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2. April 2009, 12:28 Uhr

Bungee-Sprung ins All

Der Countdown für den ersten privat organisierten Weltfraumflug läuft. In wenigen Monaten soll das Space Ship Two mit Passagieren abheben. Ein Interview mit dem Astronauten Ulf Merbold über Pauschalreisen ins Weltall.

Ulf Merbold, Virgin Galactic, Weltraumtourismus, Space Ship Two, White Knight Two

White Knight Two, das Trägerflugzeug für dem Raumflieger, in Kalifornien© Virgin Galactic

2001 erlebte Dennis Tito als erster Weltraumtourist die Schwerelosigkeit. Noch bis zum 7. April kreist gerade der Multimillionär Charles Simonyi in der Internationalen Raumstation ISS um die Erde. Bald soll das Ticket nicht mehr mehrere Millionen Dollar kosten. Am Boden bereiten sich die ersten Touristen auf ihre Reise ins Weltall vor. Sie haben bei Virgin Galactic gebucht. Die Verwirklichung des Kindheitstraums hat ihren Preis, den eines Eigenheims.

Herr Merbold, spätestens 2010 schießt Virgin Galactic die ersten Touristen ins Weltall. Allerdings werden sie sich nur maximal fünf Minuten in Schwerelosigkeit befinden, dann geht es wieder runter. Ein kurzes Vergnügen für 200 000 Dollar.

Das muss jeder für sich entscheiden. Für 45 Millionen Dollar kann man auch für ein paar Tage zur Internationen Raumstation ISS fliegen.

Fünf Minuten auf ungefähr 110 Kilometer Höhe: Sehen die Weltraumtouristen da bereits den Blauen Planeten im schwarzen Nichts, wie auf den berühmten NASA-Aufnahmen?

In dieser Höhe ist unsere Welt noch viel zu nah. Sie können jedoch schon den Horizont als eine gekrümmte Linie wahrnehmen und darüber die Erdatmosphäre. Sie sehen also nicht eine Kugel, sondern nur einen Teil von ihr.

Kann man Städte oder gar Gebäude ausmachen?

Das glaube ich nicht. Man kann aus größerer Höhe von Menschen erschaffene Strukturen sehen, etwa den Suezkanal. Auch wenn gerade eine Autobahn in Bau ist und in die ursprünglich grüne Umgebung regelrecht Wunden gerissen wurden, kann man dies erahnen. Aber gut möglich, dass in 110 Kilometer Höhe erkennbar ist, wo sich große Städte angesiedelt haben.

Inwiefern kann so ein Flug – das Verlassen des Heimatplaneten – den Horizont eines Menschen erweitern?

Ich habe so eine Kurzreise nicht miterlebt und glaube nicht, dass sie eine große Wandlung auslösen kann. Die große Änderung, die Profiastronauten erleben, ist eine neue Wahrnehmung der Erde. Dazu muss man allerdings erlebt haben, dass 90 Minuten ausreichen, den Globus einmal zu umrunden. Und diese Erfahrung bleibt den Kunden von Virgin Galactic verwehrt. Das Türchen wird nur für einen kurzen Moment geöffnet.

Haben Sie nach Ihren langen Aufenthalten im All die Welt auch im übertragenen Sinn mit anderen Augen gesehen?

Nein, nicht wirklich. Was sich nachhaltig verändert, ist die Wahrnehmung der Erde. Sie fahren zum Beispiel mit dem Auto in zwei Stunden von München nach Stuttgart. Aber was ist die Entfernung München–Stuttgart im Vergleich zur Größe dieses Planeten? Wir empfinden die Erde als riesig – und unbewusst mögen wir denken, sie sei unzerstörbar. Doch wer erfahren hat, dass anderthalb Stunden ausreichen, einmal um sie herumzufliegen, und wer sehen kann, wie unglaublich dünn die Schicht der Atmosphäre ist, dem stellt sich die Frage, ob wir nicht die ethische Pflicht zu erfüllen haben, sie stärker zu schützen, als wir tatsächlich tun.

