Er liebte die Macht, er liebte den Krieg, er liebte die Frauen: Aus einem Barbarenstaat machte Karl der Große das erste mittelalterliche Imperium. Doch am Abend seines Lebens musste der Herrscher erkennen, dass sein Werk keinen Bestand haben würde

In den frühen Morgenstunden schmerzt die Gicht am meisten. Zu viel Fleisch gegessen, zu viel Wein getrunken, zu oft in zugigen Burgen und frostigen Zeltlagern übernachtet. Ein Leben lang. Dagegen kommt auch sein geliebtes Schwimmen in den heißen Quellen der Aachener Pfalz nicht mehr an. Früher hätte Karl jetzt eine Frau beschlafen, die eigene oder eine seiner Konkubinen, um anschließend doch noch Ruhe zu finden.
Heute, grauhaarig und leicht vornübergebeugt, versucht der Kaiser beim flackernden Schein eines Talglichts die vage Schwermut des Morgengrauens mit der Wunderwelt der Buchstaben zu bekämpfen. Verdammte Kritzelzeichen! Seit Jahren bemüht er sich nun, die Lettern des Alphabets zu meistern. Schädel spalten, Schlachtrosse zügeln, das ja. Aber Kringel so winzig und präzise zu malen, dass ein X nicht zum U gerät - die gichtige Kriegerfaust des mächtigsten Herrn der Christenheit bringt es einfach nicht fertig!
Dabei weiß Karl, den alle am Hof »den Großen« nennen und nicht nur, weil er sie alle mit seinen fast zwei Metern überragt, dass ohne die Hilfe der Schrift sein Reich zerfallen wird. Nur wenn es Ordnung gibt, die dauert, geschriebenes Recht, kann das Frankenreich zu einem wahren Imperium, wie einst das Römische, zusammenwachsen.
Doch wer kann schon lesen oder gar schreiben im Reich der Franken? Und wer will es denn überhaupt? Karl seufzt. Ein paar Bischöfe. Ein paar Kopierer, fast alle nur Mönche. Die großen Herren doch nicht, auf deren Waffenhilfe er angewiesen war und ist. Die glauben nicht an einen voll gekritzelten Fetzen Pergament, die wollen ihn, den großen Karl, leibhaftig sehen und notfalls seine eiserne Faust im Nacken spüren, damit sie das Knie beugen und gehorchen. Gesetze? Gesetz ist der Mann, der sie durchsetzt. Ist der nicht zur Stelle, sind sie sich selbst Gesetz.
Also musste er zeit seines Herrscherlebens unterwegs sein. Zog kreuz und quer durch sein riesiges Reich: von den Pyrenäen bis zur Elbe, von Rom bis zum Nordmeer. Immer im Sattel, um Recht zu sprechen und treue Vasallen auszuzeichnen, am besten mit reichen Ländereien, Ungetreue jedoch abzustrafen, am besten mit Zwangseinweisung in ein Kloster. So kann man ein Reich zusammenhalten. Ein Leben lang. Aber über den Tod hinaus?
Wo er, der ruhelose Reisekönig sich gerade aufhielt, da war die Hauptstadt des Frankenreichs, und sie hieß Ingelheim oder Valenciennes, Diedenhofen oder Chasseneuil, einer der befestigten Plätze eben, die sich Königspfalzen nannten. Pfalz kommt vom lateinischen Wort Palatium, also Palast, und Karl muss leise lächeln, wenn er an die gut zwei Dutzend »Paläste« denkt, die er im Lauf der Jahre mit seiner Anwesenheit beehrte.
Die Byzantiner in Konstantinopel, die haben einen wirklichen Palast, riesig und reich, nach all dem, was ihm seine Gesandten berichten, der Kalif Harun al-Raschid in Bagdad, der ihm einmal einen Elefanten schenkte, wohl auch. (Wunderbarerweise überlebte der wärmebedürftige Gigant ein paar Jahre im nebligen Norden.) Seine, Karls, Pfalzen sind fast alle bescheidene Bauten, in denen es im Winter eiskalt ist und im Sommer der Gestank von Pferdemist aus den Stallungen in die Königshalle dringt. Doch sie sind aus Stein, und für seine Untertanen ist das schon fast überirdischer Luxus. Denn die hausen in fensterlosen Hütten aus Holz und Lehm, bei denen der Rauch durchs Dach abzieht und das Vieh im Winter mit ihnen in einem Raum schläft. Der Wärme wegen.
Karls Blick schweift von der vermaledeiten Schreibtafel hinaus in den schneebedeckten Hof der Aachener Pfalz. Da drüben, was ist das für eine schemenhafte Gestalt? Wieder einmal eine seiner Töchter auf Abwegen? Nein, ein Helm blitzt auf, ein Mann ist es, ein Wachposten, auf dem Weg zur Latrine hinter dem Pferdestall, wo sich auch er, der Herrscher, den Hintern abfriert im Winter. Karl schmunzelt stolz in sich hinein, wenn er an das bewegte Geschlechtsleben seiner acht Mädchen denkt. Ganz wie der Vater.
Keine ist verheiratet, keine lässt er, der Familienmensch, als Braut von sich weggehen an einen fremden Königshof. Der Natur aber dürfen sie freien Lauf lassen. Rotrud etwa treibt es mit dem Grafen Roriko, Berta mit Angilbert, dem Hofkaplan. Jeder in Aachen kennt die Geschichte, als Berta einmal nach einer heißen Nacht ihren Liebhaber auf dem Rücken durch den Burghof zurück in seine keusche Klause trug. Denn Neuschnee war gefallen und Angilbert hatte Angst, seine Fußstapfen könnten ihn als lüsternen Priester verraten.