Zum Turnier nach Portugal fährt die deutsche Nationalelf als Aussenseiter. Teamchef Rudi Völler muss seine Jungs wieder schützen und stärken - nichts kann er besser.

Rudi Völler, 44, denkt noch immer wie ein Spieler. Der Gefühlsmensch weiß, dass angeschlagene Profis Rückendeckung und Vertrauen brauchen© Robert Fischer
Bald wird er wieder gezeichnet sein. Sein Gesicht schmal, die Haut fahl, die Lippen ein Strich unterm Schnauzer. Es kommen die Wochen, in denen Rudi Völler kaum ein Auge zumacht, weil er vor Spielen nicht schlafen kann und nach Spielen erst recht nicht. Doch so wird der Turniervöller zum Leben erwachen, ein staunenswertes Geschöpf des Adrenalins, und wenn die deutsche Nationalelf demnächst gegen alle Erwartungen eine große Europameisterschaft spielen sollte, dann seinetwegen.
Mitte Mai, Leverkusen. Rudi Völler ist in Form. Er erobert mit seinen schnellen Schritten die Loge der Bay-Arena, Leverkusen, schüttelt Hände wie ein alter Freund. Er kommt früher als verabredet. Er steht unter Strom. Harte Zeiten. Gut so. Völler, der Stürmer, tut, was er als Trainer am besten kann: verteidigen. Er sagt: "Man muss sich gerade nach solchen Spielen stellen." Er meint das 1:5 in Rumänien.
Die Kabinenwände im Bukarester Stadion sollen immer noch wackeln, heißt es, so habe der Teamchef in der Pause auf seine Elf eingebrüllt. Es folgten Tage voll Häme, in denen ihm mancher Kritiker empfahl, ein Dutzend Spieler rauszuwerfen.
Rudi Völler stellt sich. Vor die Mannschaft: Ich trage die Hauptschuld, das sollen alle glauben. Seine "Jungs", wie er sie immer nennt, wurden an den Pranger geschrieben, und Völler warf sich vor sie.
Schon ein paar Wochen später kommt die Trotzreaktion der Profis tatsächlich: 7 : 0 gegen Malta, 2 : 0 in der Schweiz. Und als alles wie von selbst zu laufen scheint, die nächste Blamage. 0 : 2 gegen Ungarn, in Kaiserslautern. "Vielleicht tut uns Ruhe ja gar nicht so gut", sagt Völler vor dem Abflug nach Portugal.
Endlich geht es wieder um die Ehre. Etwas Besseres konnte ihm nicht passieren.
Sicher, bei der EM wird es keinen Spaß machen, Völlers Mannen zuzuschauen, sie werden wieder die WM-Deutschen von 2002 sein, die sich einen Dreck scheren um die Anmut ihrer Passfolgen und kratzen und beißen, genau wie Völler dies selbst früher tat. Bis zum Finale hat es in Asien ja gereicht.
Während des Gesprächs in Leverkusen schaut Völler durch das Panoramaglas ins Stadion. Hier fing alles an. Hier war er Sportdirektor, nicht weiter beachtet, als sie ihn fragten, ob er nicht den Teamchef machen wolle, weil Ribbeck gefeuert war und Daum noch nicht frei. Seine Hauptqualifikation damals, wenn man ehrlich ist: Alle mochten ihn.
Völler ist kein Revoluzzer. Und keiner, der den Gegner am Schreibtisch besiegt, dafür hat er Michael Skibbe. Womöglich könnte Völler mit den ausgereiften Franzosen nicht viel anfangen. Aber für diese deutsche Mannschaft ist er der richtige Trainer. Und es gibt keine andere. Bis 2006 nicht. Sie ist begrenzt, sie kann nicht glänzen wie Portugiesen oder Holländer. Aber sie kann zermürben.

Typen braucht das stille Team, selbstbewusste, einen Fredi Bobic, 32, einen, der die Jungen locker schwatzt.© Robert Fischer
Ein labiler Haufen bestreitet nächsten Dienstag gegen Holland sein erstes Spiel in Portugal: die eine Hälfte noch grün hinter den Ohren, die andere, die mit den Etablierten, leckt sich die Wunden der Saison. Eine schutzbedürftige Gemeinschaft. Ein Team, dem man Mut machen muss, dann kann es, vielleicht, Großes schaffen.
"Das können wir unseren Landsleuten nicht antun", hat er in der Kabine in Bukarest gebrüllt. Er zürnte. Aber er sagte "wir", er sagte "Landsleute". Er setzt sich immer mit ins Boot. Völler, 44 Jahre alt, Arbeitersohn, vier Kinder, hat selbst in seiner Karriere alles erlebt, und deswegen weiß er, wie er jeden Profi anpacken muss. Er brennt vor Ehrgeiz, und er lenkt die Gruppe durch Wärme. Er ist das Kraftwerk dieses Teams.
Bei einem Match steht er meist nur da, die Arme verschränkt, und schmiegt sich in das Spiel. Nach wichtigen Partien sieht er so erschöpft aus, als hätte er mitgekickt. Und diese unzuverlässige, begabte, zum Haareraufen unberechenbare Mannschaft braucht das auch. Sie braucht einen Spielertrainer.
Der hat die beste Ausbildung genossen, die es gibt: Sechs Jahre diente er unterm Kaiser, seinem ersten Lehrmeister. Der zweite Lehrmeister: er selbst. 589 Spiele auf höchstem Niveau hat Völler bestritten, sechs große Turniere erlebt, die Schultern hochgezogen, seltsam watschelnd, aber sauschnell auf den ersten Metern. 1990 wurde er Weltmeister, und 1994 flog er gegen Bulgarien raus. Instinktiv hat er in dieser Zeit aufgesogen, wie sich Erfolg locken lässt: wenn in einer Mannschaft alle wirklich wollen. Das ist sehr schwer zu steuern, es ist eine Kunst, Mannschaftsführung. Aber das ist Völlers ganzes Programm. Es ist begrenzt. Aber das ist sein Team auch.
"Ohne einen starken Trainer geht das Theater los", sagt Dietmar Hamann, den Völler zum Herrn des defensiven Mittelfelds befördert hat, ein kluger Schachzug, "und so einen Trainer haben wir." Ein starker Coach ist treu, dann dankt es ihm sein Schützling.
Am besten lässt sich der Spielertrainer mit seiner Italienphase erklären. 1987 war's, Völler wechselte zum AS Rom, deutscher Wunderstürmer. Und Rudi traf nicht. War verletzt, saß auf der Bank. In der italienischen Presse verglichen sie Torzahl mit Ablösesumme, miese Quote. Aber Teamchef Franz Beckenbauer sagte vor der EM 1988 nur: "Wenn Rudi spielen will, dann spielt er." Und Rudi spielte.
Ein Stürmer, altes Klischee, sagt danke schön mit Toren. Rudi schoss die Deutschen mit zwei Treffern ins Halbfinale, damals begann das mit dem Ruuudi. Und im WM-Finale 1990 war es der erneut Umstrittene, den schon das Alter bremste, der den Elfmeter rausholte. "Die Nationalmannschaft war mein Verein", sagte Völler mal, "und Franz Beckenbauer meine absolute Vertrauensperson."