21. April 2007, 10:00 Uhr

Auf geht's zum "Drallewatsch"

Der Sachse macht in Leipzig einen drauf. Schon Goethe und Luther, Bach, Putin und Angela Merkel fühlten sich hier zu Hause. Die Stadt, mal oben, mal unten, kommt wieder auf die Beine. Von Wolf Thieme

Im Drallewatsch- Viertel, rund um den Lipsia-Brunnen, ist die Auswahl an Kneipen groß. Der Sachse liebt sein altes Kaffeehaus "Coffe Baum"©

Schon beim Vorbeifahren gestutzt. Ein Raumschiff auf dem Dach der Galerie für Zeitgenössische Kunst? Ein übergroßer Fernseher? American Diner? Also nichts wie rein als Gast ins Ein-Zimmer-Hotel "Everland" und zwischen türkisfarbener Auslegware, hellblauen Mosaiken und Skaisofas der 70er Jahre eine Scheibe Dire Straits aufgelegt. Regler rauf. Es dröhnt "Telegraph Road", draußen leuchten fast unwirklich Rathausturm, Uni-Hochhaus und die Kuppel des Reichsgerichts. Hinter der Panoramascheibe wirkt Leipzig wie ein Kunstobjekt, sogar der Plattenbau gegenüber. Noch eben alle Lichter an in den Wohnwaben, um Mitternacht alles dunkel, morgens wieder hell. Ameise Mensch.

Normalität statt Größenwahn

Ein Schweizer Künstlerpaar hat das bewohnbare Projekt "Everland" entworfen, per Kran auf die Plattform hieven lassen und wird es Anfang August wieder abholen, schade. Leipzig könnte mehr kreative Köpfe gebrauchen, damit es weiß, wohin es will, nachdem - so Björn Achenbach von der Stadtzeitschrift "Kreuzer" - "die überdimensionierten Metropole-Träume der Nachwendezeit geplatzt sind und nun Normalität statt Größenwahn angesagt ist". Voll sind Cafés und Kneipen, ein neues Messegelände ist gebaut, der üppig dimensionierte Flughafen, der Kurierdienst DHL wird sich zu den Investoren von BMW und Porsche gesellen - schon fragt der "Kreuzer": Ist Leipzig über den Berg?

Blick vom Barock zur Moderne: Am Museum der Bildenden Künste fehlt noch Glasverkleidung©

"Nein", sagt der Schriftsteller Erich Loest zu Hause im Stadtteil Gohlis, "denn die bürgerliche Seele der Stadt wurde zerstört, und die Juden sind verjagt." Es fehlen Mäzene und Sponsoren der Oberschicht: 15000 denkmalgeschützte Bauten - 2000 mehr als in ganz Schleswig-Holstein - wollen saniert, erhalten, bewohnt werden, Lofts und Gründerzeitetagen. Leipzig, 1930 nach Berlin, Hamburg und München viertgrößte deutsche Stadt, ist mit heute 500 000 Einwohnern zu groß fürs Schattendasein und zu klein für Karrieremacher. Ex-Gewandhauschef Kurt Masur dirigiert längst weltweit, und selbst OB Wolfgang Tiefensee machte die Mücke kurz nach der Wiederwahl, ärgerlich. Diskussion in den Gewölben der Moritzbastei. Zukunft Leipzig. "Bach rauf oder den Bach runter?" Die Marketingstrategen setzen auf eine Musikstadt Leipzig, denn Bach, Mendelssohn Bartholdy, Schumann wirkten hier. Vielleicht hält das Etikett länger als die anderen. Messestadt. Bücherstadt. Heldenstadt. Autostadt. Und Sportstadt - na, besser nicht nach der geplatzten Olympiabewerbung und den Hooligans vom 1. FC Lok.

In jedem Viertel ein anderes Gesicht

Dresden hat Frauenkirche und Elbpanorama, in Leipzig wird einem tatsächlich der Hauptbahnhof empfohlen, größter Kopfbahnhof des Kontinents und sicher wetterfester als Mehdorns Glaspalast in Berlin. Aber da muss doch mehr sein? Gehen wir auf den Drallewatsch, wie es in sächsischer Klangfülle heißt, auf den Bummel durch Höfe und Gassen, zu alten Fabriken und neuen Bauten. In jedem Viertel zeigt Leipzig ein anderes Gesicht. Ziehen wir erst mal einen großen Kreis vom Hauptbahnhof, das ist der Ring, der die Altstadt umschließt. Drinnen der Markt, die Messebauten und Passagen, Nikolai- und Thomaskirche mit der Kifferwiese. Thomanerchor und Friedensgebete zur Wendezeit, Jugendstil- und Gründerzeithäuser mit ihrem bürgerstolzen Fassadenschmuck: Geschichte pur, Aufschwung Ost, jedes Klischee passt.

Die halbe Innenstadt hat der Inmobiliengaukler Jürgen Schneider nach der Wende zusammengerafft, Sahnestücke wie die Mädler-Passage und Barthels Hof, ältestes erhaltenes Handelsgebäude der Stadt, in der DDR-Agonie wegen Einsturzgefahr gesperrt und nun prachtvoll saniert. Man läuft und traut den Augen nicht: Das Gebäudeensemble Trifugium reckt stolz das Haupt, als hätte es nie ohne Dach gestanden, die Nikolaischule, zum Teil schon weggesackt, wie einst im Mai, und auf dem einst öden Sachsenplatz prunkt das Museum der Bildenden Künste, ein Glasquader dort, wo vor dem Krieg das Rotlichtviertel mit dem Goldhahngässchen war.

Verflogen ist der Braunkohledunst, und Leipzig ist wieder, wie schon im Mittelalter, eine Stadt zum Flanieren und Handeln inmitten sächsischer Emsig- und Geschwätzigkeit. Messen brachten stets fremdes Volk in die zunehmend reiche Stadt, Luther und Goethe, Kaufleute, Professoren, Betrüger, Prostituierte; Verlage wie Reclam, Brockhaus, Duden, Baedecker blühten. Am Brühl saßen die jüdischen Pelzhändler und Kürschner, wurde Richard Wagner geboren und mit Lassalle, Liebknecht und Bebel die deutsche Sozialdemokratie erfunden. Bei der Völkerschlacht vor den Toren der Stadt, 90 000 Tote, zerbrach Napoleons Macht und mit den Montagsdemonstrationen die der DDR, ausgerechnet in Walter Ulbrichts Heimatstadt, in der auch eine Angela Merkel Physik studierte und KGB-Resident Putin die Augen offen hielt.

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