Rom und Byzanz sind in Gefahr. Mit Konstantinopel, dem oströmischen Zentrum, haben die Hunnen Frieden geschlossen: Die Oströmer müssen dafür löhnen - mit purem Gold. Für die Weströmer stellen die Hunnen Söldnertruppen für die Abwehr anderer Barbarenstämme - gegen Bezahlung in bar. Ein gold- und gebietshungriger Barbar beherrscht Europa.
Attila ist berauscht vom eigenen Erfolg. Eine brutale Schlacht gegen die Römer und Westgoten auf den Katalaunischen Feldern zwingt Attila zunächst zum Rückzug. Doch ein Jahr später jagt seine Kavallerie wieder über die Felder. In einem Blitzkrieg unterwirft er Norditalien: Mailand, Pavia und die Dörfer der Po-Ebene. Überall das gleiche Bild: Niedergebrannte Dörfer, geplünderte Häuser, die Bewohner werden geschlachtet wie Vieh, die Frauen vergewaltigt. »Sie waren unter uns, ohne dass wir wussten, woher sie kamen«, schreibt ein Augenzeuge. »In den Brunnen der Götter tränkten sie ihre Pferde. Auf den Stufen der Tempel nahmen sie unsere Frauen. An den Säulen unserer Stadt zerschmetterten sie die Häupter unserer Kinder. Nackt über die Hälse der Pferde geworfen, so verließen uns unsere Töchter. Wir werden sie nie wiedersehen.«
An Aquileja, der italienischen Handelsstadt am Nordrand der Adria scheitert Attila fast: Die römischen Soldaten leisten erbitterten Widerstand. Attila will aufgeben, doch da hat der grobschlächtige Krieger eine Vision: Er sieht zwei Störche, die ihre Jungen ganz gegen ihre Gewohnheit aus der Stadt auf das Land schleppen. »Seht nur«, ruft er seinen Feldherren zu, »wie diese Vögel die Zukunft vorausahnen! Sie verlassen Aquileja und geben die befestigten Zinnen der dem Untergang geweihten Stadt preis.« Ein unmissverständliches Zeichen für den abergläubischen König. Attila lässt schwere Belagerungsmaschinen bauen, feuert seine Soldaten an und stürmt Aquileja.