Wie stellt sich diese Verletzbarkeit für einen Astronauten dar, wie nimmt er die Erde wahr?

Das kann man nicht in einem Satz beantworten, das ist das Nachhaltigste und Umwerfendste überhaupt. In einer Höhe von etwa 300 Kilometern kann man Europa als Ganzes sehen. Sie sehen die gekrümmte Horizontlinie, einen rabenschwarzen Himmel, bei gutem Wetter erkennt man die Alpen – aber nicht nur die Haupttäler wie das Inntal, sondern auch Zillertal, Stubaital, Pitztal, Ötztal: Der Kontinent liegt aufgeschlagen da, wie in einem offenen Buch. Man kann natürlich nicht anhalten, um in Ruhe zu schauen. Spätestens nach 45 bis 50 Minuten geht die Sonne unter, 16-mal schneller, als man es sonst erlebt. Dann sieht man sich auf der Nachtseite mit einem spektakulären Sternenhimmel konfrontiert. Wenn das Raumschiff den Äquator überquert, kann man manchmal von oben auf die tobenden Gewitter blicken. In der Nähe der Magnetpole strahlen die Nord- und Südlichter: einfach grandios. Die strahlende Sonne sticht aus dem schwarzen Himmel hervor, und wenn sie sich zum Untergang von hinten dem Horizont nähert, wird die dünne Schicht der Atmosphäre wunderschön erleuchtet. Und dann, zack, ist sie schwarz – wie im Zeitraffer.

1999 haben Sie in einem Interview gesagt, dass es in absehbarer Zeit keine Weltraumtouristen geben werde. Schon 2001 flog der Unternehmer Dennis Tito zur Raumstation Mir.

So kann man sich irren. Ohne mich herausreden zu wollen: Es geht hier auch um eine Definitionsfrage. Zu den Astronauten rechne ich nur jene, die tatsächlich in der Umlaufbahn waren. Das ist natürlich etwas völlig anderes, als mit Virgin Galactic eine Stunde hochzufliegen und, bevor man weiß, was abgeht, schon wieder zu landen. Allerdings definieren die Amerikaner Astronauten als jene, die höher als 80 Kilometer fliegen.

Interview: Axel Nowak

Infos zu Pauschalreisen ins All
Großbritannien
Virgin Galactic, 6 Half Moon Street, London W1J 7BA; Tel. +44 20 - 74 47-19 30; www.virgingalactic.com
Deutschland
Designreisen, Promenadeplatz 12, 80333 München; Tel. 089 - 90 77 88 99; bietet auch Zentrifugentraining im National Aerospace Training and Research Center (NASTAR) in Philadelphia und Parabelflüge mit Schwerelosigkeit in Florida und Las Vegas an; www.designreisen.de
Schweiz
DeluxeTargets, Battenhaus 1169, CH-9052 Niederteufen; Tel. + 41 71 - 77 16 59; www.deluxetargets.ch
Österreich
Deluxe Travel Europe, Laxenburgerstr. 83, 1100 Wien, Tel. +43 676 -909 39 19; www.deluxetravel.at

Zur Person

Zur Person Im November 1983 verewigte sich der Physiker Ulf Merbold in den Annalen der Raumfahrt. Als erster Astronaut der Weltraumorganisation ESA und als erster Westdeutscher reiste er an Bord der amerikanischen Raumfähre Coumbia ins All. Mit den Weltraumflügen und insgesamt 50 Tagen im Orbit ist der Stuttgarter bis heute der erfahrenste deutsche Astronaut.

Gefunden in

Gefunden in Einmal im Leben - 100 unvergessliche Reiseabenteuer. Zehn große Reportagen und 90 Tipps für das eigene Abenteuer. Mit einem Vorwort von Bertrand Piccard und Reisevorschlägen, Service-Adressen, Bildern sowie Detailkarten. 240 Seiten, Merian, 24,95 Euro.
www.merian.de

 
 
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